Auf Zeit.de ist ein guter Artikel über 10 Desillusionierungen über den Kapitalismus im Rahmen der Finanzkrise erschienen.
Ich versuche, die 10 Punkte hier kurz zusammenzufassen (Alle Zitate stammen aus dem Artikel):
- Der Markt heilt sich selbst. ”Es wäre gewiss interessant gewesen, am Beispiel dieser Krise den Test auf die Immunreaktionen des krank spekulierten Organismus zu machen, aber selbst hartgesottene Wirtschaftsliberale, sogar die Banker, die mit fallenden Kursen ihre Rendite machen, wollten am Ende auf eine Gesundung nicht warten, die vielleicht nur um den Preis ihrer Existenz zu haben gewesen wäre, und riefen nach dem Staat, dessen Eingriffe sie noch vor Kurzem verteufelten.”
- Der Staat ist das Problem. ”Staatsverachtung war Pflicht unter Wirtschaftsliberalen und Mode unter Politikern. … Herablassung ist immer noch spürbar an der Art, wie die Staatsverächter dem Staat nun ihre geplatzten Milliardenschecks rüberschieben. Selbstverständlich soll er die Bankette bezahlen. Aschenputtel soll die Linsen aus der Asche klauben, Rumpelstilzchen Stroh zu Gold spinnen.”
- Amerika, du hast es besser. ”Kurzum, dass der Sozialstaatsträumer endlich in der Wirklichkeit ankommen und die ganze Welt nur den US-Kapitalismus kopieren müsse, um glücklich zu werden – diese Überzeugung war fester Bestandteil der amerikanischen Seele und ihrer europäischen Verehrer. … Der märchenhafte Way of Life der USA ist auf Pump gebaut, die Steuersenkungspolitik nützte vor allem den Wohlhabenden in den Premiumlagen, der Graben zwischen Arm und Reich ist schwindelerregend.”
- Der Kapitalismus ist virtuell geworden. “Virtueller Kapitalismus heißt: In endlosen Transaktionen vermehrt sich das Geld ohne den Umweg über die Ware, ohne direkte Investition. Es gibt zwar noch das Tal der Realwirtschaft mit ihren schwitzenden Menschen, schmutzigen Fabriken und eiligen Fließbändern; aber das große Geld wird im Himmel der Finanzwirtschaft gemacht, im coolen Universum der göttlichen Wall Street. … Tatsächlich existiert das Virtuelle nicht ohne das Reale. Der Finanzkapitalismus ist kein geschlossenes Universum, er schafft in der Wirklichkeit Armut im Überfluss und Elend im Reichtum.”
- Freier Markt macht freie Bürger. ”Man kann den Kapitalismus nicht kritisieren, ohne als Feind der Demokratie verfemt zu werden. … Doch Diktatur ist nicht das Gegenteil von Kapitalismus, und Kapitalismus ist noch keine Demokratie – wie das Beispiel China beweist. Die Freiheit des Marktes besteht lediglich darin, ungehindert Profit machen zu dürfen.”
- Versagen oder Systemzwang? “Hat das Individuum versagt oder das System? Wirtschaftsführer, wenn sie Massenentlassungen zu verantworten hatten, Hegdefondsmanager, wenn sie Firmen zerlegten, Spekulanten, wenn sie auf sinkende Kurse wetteten, haben sich stets damit gerechtfertigt, das System zwinge sie dazu. … Nun lässt sich aber sein systematischer Charakter sehr wohl auch bestreiten. Dann hätten wir es nicht mit Systemversagen, sondern menschlicher Unzulänglichkeit, wenn nicht Niedertracht zu tun. ”
- »Kapitalismus als Religion« “[D]ie kapitalistische Religion, schrieb Benjamin 1921, habe eine fundamentale Schwäche: Sie erlöst nicht, sie dient auch nicht der »Reform des Seins«, sondern verschuldet die Menschen untereinander. … Die Wall Street selbst, ihre »Jahrhundertkrise« (Alan Greenspan), hat die kapitalistische Religion entzaubert. Die unsichtbare Hand des Marktes ist unsichtbar, weil sie gar nicht existiert.”
- Heilsversprechen. “Auf Kritik an den Auswüchsen des Kapitalismus wurde in der Vergangenheit gerne mit der Frage geantwortet: Wollen Sie zurück in den Sozialismus? Die Frage unterstellte, dass sich Kapitalismus und Sozialismus als ausschließliche Alternativen gegenüberstehen. … Ein zurechtgestutzter Kapitalismus könnte seine Vorzüge behalten, man wird von ihm aber keinen Menschheitssegen mehr behaupten.”
- Schöpferische Zerstörung. ”Sie besagt, dass der Ökonomie eine geheime Zauberkraft innewohnt, denn was der Markt heute zerstöre, werde er morgen umso prächtiger neu erbauen. Nokia geht, doch ein anderes Unternehmen kommt, und so wäre die Zerstörung des Alten die Vollzugsform der besseren Zukunft. … Doch wer es nicht wusste, der weiß es nun: Es gibt eine Zerstörung, die nicht schöpferisch ist, sondern nur Zerstörung.”
- Am Ende wird alles gut. “Die Hoffnung war ja, dass der Keller sich von selbst aufräumt, dass ein starker Kapitalismus alle Menschheitsprobleme löst, am Ende sogar unsere Umwelt rettet. Nun erweist er sich als destruktiv: Ökonomie und Ökologie könnten gleichzeitig kollabieren. … Das Aufräumen des Kellers könnte damit beginnen, dass wir uns das Ausmaß der Rümpelei eingestehen. Dass wir die ökonomische Misere, die eine gesellschaftliche ist, nicht kleinreden.”
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