Wie schon letztens geschrieben habe ich von Marlin Watling das Buch “Natürlich übernatürlich: die Geschichte der Vineyard-Bewegung” zugeschickt bekommen. Ich habe es dann in den letzten Tagen auch fleißig gelesen und bin gestern fertig geworden.
Wie der Titel schon sagt geht es in dem Buch um eine kurze Darstellung der Geschichte der Vineyard-Gemeinden. Das ist keine wissenschaftliche Dissertation zu diesem Thema, sondern viel mehr ein knapp 200-seitiger Überflug über die wichtigsten Stationen der Vineyard-Bewegung.
Das Buch ist in sieben Kapitel eingeteilt: 1. Hippies auf der Suche nach Echtheit; 2. Der Jazzmeister; 3. die Praxis Jesu; 4. Die Suche nach der radikalen Mitte; 5. Der europäische Wein; 6. Das Beste kommt noch; 7. Erfahrungen aus der zweiten Generation von Vineyard-Gemeinden.
Eingeleitet wird das Buch durch zwei Vorwörter (Wolfram Kopfermann und Martin Bühlmann), einer Einleitung, einer Dankes-Seite und einem Prolog.
Das Buch klingt mit einem Epilog und einem ausführlichen Anhang aus.
Das Buch ist sehr leicht zu lesen und spannend geschrieben. Mit etwas Konzentration kann man es an einem höchstens zwei gemütlichen Abenden durchlesen. Dabei wird viel Wert darauf gelegt, immer wieder auch die Original-Stimmen der Bewegung durch Zitate zu Wort kommen zu lassen.
Dazu kommen noch Kommentare durch einzelne Personen, die das Buch im voraus zu lesen erhalten haben (ein wenig wie bei Dan Kimballs “the Emerging Church”, wenn auch nicht so zahlreich).
Gröbere Fehler sind mir nicht aufgefallen, wobei ich das Buch auch nicht sooo gründlich gelesen habe, dass ich auf Rechtschreibfehler etc. geachtet hätte. Aufgefallen ist mir nur, dass auf S.41 ein * im Haupttext fehlt, obwohl unten ein Kommentar aufgeführt wird. Ob das ein Fehler ist oder ob das so gewollt ist, dass muss Marlin schon selbst wissen
Inhaltlich hat mich das Buch an manchen Stellen schon sehr herausgefordert. Vineyard war für mich immer mit zwei Themen verbunden: Vineyard music, das viele auch sehr gute Anbetungslieder produziert hat, und natürlich dem “Toronto-Segen”, der für sehr viel Aufruhr und Streit unter den Evangelikalen gesorgt hatte und manchem noch heute den Puls auf 180 hochjagt, sobald man diesen Begriff erwähnt.
Und so war ich am Anfang auch etwas skeptisch, was da denn so kommen mag im Buch. Und dann kommt man natürlich auch an solche Stellen: “Es sah aus wie auf einem Schlachtfeld. Überall lagen Körper, fallend, zitternd, weinend, schreiend, zungenredend - und der arme Tim leitete das Chaos” (S. 75). Oder: “Zunächst vereinzelt, und später immer mehr, traten bizarre Reaktionen auf, die dem Wirken des Heiligen Geistes zugeschrieben wurden. So begannen mehrere Personen, Tierlaute und Tiergesten von sich zu geben. Ein asiatischer Pastor brüllte wie ein Löwe und erklärte hinterher, das sei ein prophetisches Zeichen für Chinas Befreiung von Unterdrückung, sowohl gesellschaftlich als auch geistlich. Bald gab es nichts mehr, was es nicht gab …” (S. 106)
An anderen Stellen wird von Heilungen berichtet, wo scheinbar ganz offensichtlich Wirbelsäulen gerade gerichtet werden und zu kurze Beine plötzlich länger werden etc.
Man würde dem Buch und ich denke auch der ganzen Bewegung unrecht tun, wenn man es hierbei belassen würde und die anderen Seiten nicht beleuchten würde. Vineyard geht es nicht nur um solche sichtbaren Wunderzeichen. Im Gegenteil hat sich Vineyard sogar von der Toronto-Gemeinde getrennt. Von Vineyard-Seite wurde nämlich u.a. auf folgendes Wert gelegt: “Es geht um langfristige Frucht, nicht nur Erfahrungen; daher sollten Manifestationen nicht in den Vordergrund gestellt werden, sondern die Frucht und die Gaben des Geistes, so wie auch Evangelisation und Gemeindegründung” (S. 107).
Und diese anderen Seiten sind es auch, die mir sehr gefallen haben. “Denkt an die Armen” ist ein Leitsatz von Vineyard. Es geht auch um Barmherzigkeit, um Hilfe für die Leidenden dieser Welt. Und es geht um die Verlorenen der Welt, die Christus noch nicht kennen. Das hat Vineyard immer motiviert, neue Gemeinden zu gründen und ganz viel Wert auf Mission und Evangelisation zu legen.
Das Zentrum der Vineyard-Theologie ist die von George E. Ladd geprägte “Reich-Gottes” Theologie des “jetzt schon und noch nicht”. Das Reich Gottes ist jetzt schon angebrochen und das bedeutet, dass Heilung und Veränderung etc. möglich sind. Aber es ist noch nicht in Vollendung da. Und daher gibt es noch keine Sündlosikeit, Freiheit von Leiden etc.
Aufgrund dieser Theologie will Vineyard offen sein für das Wirken des Geistes, ohne sich allein darum zu drehen, sondern auch immer die anderen Aspekte der “Reich-Gottes” Theologie betonen.
Beim Lesen war ich immer wieder hin- und hergeworfen zwischen Skepsis und Inspiration und Motivation. Ich komme eher aus einem anti-charismatischen Background und habe so meine Probleme mit manchen Berichten, die ich im Buch gelesen habe. Ich weiß sie nicht so recht einzuordnen. Ich möchte nicht alles gleich verteufeln, aber auch nicht sofort gleich als “so muss der Geist wirken” verstehen.
Aber beim Lesen wurde ich wieder herausgefordert, doch offen zu sein und zu bleiben für das Wirken des Geistes, das eine Realität ist und wovor man auch keine Angst haben braucht.
Auf der anderen Seite hat mich die Vineyard Bewegung aber erneut auch auf die anderen Aspekte aufmerksam gemacht, nämlich dass diese Welt unsere Barmherzigkeit und Offenheit braucht. Dass man Menschen, die uns vielleicht suspekt erscheinen, annehmen und aufnehmen muss, so wie Jesus das auch getan hat. Viele Bekehrungsberichte im Buch stehen damit in Verbindung, dass die Menschen, die sich bekehrt haben, in den Gemeinden eine besondere Herzlichkeit und Wärme gespürt haben. Und das ist mir neu bewusst geworden und es hat mich motiviert, darüber nachzudenken, wie man das auch heute wieder realisieren kann, auch in der Arbeit, in der ich verantwortlich mitarbeite.
Da ich kein Vineyard-Experte bin, weiß ich nicht, wie zuverlässig das Buch aus rein historischer Perspektive ist. Aber es erscheint mir sauber recherchiert zu sein. Es hilft einem, einen guten Einblick in die zentralen Glaubens- und Motivationsaspekte der Vineyard-Bewegung und der Theologie John Wimbers zu erhalten.
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