Im vorletzten Beitrag habe ich den Rahmen für das geschaffen, was jetzt folgt. Dabei bleibe ich bei meiner geäußerten These, dass Jerobeam keinen neuen Kult einführen wollte, sondern den Kult des einen Gottes in neuen Formen präsentieren wollte. Ich weiß, dass das nicht jeder so sieht, aber ich kann hier nicht den Gedankengang aus meiner Arbeit komplett nachzeichnen.
Es geht mir vielmehr darum, unter dieser gerade beschrieben Prämisse die daraus folgenden Anfragen aus dem Tun Jerobeams einige Fragen für Heute zu formulieren. Fragen vor allem an mich selbst und die mir selbst auch unbequem sind.
Wie erwähnt stelle ich diese Fragen unter zwei Überschriften: 1. Kult und Pragmatismus und 2. Kult und Kultur.
Kult und Pragmatismus
Jerobeam handelt aus menschlicher Sicht aus sehr pragmatischer und verständlicher Art und Weise. Er sichert sein Königreich. Und er tut das, indem er die Gefahr beseitigt, die davon ausgeht, dass sein Volk regelmäßig ins feindliche Nachbarland zieht und dort unter den Einfluß des “legitimeren” Konkurrenten gerät.
Mal ehrlich: Wäre hätte in so einer Situation nicht auch so gehandelt? Jaja, klar: Wir alle hätten Gott vertraut, wir hätten darauf gehört, dass Gott uns in 1Kön 11,38 ja ein beständiges Reich versprochen hat etc.
Nun, dann kommt aber gleich der nächste Vers: “Die Nachkommenschafts David aber will ich demütigen, doch nicht für alle Zeit“. Wenn ich König gewesen wäre in dieser Situation, dann hätte mich diese Aussage bis in meine Träume verfolgt. Was für ein Zeitraum ist hier gemeint? Wie lange soll das Königreich Davids gedemütigt werden? Und was passiert, wenn es wieder erstarkt? Etc.
Ich denke, wenn man nicht gerade superfromm ist, dann wird man in sein eigenes Leben schauend zugeben müssen, dass man wahrscheinlich sehr ähnlich gehandelt hätte, wie Jerobeam. Natürlich ist uns diese ganze Kult-Sache sehr fremd. Wir haben keine feste Kult-Praxis mehr, die so fest vorgegeben ist wie im AT. etc. Aber das Prinzip dahinter ist übertragbar.
Und die Anfrage für mich lautet: Wie weit darf unsere Pragmatik gehen? Wo sind die Grenzen, die wir nicht überschreiten dürfen? Gibt es diese Grenzen, auch wenn der Kult nicht mehr so fest vorgegeben ist und unser christlicher “Kult” viel flexibler ist?
An dieser Stelle muss ich gleich zur zweiten Überschrift, denn beide Punkte sind sehr eng miteinander verwoben, so dass man beide für das Gesamtbild benötigt.
Kult und Kultur
Jerobeam hat sich bei der Neuausrichtung des Kultes stark an der bestehenden Kult-Kultur der heidnischen Umwelt orientiert. Die Kälber waren nicht unübliche Kulttiere. Auch die Höhenheiligtümer waren normalerweise die Kultstätten für Baal und Aschera. Jerobeam übernimmt als bestehendes, was auch seinem Volk durch direkte Begegnungen mit der heidnischen Umwelt bekannt sein dürfte, um damit etwas neues zu formen. Er konnte den Jerusalemer Kult nicht einfach kopieren. Das wäre ein immenser Aufwand gewesen, der zuviel Zeit in Anspruch genommen hätte und aufgrund der fehlenden Leviten eh nicht 1:1 möglich gewesen wäre (wieder pragmatisches Handeln). Und ganz kreativ etwas ganz neues zu schaffen ist auch nicht immer so schnell möglich. Einen ganz neuen Kult schüttelt man nicht einfach so aus dem Ärmel.
So hat Jerobeam sich der ihn umgebenden Kultur bedient und den Jahwe-Kult quasi kontextualisiert. Mit der Folge, dass, wie erwähnt, der Übergang von dem einen Gott zu den anderen Göttern aufgrund der Ähnlichkeit der Kulte kein großes Problem mehr darstellte. Und das bewirkte im Endeffekt den Untergang des Nordreiches.
Meine Frage hier: Stellt das beschrieben Problem in unserer Zeit überhaupt noch eine Rolle? Vor allem im deutschen oder westlichen Kontext? Können wir aus diesem Fehlverhalten etwas lernen, oder hat uns das eigentlich nichts mehr zu sagen?
Ich selber bin hin- und hergerissen. Einerseits sehe ich das Problem, dass es Kult niemals ohne Kultur gibt. Selbst Jahwe bedient sich mancher kultureller Elemente, die bereits bestanden haben, um seinen Kult zu formen. Und auch heute sind unsere Kult-Praktiken, wie die Gebetshaltung etc., stark von unserer Kultur geprägt. Oder um es mal so zu formulieren: Kult inkarniert immer in der Kultur und ist nie ein davon losgelöstes, autarkes Element. Daher mache ich mir keinen Stress, wenn der Kult meiner Gemeinde Elemente meiner Kultur übernimmt.
Aber auf der anderen Seite ist da diese Linie im Könige-Buch, die sich durch die Geschichte des ganzen Nordreiches zieht. Immer wieder wird darauf angespielt, dass die Könige des Nordreichs nicht ablassen konnten von der Sünde Jerobeams. Und das führte letzendlichzum Untergang des Nordreiches. Und die Sünde ist, um es nochmal zu sagen: Jerobeam machte den Kult Jahwes zum Verwechseln ähnlich zum Kult der heidnischen Umwelt, so dass das Volk irgendwann den einen Gott mit den vielen Göttern ergänzte oder ersetzte. Zumindest versteh ich das so.
So viel von meiner Seite. Das alles sind noch total unfertige Gedanken. Das sind Anfragen, die mir im Kopf herumschwirren, und ich weiß selber noch nicht, ob sie berechtigt sind, oder nicht. Ob ich da etwas an der falschen Stelle aufsattele, ob ich da in eine falsche Richtung denke etc. Aber ich bin mal gespannt, was ihr so dazu meint.
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