Nein. Damit meine ich nicht das linguistische Problem gleichen Namens, das man folgendermaßen definieren kann:
An “illegitimate totality transfer” is an exegetical error of importing the “sense of meaning” of a word or phrase as determined in one context or linguistic setting into all uses of the word or phrase regardless of context or linguistic setting. It is essentially a function of the inappropriate study of God’s Word and the practice of jumping to theological conclusions. (Quelle: bibleone.net)
Darüber könnte man natürlich auch schreiben, denn das ist ein ganz häufiges und gleichzeitig ganz unangebrachtes Auslegungsprinzip, ein linguistischer Zombie, den man endlich mal ausrotten sollte. Aber darum geht es mir nicht in diesem Beitrag. Mit diesem Problem schlägt sich z.B. schon Carson in seinem jetzt auf Deutsch erhältlichen Buch “Stolpersteiner der Schriftauslegung” herum, dass für alle Ausleger und Prediger eigentlich Pflicht werden sollte.
Mir geht es eher um ein Phänomen, dass auch mit diesem Fachbegriff umrissen werden könnte und das sogar gewisse Ähnlichkeiten mit dem linguistischen Phänomen aufweist.
Ich möchte meine Beobachtung anhand zweier Beispiele verdeutlichen und meinen aufmerksamen Leser dafür sensibiliseren: Musik und Technik.
Wenn jemand eine Weile in der Gemeinde verantwortlich mitarbeitet, so wie das bei mir z.B. durch den “Feierabend” der FeG Gießen der Fall ist, wird mit diesen beiden Bereich auf jeden Fall zu tun haben.
Und ich habe folgende Beobachtung von “Illegitimate Totality Transfer” gemacht: Da ist jemand, der kann z.B. im Chor gut singen, heißt: Die Person trifft die Töne und hat genug Rythmus, um bei Liedern mitzukommen. Weil diese Person jetzt gut singen kann, nimmt man an, dass sie in allen Gesangs-Bereich eingesetzt werden kann: Chor, Solo, Ensambles etc. Weil also diese Person im Chor ein wichtiges Mitglied ist und den Chor u.U. mitträgt, nimmt man an, diese Person könnte auch den Solo-Part übernehmen. Und das kann dann scheitern. Es klingt fürchterlich. Es kommt keine Atmosphäre auf. Erklär das aber den Musik-verantwortlichen, die überzeugt sind, dass diese Person gut singen kann, weil sie doch auch im Chor gut mitgesungen hat.
Der Fehler im Denken liegt darin, dass man glaubt, das eine Person, die sich musikalisch in einem Bereich bewährt hat, damit automatisch auch in allen anderen musikalischen Bereichen geeignet ist.
Das aber muss nicht sein. Nicht jeder, der gut Solo singen kann, eignet sich für das Duett in einer Band oder für den Chor. Und auch nicht jeder, der gut in der Band singen kann, ist ein guter Solo-Sänger etc.
Die Musiker mit etwas Reflektions-Fähigkeit unter euch werden das selbstverständlich finden. Und es sollte auch selbstverständlich sein. Aber leider muss ich zu oft feststellen, dass das in vielen Gemeinden leider nicht selbstverständlich ist. Und dadurch entstehen viele Probleme, weil musikalisch dann keine Atmosphäre entsteht und die Verantwortlichen wissen nicht, woran das liegt, denn die Person, die man ausgesucht hat, das Solo zu singen, kann doch gut singen etc. Ja, sie kann es, aber vielleicht nur im Chor und dort erstklassig, aber eben nicht als Solo vorne.
Keine Ahnung, ob euch das einsichtig ist. Vielleicht habt ihr das nicht erlebt und könnt das nicht nachvollziehen. Aber ich habe das mehrmals erlebt und ich habe gleich einige Situationen vor Augen.
Der zweite Bereich, der der Technik, betrifft mich persönlich sogar noch mehr. Ich denke, dass ich mit Technik relativ gut umgehen kann. Mit Computern habe ich zu tun, seitdem ich zurück denken kann. Ich habe einen viel ungezwungeren Zugang zu Computern, als viele andere. Das merke ich vor allem dann, wenn man mich bittet, Probleme mit irgendwelchen PCs zu lösen. Die Person hat es stundenlang versucht und ist ständig gescheitert. Ich setz’ mich dran und weiß einfach, worauf ich achten muss und nach fünf Minuten geht’s wieder. Das soll jetzt nicht arrogant klingen. Und ich weiß, dass man als guter Christ nicht offen darüber redet, was man kann. Man ist ja ein armer unfähiger schwacher Mensch. Ich sag’ das jetzt trotzdem mal so offen.
Ich sag’ aber auch, was ich nicht kann. Und das verstehen dann viele nicht. Ich kann z.B. überhaupt nicht programmieren. Ich habe nicht viel Ahnung von Hardware. Ich kenne mich nicht gut mit Microsoft Office aus. Ich bin nicht automatisch mit jeder technischen Sound-Anlage vertraut etc. Und das kriegen viele nicht zusammen: “Aber du kannst doch gut mit Computern umgehen…”.
Ja. Aber eben nicht mit allen Bereichen der Technik und auch nicht mit allen Bereichen des Computers. Und hier haben wir den selben Fehler im Denken, wie oben: “Weil ich in einem Bereich eine größeren Kategorie gut bin, muss ich auch mit allen anderen Bereichen dieser Kategorie umgehen können” => “Illegitimate Totality Transfer”
Wenn man das nicht reflektiert und anerkennt, dann kann das Frust auf beiden Seiten erzeugen, denn auf der einen Seite ist das Unverständnis da, wieso diese Person zwar in dem Bereich gut ist, aber im angrenzenden Bereich der gleichen Kategorie eben nicht. Und auf der anderen Seite erzeugt es Frust, weil man sich immer erklären muss, wieso man gut mit Windows, Linux, Mac OS X etc. umgehen kann und viele Probleme recht schnell lösen kann. Aber wieso man damit noch nicht automatisch gut mit Excel oder Photoshop etc. umgehen kann.
Klingt das einsichtig? Ist das zu Trivial? Unnötige Gedankenverschwendung? Oder habt ihr ähnliche Erfahrungen gemacht und meint, man sollte das auf jeden Fall stärker zur Sprache bringen?
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April 15th, 2008 at 12:13
Vielleicht könnte man auch einfach kurz sagen: “Leute, denkt mal ein bisschen!”
Aber das wär vielleicht ein bisschen zu kurz und zu deutlich …
April 15th, 2008 at 13:36
Joa, das Problem kenn ich.
Vor allem merk ich immer wieder, dass bei Technik auch über Genre-grenzen hinweg ein Transfer statt findet. Tontechnik ist was gänzlich anderes als PC-Technik, obwohl beide das Wort “Technik” in der Beschreibung haben.
Kann ich einen PC benutzen (und sogar z.b. programmieren, Office benutzen, …) heißt das noch lange nicht, dass ich mit Tontechnik umgehen kann, da man für Tontechnik auch vor allem ein gutes Gehör und Intuition braucht und das elektrotechnisch / programmiertechnische Verständnis nicht so den Ausschlag gibt.
April 15th, 2008 at 13:42
Gute Gedanken Karl. Stimme dir zu. In der Praxis beobachte ich das oft:
1. Manche Leute wollen gleich große Verantwortungsbereiche auf sich nehmen oder gleich Leiter werden. Ich versuche nach dem Prinzip zu arbeiten: “wer im Kleinen treu ist, dem wird auch mehr Verantwortung gegeben werden.” Fange klein an, bewähre dich und dann steht dir eigentlich alles offen!
2. Die meisten Gemeinden können sich keine Bereichsexperten leisten - der Techniker ist also für alles verantwortlich (vom Audio bis zu Video bis zu Glühbirnen auswechseln). In einer wachsenden Gemeinde jedoch kann man immer spezifischer werden. Zu unserem Technikteam gehören ein Duzend Leute: von Kameraleute bis zu Videoschnitt, Soundboard und Licht-DJ. In vielen Gemeinden wird das alles von einer Person gemacht.
3. Die Leiter sind verantwortlich ihre Mitarbeiter - ob ehrenamtlich oder nicht - vor Burnout und Visionsverlust zu schützen. Leiter sind oft Alleskönner in ihrem Bereich und sollten regelmäßig die Gaben, Fähigkeiten und Spezialitäten jedes einzelnen Teammitglieds durchgehen und falls notwendig ändern. Hier ist der Leiter wirklich in einer Schlüsselposition und funktioniert (biblisch gesehen) als Hirte seiner Herde. Die meisten Hirten heutzutage in unseren Teams sind lediglich verantwortlich, monatliche Dienstpläne zu schreiben und falls notwendig mal einzuspringen. Ein Bereichsleiter ist ein Hirte und muss auf die Gesundheit seiner Schäfchen aufpassen
Ciao
Danny
April 15th, 2008 at 15:41
jupp, stimme dir voll zu.
)
Und ähnlich wie Danny sehe ich als zusätzlichen Aspekt des ITT die Arbeiter-Leiter-Geschichte: Ein guter Techniker sollte nicht unbedingt das Technik-Team leiten. Natürlich sollte der Leiter des Technik-Teams auch technisch was drauf haben (muss er aber nicht in jedem Bereich), aber jemand kann nicht automatisch das xyz-Technik-TEam (also Präsentations/Sound/ Webpage/…Team) leiten, nur weil er dir ein CMS in zehn Minuten in RoR auf die Beine stellt. Dazu braucht man dann nämlich auch noch Leiterfähigkeiten (und die haben Nerds nicht unbedingt
Wahrscheinlich hängt die ganze Geschichte damit zusammen, dass Technik in der Zwischenzeit so ausgeufert ist, dass ein Otto-Normal-Verbraucher gar nicht die Unterschiede sieht k.A., aber auf jeden Fall bin ich auch genug Leuten begegnet, die meinten, nur weil sie ihren PC selbst zusammenschrauben können, dass sie dann automatisch gute Präsentationen, etc. pp. auf die Beine stellen können.
cooler Post