Das ist das Thema meiner nächsten Ausarbeitung. Ausgehend von 1Tim 3,1-13 und Titus 1, 5-9 soll ich eine praktische Roadmap erstellen, wie ich in meiner Gemeinde neue Leiter herantrainieren würde.
Ich habe mir dazu ein paar Gedanken gemacht, ein paar andere Stellen angeschaut und dann folgende, vorläufige, fünf Stichwortsätze erstellt:
1. Neue Leiter werden nicht gefunden, sondern geformt
Leiter fallen nicht vom Himmel. Keiner ist als Leiter geboren. Wir haben höchstens die Anlagen, gute Leiter zu werden. Leiter können auch nicht nach belieben transplantiert werden. War ich hier erfolgreich als Leiter, muss es nicht heißen, dass ich es dort auch sein werde. Folgenden Satz habe ich in einem Interview auf sport.ard.de gelesen:
“Erfolg ist keine Frage des Führungsstils, sondern ein Passungsproblem. Jeder Trainer passt nur in ganz bestimmt Kulturen, woanders passt er nicht. Da koppelt er nicht, da ist er sozusagen der Falsche.”
Die Herausforderung bei der Suche nach neuen Leitern ist es, sozusagen in die Zukunft zu schauen, in Potential zu investieren, nicht in fertiges Können und Leute dadurch Leute heranzubilden, die ins Umfeld passen (ohne unbedingt (angepasst) zu sein, siehe 5.)
2. Nachfolger sind keine Konkurrenz, sondern “Fortsetzung folgt”
Eine Beobachtung die ich gemacht habe, ist, dass Leute, die etwas aufbauen, manchmal dafür sorgen, dass das, was sie errichtet haben, auch von ihnen wieder demontiert wird. Ein Problem ist, dass man es nicht schafft, loszulassen. Man hält sich für unersetzlich. Und deshalb sieht man auch gar nicht die Notwendigkeit, Nachfolger für sich zu suchen und anzutrainieren. Denn das würde ja bedeuten einzugestehen, dass man irgendwann ersetzlich werden wird. Leiter sind in der Regel dominante Charaktere. Konkurrenz wird nicht geduldet. Was manchmal hilft, nämlich um sich durchzusetzen und das “Geschäft” (ich formulier das mal allgemeiner, über die Gemeinde hinaus) voranzutreiben, wird dann zum Problem, wenn das eigene Ego kein zweites neben sich zu lässt. Man möchte keine “Lame Duck” werden. Je länger aber man damit wartet, Nachfolger anzuleiten und in die Führung einzubauen, umso wahrscheinlicher ist es, dass es zu einer Katastrophe kommt, ist die alte Führungsperson dann auf einmal weg, sei es wegen Krankheit, Tod oder wieso auch immer. Kernfrage: Geht es um mich oder geht es um das, wofür ich Verantwortung trage?
3. Leiter werden im Gehen geformt, nicht im Sitzen
Hiermit schieße ich gegen meine eigene Zunft. Ich selber habe drei Jahre lang eine Bibelschule besucht und studiere jetzt schon seit 3 Jahren Theologie. Aber Bibelschulen und Akademien bilden keine Leiter aus. Mein abgeschlossenes Studium macht mich nicht zu einem fertigen Leiter. Schulen vermitteln Wissen und Fertigkeiten. Leiter haben aber nicht bloß Wissen und Können (siehe dazu der nächste Punkt!). Habe ich eine Bibelschule oder Akademie besucht, dann bin ich erst einmal nur ausgebildeter oder studierter Theologie mit dem Potential Leiter zu werden. Zum Leiter werde ich aber nur “on the way”, während ich unterwegs bin, angeleitet von anderen, erfahrenen Leitern.
4. Leiter sind Charakter angereichert mit Können
Wer 1Tim 3,1-13 oder Titus 1,5-9 genau studiert, wird merken, dass die Qualifikationen für einen guten Leiter, die Paulus dort niederschreibt, nicht so viel mit Können und Wissen als mit Charakter und Persönlichkeit zu tun haben. Mein Professor sagt zu recht: “Können kann man beibringen, aber Charakter zu prägen ist viel langwieriger und schwieriger”. Eine potentielle Leitungspersönlichkeit zeichnet sich erst einmal durch seinen Charakter aus. Darauf kann dann aufgebaut werden, u.a. durch Vermittlung von Können und Wissen (s.o. unter 3.)
5. Wirf einen zweiten Blick auf den Weirdo (alternativ: Leiter haben nicht unbedingt den besten cw-Wert)
Die “Donner-Brüder”, Petrus, Paulus … alleine diese kleine Gruppe von Personen und bedeutenden Leitern verdeutlicht, dass Leiter nicht unbedingt Plüschfiguren sind. Sie alle hatte ihre Ecken und Kanten, waren teilweise ungehobelt und unbequem. Ein Leiter ist nicht unbedingt die konformste Persönlichkeit. Willst du einen Verwalter? Dann wähl’ den braven angepassten. Willst du einen Leiter, dann nimm den Weirdo, den Querkopf, der dich alle Nerven kostet. Investier dich in ihn und nutze seine Energie und Querdenkerei um aus ihm einen guten Leiter zu machen, der bereit ist, auch neue Wege zu gehen, auch wenn das Widerstand bedeutet.
Das alles ist noch sehr grob und nicht wissenschaftlich fundiert, eher Denken beim Schreiben. Wenn du meinst, etwas davon trifft gar nicht zu, oder ich hätte da was falsch im Blick, dann schreib mir bitte einen Kommentar und lass uns ins Gespräch kommen.
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November 29th, 2008 at 10:55
Zu Punkt 3: Ich denke, dass gerade das die Herausforderung unserer Zunft während des Studiums ist. Nicht nur bloße Theorie sondern die Praxis ebenso zu berücksichtigen, damit das Studium “mehr Sinn macht”.
Die große Herausforderung für Gemeinden, die das Ziel haben Leiter auszubilden ist, auf der einen Seite dafür Sorge zu tragen, dass die theologische Ausbildung der potentiellen Leiter sehr gut wird und zum zweiten (und mindestens ebenbürtig dem ersten Gedanken) die Studierenden mit in die Praxis hineinzunehmen und/oder ihn/sie zu ermutigen mehr Engagement zu zeigen.
December 1st, 2008 at 11:32
@ Jürgen: Meine Frage ist nur, ob ein potentieller Leiter unbedingt (auf jeden Fall) eine theologische Ausbildung benötigt oder “reicht es aus” wenn er durch selbstständiges Bibelstudium im Glauben wächst?
@ Karl: Deine Punkte bzw. Gedanken finde ich sehr gut! Ausbaufähig aber sehr gut - würde mich interessieren, was du daraus machst.
Was ich noch als sehr wichtig empfinde, was du auch schon angerissen hast, ist der “Zeitaufwand” oder besser das langwierige Investieren in Menschen. Oft ist es heute nicht mehr “in” sich in Menschen zu investieren, viel Zeit und Mühe in sie hinein zustecken, aber es ist unbedingt von Nöten, wenn ich einen guten Leiter anlernen will.
December 1st, 2008 at 11:54
Hab mich missverständlich ausgedrückt: Bei der theologischen Ausbildung geht es mir nicht um ein akademischen Studium, abgeschlossen mit irgendeinem Titel, sondern um allgemeines Studium. Es kann also auch sehr gut ein selbständiges Studium sein.
Meines Erachtens wird es aber problematisch wenn dieses selbstständige Studium so selbstständig ist, dass es keinen Dialog über die Inhalte gibt, sondern einzig und allein im stillen Kämmerlein geschieht und man schließlich glaubt, so muss es jetzt sein und der Rest der Welt ist falsch, weil ich im stillen Kämmerlein, geführt durch den Heiligen Geist und sonst niemandem, zu meinem Ergebnis gekommen bin.
Ein zweiter Gedanke dazu: Oftmals ist ein selbstständiges Studium nicht so ausgewogen wie es unter Begleitung (in Form einer Schule, Studienhilfen, Fernstudium,…)sein kann, und hoffentlich immer ist.
Ein letzter Gedanke: Ich beobachte leider (mich eingeschlossen), dass man nicht automatisch im Glauben wächst, weil man “Theologie” studiert. Das heißt auch, dass man die geistliche Reife nicht am Wissen oder dem akademischen Grad messen kann.
December 1st, 2008 at 19:51
finde ich schon alles ganz gut. Besonders Punkt 4. Mir kam dann nur die Frage, wie man dann einen Charakter formt. Das ist denke ich dann ein wichtiger Unterpunkt.
Als kleinen Zusatzgedanken zum Charakter; jemand hat mal Charakter so definiert:
Charakter ist wie man sich verhält, wenn man alleine ist.
Ich bin gespannt auf deine Ergebnisse.
December 1st, 2008 at 22:38
Hey Leute,
danke für eure Kommentare und Gedanken!
December 3rd, 2008 at 12:31
@Jürgen - die Frage, die sich mir stellt ist dann: ist das die Aufgabe des Studiums (also die Praxis mit hineinzunehmen) oder [des Pastors| der Gemeindeleitung|des Coaches|der Gemeinde|...].
Ich persönlich fände eine Art Duales Ausbildungskonzept, wie es bei einer handwerklichen Ausbildung in D praktiziert wird, ganz sinnvoll. Hier und dort gibt es ja auch in der theologischen Ausbildung. Allerdings selten.
Grundzüge:
Du wirst in einer Gemeinde ausgebildet, die eng mit einer Schule zusammenarbeitet.
Voraussetzung:
Enge Abstimmung der Lehrinhalte und guter Coach in der Gemeinde und ne Schule mit Praxis im Blick.
Was aber m.E. nicht geht, ist Praxis in der Schule zu lernen. Bzw. nur sehr Bruchstückhaft. Im besten Fall kriege ich die Theorie der Praxis gelehrt, sodass ich die Sachen schon durchdacht habe und nicht vor meiner ersten Predigt/Bibelstunde/Hauskeis/Mitarbeitersitzung/… mir überlegen muss, WIE ich sowas anpacken soll. Dass es aber gelernt sein will, selbst eine gut durchdachte Methode in die Tat umzusetzen - das ist denke ich klar.
@Karl: sehr cool.
bist ja richtig produktiv in LA
December 3rd, 2008 at 14:59
@ Jürgen: Hab dich schon richtig verstanden, wollte diesen Aspekt einfach in deinen Gedankengang hineinwerfen. Und natürlich stimme ich dir zu, dass das Selbststudium nie ein Monolog sein darf!
@ Markus: Könnte eine Gemeinde nicht auch Ausbilden ohne eine seperate Schule im Hintergrund? In einer Gemeinde, die bewusst & mit System ihre Leute schult, könnten Theorie und Praxis zusammenfließen. Gewiss nicht auf FTH Niveau und ohne Abschluss, aber es wäre eine gute Möglichkeit neue Leiter einen guten theologischen Grundstock mitzugeben.
@ Karl: Hab ich dir schon gesagt, dass ich deine Überschriften total cool finde?!?! Ich könnte sie immer wieder lesen … sie zerlaufen förmlich auf der Zunge!
December 3rd, 2008 at 18:18
@Claudi: Danke! Demnächst gibt es die auch mit Vanille-Geschmack
December 5th, 2008 at 17:48
@Markus: Ich denke, dass es wünschenswert wäre, wenn eine Ausbildungsstätte das leisten könnte. Kann sie aber nicht. Von daher klingt Duales Studium sehr gut.
Die Ausbildungsstätte hat aber trotz allem, denke ich, die Verantwortung, das Studium so zu gestalten, dass die Theorie auf die Praxis vorbereitet und die Studierenden nicht durch die Theorie erschlägt. Wissen allein reicht macht keine guten Leiter. Und Wissen allein hilft einem auch nicht in der Praxis weiter.
December 8th, 2008 at 20:31
Thema Duales System:
Meine Meinung ist, dass grundsätzlich keine Bibelschule notwendig wären, wenn Gemeinden ihren Lehrauftrag besser ausführen würden. Zumindest so weit, dass die eigenen internen Aufgabe in der Gemeinde wahrgenommen werden können.
Andererseits besteht dann doch wieder die Gefahr, einseitig zu lehren, sich abzugrenzen, sich gegen andere Lehrmeinungen völlig abzuschließen und so zu einem Ghetto zu werden.
Könnt ihr euch noch an den Besuch der konservativen Gemeinde in Bielefeld mit Michael Kotsch erinnern? Die Gemeinde hatte eine interne Bibelschule und eine große Bibliothek. Sie haben ihre Mitarbeiter sehr intensiv selbst ausgebildet. Doch in der nachfolgenden Stunde kamen Meldungen aus unserer Klasse, die sogar eine sektiererische Abgrenzung auf langfristige Zeit befürchteten.
December 9th, 2008 at 16:21
Kannst du mir die englische Version schicken. Oder ist die noch nicht fertig?
December 9th, 2008 at 21:16
Die ist fertig. Aber diese fünf Stichsätze sind nur ein Teil eines größeren Themengebietes und nicht der Kern der Arbeit. Daher habe ich die in der Arbeit auch kaum größer ausgearbeitet.
December 10th, 2008 at 0:50
Naja, würde mir zumindenst die Formulierung der Punkte auf Englisch ersparen. Fand das ganz treffend hier.