Das ist nun schon der dritte Beitrag zu dem Thema (Beitrag 1; Beitrag 2) und es ist sehr gut möglich, dass noch viele weitere Folgen werden. Ich bin immer noch dabei, mich aus verschiedenen Perspektiven an diese ganze Thematik zu nähern und darüber zu reflektieren, wo ich eigentlich stehe, um mich dann selbstkritisch mit der ganzen Sache auseinandersetzen zu können.

Den vorigen Beitrag habe ich mit einem Hinweis auf die Weltentwürfe und philosophischen Anfragen von Huxley und Asimov abgeschlossen. Meine These dabei ist, dass wir uns immer mehr an die in diesen Werken gestellten Fragen über das Mensch-Sein annähern, ohne dass es uns vielleicht bewusst ist.

Aldous Huxleys Dystopie-Roman “Schöne neue Welt” stellt die u.A. die Frage, ob man den Menschen zu bloßer “Materie” degradieren darf. In der schönen neuen Welt gibt es fünf Klassen von Menschen: von Alpha bis Epsilon. Je tiefer ein Mensch eingereiht wird, umso weniger ist er in der Lage, selbständig zu denken und zu handeln.

Kurz nach der Befruchtung der Eizelle wird bei den Gammas bis Epsilons das natürliche Wachstum der Eizelle unterbrochen und diese dazu verleitet, sich zu teilen, so dass am Ende aus der selben Eizelle dutzende identischer Menschen werden. Das ist, sehr einfach gesagt, der selbe Prozess, der auch bei eineiigen Zwillingen stattfindet, nur hier industriell verfeinert. Nach dem Vorteil dieser Methode befragt, antwortet der Verantwortliche einer Zucht-Fabrik, wo die Gammas bis Epsilons gezüchtet werden, folgendermaßen: “Menschen einer einzigen Prägung, in einheitlichen Gruppen. Ein einziges bokanowskysiertes Ei lieferte die Belegschaft für eine kleine Fabrik. ‘Sechsundneunzig völlig identische Geschwister bedienen sechsundneunzig völlig identische Maschinen!’ … Massenproduktion endlich auch in der Biologie.” (S. 24)

Auch der Film “Die Insel” greift das Thema “Der Mensch als Materie” auf. Und auch wenn man den Film vielleicht nicht für ein künstlerisches Meisterwerk halten muss, so ist doch die Frage, die er aufwirft, auf jeden Fall bedenkenswert. Dort lassen reiche Menschen Klone von sich herstellen, um, falls sie Krank werden, zur Not Organe wie Ersatzteile von diesen Klonen zu erhalten.

Alles nur Science-Fiction-Hirngespinste? Das hat nichts mit unserer Realität zu tun? Niemand würde jemals so weit gehen?

Ich weiß es nicht. Wie schon mal geschrieben, zeigt die Geschichte der Menschheit leider, dass der Mensch alles ausprobiert, wozu er zu tun imstande ist. Und sei es auch nur wegen des Geldes. Ich kann da leider nicht mehr so gutgläubig und naiv sein, dass ich glauben würde, dass niemand in diese Richtung hinarbeiten würde, wenn die Technik es ermöglichen und jemand dafür bezahlen würde.

Und ein erster Schritt in diese Richtung ist die embryonale Stammzellenforschung. Hier werden Eizellen gezielt befruchtet. Die befruchtete Eizelle teilt sich mehrmals. Diese Zellen sind “pluripotente embryonale Stammzellen”. Ganz simpel gesagt, bedeutet das, dass sich aus diesen Zellen alle anderen Zellen des Körpers entwickeln können. Und deshalb sind diese Zellen so interessant für die Forschung, denn mit diesen Zellen kann man, wenn man deren Entwicklung steuern kann, theoretisch alle Teile des Körpers “züchten”. Ich bin bei weitem kein Experte auf diesem Gebiet und greife hier auf mein Schulwissen zurück. Aber ich denke, im Kern sollte ich die Grundidee hinter der Stammzellenforschung sachlich richtig wiedergegeben haben. Die Hoffnung ist es, mithilfe der embryonalen Stammzellen verschiedene Krankheiten, bis hin zu Krebs oder Alzheimer etc. zu heilen. Ein wenig platt formuliert könnte man sagen, dass diese Stammzellen wie ein Wundermittel der Medizin dargestellt werden, mit dem man fast alles heilen könnte.

Und aus rein medizinischer Sicht ist die Stammzellenforschung tatsächlich sehr vielversprechend. Denn Stammzellen sind ja tatsächlich pluripotent, können sich also in jede andere Zelle entwickeln und damit theoretisch tatsächlich als Ersatz für beschädigtes Gewebe dienen. Vielen Menschen könnte so geholfen werden.

Das Problem: Um diesen Menschen helfen zu können, müssen viele Stammzellen produziert werden, und dafür müssen viele Eizellen befruchtet und Embryonen gezüchtet und dann “zerstört” oder “getötet” werden. Und hiermit sind wir wieder bei der vorher gestellten Frage: Wann beginnt der Mensch zum Menschen zu werden?

Ist dieser Stammzell-Klumpen nach der Befruchtung schon ein Mensch, mit all den Rechten, die einem Menschen zukommen, und darunter das fundamentalste Menschenrecht, nämlich: das Recht auf Leben?

Ausnahmsweise stimme ich hier mit Volker Beck überein, der sich in der Bundestagsdebatte zur Stichtagsregelung mit u.a. folgender Begründung gegen eine Verschiebung des Stichtags ausgesprochen hat:

Mit der Verschmelzung von Ei und Samenzelle entsteht neues menschliches Leben, damit ist die genetische Identität eines Menschen festgelegt. (Quelle: Volker Beck)

Ich sehe mit der embryonalen Stammzellenforschung das Problem, dass der Mensch entmenschlicht wird und auf sein bloßes materielles Dasein reduziert wird, auf seine Gene und Moleküle, auf die Potentialität seiner Stammzellen etc. Jeder Mensch würde sich dagegen wehren, wenn man ihn wie eine Maschine behandeln würde, wie das z.B. bei den Sklaven in der Antike der Fall gewesen ist, die als bewegliche Gegenstände angesehen wurden.

Aber im Grunde wird der Mensch bei der Stammzellenforschung auch als ein “Gegenstand” angesehen, den man nach belieben manipulieren kann. Und das wir immer weniger Probleme damit haben, ist für mich einerseits ein Symptom für eine sich ent-menschlichende Gesellschaft; und andererseits wird der verstärkt unproblematische Umgang mit Embryonen als Forschungs-Gegenstand zum Katalysator für eben diese Entwicklung innerhalb der Gesellschaft. Und ich weiß nicht, ob wir die Folgen dieser Entwicklung schon absehen können. Denn in den Medien wird, was verständlich ist, immer nur auf die möglichen Vorteile der Stammzellenforschung für die Medizin etc. hingewiesen.

Das der Eingriff in die Grundsubstanz des Lebens, die DNA, auch katastrophale, und teilweise vielleicht gar nicht mehr aufzuhaltende Folgen haben kann, dass wird oft ignoriert und ausgeblendet.

Aber erste Erfahrungen mit genveränderten Pflanzen können schon erste Hinweise darauf liefern, welche Probleme noch auf uns zukommen werden, die wir bisher noch gar nicht in der ganzen Tragweite abschätzen können.

Im nächsten Teil werde ich mit Asimov nach den Grenzen des Mensch-Seins fragen und weiteren ethischen Problemen, die durch die Gen-Technik auf uns zukommen können und die wir möglichst jetzt schon andenken sollten, bevor sie uns total unvorbereitet überrollen werden.



  1. kairos
    on Freitag 18, 2008

    da du schon ein paar Filme angesprochen hast. Kennst du Gattaca - das beschäftigt sich auch mit diesem Problem und ist nebenbei auch sehr cool gemacht (finde ich zumindest).

  2. kapeka
    on Freitag 18, 2008

    Klar kenne ich Gattaca. Den haben wir sogar mal zusammen geschaut. ;-)
    Ja, stimmt. Der greift das auch sehr gut auf.

  3. Danny
    on Freitag 18, 2008

    Da hat rein zufällig Mark Driscoll darüber gepredigt, was das Menschsein ausmacht. Geschichtlich, philosophisch und theologisch.

    http://www.marshillchurch.org/sermonseries/doctrine/week_04.aspx

  4. kapeka
    on Freitag 18, 2008

    Ok. Ja, stimmt. Danke. Ich habe seine Predigten bei iTunes abonniert, aber seine Dogmatik-Reihe bisher nicht angehört.

  5. [...] letzten Beitrag bin ich auf Huxleys “Schöne neue Welt” eingegangen und habe versucht davor zu warnen, [...]