Ich bin neben meinem Praktikum weiter dabei, der Sünde Jerobeams auf die Spur zu kommen. Und die grobe Frage dabei lautet: War es sein Vergehen, dass er heidnische Kulte in Israel eingeführt hat? Hat er mit den goldenen Kälbern neue Götter in Israel eingeführt? Oder liegt das Problem an einer anderen Stelle?
Ich bin nicht davon überzeugt, dass die Sünde Jerobeams darin besteht, dass er selber neue Götter in Israel eingeführt hat. Zumindest aus menschlicher Sicht nicht. Die ganze Sache ist etwas subtiler und mehrschichtiger.
Ich denke, sein Grundanliegen war es, den Kult des einen Gottes in neue Formen zu bringen, und vor allem zu dezentralisieren und von Jerusalem zu lösen, damit sein Volk nicht ständig ins Südreich pilgern muss und dort auf dumme Gedanken kommt.
Dazu ergreift er vier Maßnahmen:
1. Er lässt zwei goldene Kälber errichten, die entweder den einen Gott repräsentieren sollen, oder als so genannte “Postamenttiere” dienen, d.h. als Reittiere für den unsichtbaren Gott, der über ihnen steht. Die Parallele dazu wäre die Bundeslade, über der Gott thront.
2. Lässt er Höhenheiligtümer errichten. Das ist etwas schwierig in Bezug auf meine These, dass er keinen fremden Kult eingeführt, keine fremden Götter. Denn zwei Kapitel später wirft Gott ihm vor, Ascherenbilder aufgestellt zu haben. Aber es gibt auch Hinweise darauf, dass das auch in eine andere Richtung gedeutet werden kann. Ich denke, auch das deutet mehr auf eine Dezentralisierung des Kultes hin, quasi: “Der Kult vor deiner Haustür - vergiss Jerusalem”
3. Erlaubt er es sich gegen das Gesetz, dass auch nicht-Leviten zu Priestern werden. Damit löst er sich von den Leviten, die ja kultisch an Jerusalem gebunden sind.
4. Führt er ein neues Fest ein. Ist das eine einmalige Sache? Ist das ein Revofest (sorry Danny, aber das klingt an der Stelle einfach gut ;-)) gegen das Laubhüttenfest? Auf jeden Fall will er sich auch damit vom Südreich lösen.
Wie gesagt, bin ich nicht davon überzeugt, dass Jerobeam eine heidnische Religion im Nordreich etablieren wollte. Vielmehr geht es ihm darum, den Jahwe-Kult in neuen Formen zu präsentieren. Das Problem an den neuen Formen ist, dass sie so viele Ähnlichkeiten mit den Kulten der umliegenden Völker haben, dass er damit Tür und Tor für die Vermischung von Jahwe-Kult und heidnischen Kulten geöffnet hat. Denn auf den Höhenheiligtümern wurde sonst Baal und Aschera geopfert. Die Ähnlichkeit der Anbetung ist so groß, dass der Schritt zum anderen Gott ein kleiner Schritt geworden ist.
Ähnlich ist das auch bei den beiden Kälbern. Dafür zitiere ich aus der vorläufigen Fassung meiner Arbeit:
Wer sich ein Bild von Gott macht, der macht sich diesen Gott verfügbar. Er definiert diesen Gott und sperrt ihn ein in eine bestimmte Form. Das aber kann Gott nicht mit sich machen lassen. Deshalb formuliert Gott nach dem „Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben“ auch gleich das „Du sollst dir kein Gottesbild anfertigen“. Denn jedes Gottesbild, auch wenn es in der Absicht gefertigt wird, den einen Gott darzustellen, ist automatisch ein falscher Gott. Denn ein Bild wird dem einem Gott niemals gerecht werden können und so zementiert ein Gottesbild selbst im besten Fall nur eine Perspektive auf den einen Gott und erhebt diese Perspektive auf Gott zu Gott selbst.
An dieser Stelle kommen wir wieder zurück zu Jerobeam. Er erliegt dem selben Fehler und der Verfasser muss gar nicht viel mehr tun, als dem Leser die Sinai-Szene vor Augen zu malen, um genau auf diesen Fehler hinzuweisen. Jerobeams Absicht ist es nicht unbedingt, ganz andere Götter einzuführen, oder den einen Gott ganz beiseite zu lassen. Die Kälber sollten vielmehr tatsächlich den einen Gott repräsentieren.
Aber in dem Moment, in dem Jerobeam den einen Gott in ein Bild zu pressen versucht, erschafft er einen anderen Gott und verführt das Volk dazu, eine Perspektive auf Gott zu ihrem Gott zu machen und damit automatisch einen falschen Gott anzubeten.
Und auch hier ist wieder der Weg nicht weit von der Anbetung Jahwes, die mit dem Kalb verbunden ist, zur Anbetung heidnischer Götter, die auch mit dem Kalb verbunden war.
Die Konsequenz für Heute sehe ich vor allem unter zwei Überschriften:
1. Kult und Pragmatismus
2. Kult und Kultur
Aber dazu später mehr. Der Post ist schon viel länger geworden, als gewollt. Ich hoffe, ich komme im Laufe der Woche dazu, das weiterzuführen.
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März 3rd, 2008 at 12:15
Joa, ich seh das an der Stelle ähnlich. Das ist im Grunde das, was ich beim Kommentar zu deinem vorigen Post über Jerobeam als zweite Frage gemeint habe. Ich glaube nämlich auch nicht, dass er die Absicht hatte einen neuen Gott zu erschaffen oder Baal bzw Aschera im Nordreich zu etablieren. Faktisch hat er die Tür dahin aufgestoßen, aber ich glaube nicht, dass es seine Absicht war und ich weiß nicht, inwieweit er sich dessen in dem Moment wirklich bewusst war.
Auf der andern Seite:
Paar Kapitel später wird ihm von einem Propheten vorgeworfen was er gemacht hat, also spätestens da muss es ihm klar geworden sein, dass er sich von JHWH abgetrennt hat, und in dem Moment hat er sich ja auch selber von JHWH losgesagt in dem er den Propheten umbringen lassen wollte.
März 4th, 2008 at 9:47
Ich frag mich wie Ihr drauf kommt, daß Jerobeam keinen neuen Kult einführen wollte…? Mal abgesehen davon: Mußte er das denn? Er herrschte über das Nordreich mit seinen vielen befestigten (Kanaanäer-) Städten. Die hatten die Kulte schon. Demnach wäre die Sünde dann, diese Kulte zuzulassen bzw nichts dagegen unternommen zu haben.
Aschera wird ja auch auf hebräischen Inschriften als Frau des Jahwe dargestellt, insofern könnte da ein Kritikpunkt liegen.
Ich hab letztes Jahr Zwischenprüfung zur Geschichte Israels und Judas gemacht, und daher hab ich das alles noch im Hinterkopf. dazu hab ich die Geschichte Israels und seiner Nachbarn von Herbert Donner gelesen, da steht das alles noch mal richtiger und besser. Ich fand das ganz gut, vielleicht willste ja mal reingucken…
Gottes Segen
De Benny