Ich bin grad dabei, eine Predigt zu Ende zu schreiben. Das wird meine erste Predigt seit langer langer Zeit und am Donnerstag ist es soweit (Wink mit dem Zaunpfahl -> Gebetsanliegen ;-)). Und dann ist es ein so zentrales Thema wie “Das Kreuz”, also die Frage nach dem Tod von Jesus und seiner Bedeutung. Es gibt kaum etwas zentraleres, über das man predigen könnte.
Während der Predigtvorbereitung ist mir ein Gedanken gekommen, der mich während des Studiums immer wieder beschäftigt hat. Das hat sicherlich nicht nur mit Theologie zu tun, aber da ich in erster Linie Theologe bin, spreche ich natürlich zuerst über meine Erfahrungshorizont. Und dieser Post ist in erster Linie ein in Bit gebanntes Mahnmal für mich selbst. Aber vielleicht findest du dich auch darin wieder. Noch ein Hinweis: Der Post bezieht sich nicht nur auf Theologie, er spricht in erster Linie auch “ausgebildete” oder “hauptamtliche” Theologen an, wobei sich dann natürlich vieles auch auf andere Personen übertragen lässt.
Wie soll ich anfangen … hm. Während der bald 5 Jahre, die ich Theologie lerne und studiere stelle ich immer wieder fest, dass ich in der Gefahr stehe, es mir zu einfach zu machen. Wenn ich eine Ausarbeitung schreibe, dann ist es so einfach, die Bücher und Kommentare zur Hand zu nehmen, die mich in meiner Meinung unterstützen. Natürlich muss man auch Meinungen berücksichtigen, die mir widersprechen, aber die kanzel ich dann schnell ab und nehme dazu die Autoren zu Hilfe, die meiner Meinung sind. Oder ich ignoriere so elegant wie Möglich die Details, die nicht in mein Bild passen.
Das geht so schnell. Ich merke das auch wieder bei meiner Predigt. Und ich muss mir immer wieder die Frage stellen: Denkst du wirklich, dass das die beste Lösung ist, oder ist das einfach nur die für dich einfachste Lösung, die du jetzt mit blendender Rhetorik zu verteidigen versuchst, in der Hoffnung, dass niemand hinter die Fassade blickt?
Und da merke ich wieder, dass Theologie (Im Sinne von “theologie betreiben”) nicht die Suche nach der schnellsten Lösung ist, sondern harter und anstrengender Kampf … und zwar am Meisten ein Kampf gegen sich selbst, gegen die eigene Bequemlichkeit und gegen die eigene Selbstbestätigungs-Taktik.
Im Proseminar zum Neuen Testament lernen wir Exegese nach der sog. “12-Schritte-Methode” (hört sich wie irgendwelche chinesischen Kampftaktiken bei “Hero” an oder so), die auf dem Buch “Biblical Greek Exegesis” von Guthrie/Duvall basiert. Das ist am Anfang ein mühsamer Weg, weil man sich durch viele Einzelschritte durcharbeiten muss: Urtext übersetzen, Kontext beachten, Kontext beachten, Kontext beachten, Vorstellungswelten nachvollziehen, Semantische Analysen, Spezialuntersuchungen und vieles vieles mehr.
Da stellt sich dann schon mal die Frage: Wozu das alles? Reicht es nicht einfach, die Bibel in die Hand zu nehmen und sich vom Heiligen Geist zu leiten? Das hört sich natürlich sehr fromm an und wer dann “ja, aber …” sagt, der muss sich den Vorwurf anhören, er wolle den Heiligen Geist aussen vor lassen und die Bibel nur den “gebildeten” Theologen überlassen. Ich frage aber trotzdem: Machen wir diese Aussagen (als ausgebildete Theologen, an die ich mich hier in erster Linie richte!) wirklich aus der Überzeugung, der biblischen Verkündigung damit besser gerecht zu werden, oder sagen wir das aus Bequemlichkeit, weil es viel einfacher ist, mal ganz drastisch gesprochen, die Bibel aufzuschlagen und sich einfach mal was aus den Fingern zu saugen, egal, ob der Text das wirklich sagen will oder nicht, hauptsache es hört sich irgendwie toll an.
Das ist jetzt nur ein sehr begrenztes Beispiel, und vielleicht nicht das Beste. Dieses Prinzip lässt sich auf viele andere Bereiche und Themen übertragen.
Theologie ist Kampf mit sich selbst. Vor allem, weil wir als Theologen Verantwortung tragen. Ich habe überlegt, wie ich diesen “einfachen” Lösungen aus dem Weg gehen kann. Das zentralste Prinzip für mich besteht darin, sich ganz Bewusst dem Widerspruch auszusetzen. Wenn ich mir intensiv Gedanken über ein Thema mache, z.B. für das Studium, über Prädestination, Dienst der Frau in der Gemeinde, Homosexualität etc., dann mache ich mir ersteinmal Bewusst, was meine momentane Haltung dazu ist. Am Besten ich schreibe sie sogar auf. Und dann gehe ich nicht auf die Suche nach Büchern, die meine Meinung bestätigen, sondern ganz im Gegenteil suche ich zuersteinmal die Autoren auf, die mir ganz und gar nicht in den Kram passen, mit deren Meinung ich überhaupt nichts anfangen kann. Ich lese sie mir durch und schmeiße sie dann nicht in die Ecke, sondern frage mich: Wo könnte er Recht haben? Was für gute Anfragen bringt er ein? Wo muss ich ehrlich sein und zugeben, dass ich bis auf “Das ist doof” nichts mehr entgegensetzen kann? Wo liege ich vielleicht falsch? Wo muss ich meine Meinung vielleicht revidieren?
Dann gehe ich wieder an meine eigenen, niedergeschriebenen Gedanken und überlege, was ich jetzt damit machen kann und dann konsultiere ich auch Autoren, die mir inhaltlich eher nahe stehen. Aber die Widersprecher lege ich dann nicht gleich zur Seite, sondern lasse sie als “Stachel im Fleisch” ständig in meinem Kopf herumspuken, um es mir nicht wieder zu leicht zu machen.
Bezogen auf das Methoden-Beispiel in der Exegese würde es darum gehen, mich selbst zu hinterfragen, wieso ich so etwas ablehne? Habe ich echte Probleme mit bestimmten Arbeitsschritten und Methoden oder ist mir das einfach zu anstrengend und ich habe keine Lust, mich so intensiv mit dem ganzen Auseinander zu setzen. Theologie ist Kampf mit sich selbst.
Ich habe darüber vor ein paar Tagen mit jemandem diskutiert und die Person hat dann in etwa gefragt: “Müssen wir es uns denn immer schwer machen?” Und das ist eine berechtigte Anfrage. Es geht nicht darum, mittelalterliche
Theologie ist Kampf mit sich selbst
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Mai 21st, 2007 at 23:25
Es ist gut, wenn Du Dir selber nicht traust. Ich würde das Ganze allerdings noch eine Nuance anders betrachten und sagen: Theologie ist Kampf mit Gott.
Wir widerstreben ja schließlich innerlich dem, was in der Bibel steht. Wir wollen sündigen und rebellieren, unseren Willen haben. Und die Kontrolle.
Sich unter Gottes Wort stellen, immer wieder, das ist der eigentlich Kampf. Weil ich dann immer wieder sagen muß, dass er recht hat, und nicht ich.
Vielleicht ist das wie Jakobs Kampf am Jabbok. Auf der einen Seite kämpft, widerstreitet Jakob Gott. Und trotzdem hält er ihn fest. “Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.”
Ich denke dabei auch an Psalm 51: “An dir allein hab ich gesündigt / Vnd vbel fur dir gethan. Auff das du recht behaltest in deinen worten / Vnd rein bleibest / wenn du gerichtet wirst.”
Mai 22nd, 2007 at 0:37
@Jordanus:
Theologie kampf mit Gott? Naja …
Wir müssen uns besiegen und Gott hilft uns dabei. Und die Lehre von Gott (Theologie) ist dabei unser Werkzeug.
Wir müssen nicht Gott besiegen.
Theologie sollte ja nicht der Kampf gegen Gott sein, sondern mit Gott gegen mich selber.
@kapeka:
Ich geb dir recht und würde hinzufügen:
Diese Aussage gilt nicht nur für “hoch-theologen” (also ausgebildete, “profis”), sondern genauso für “laien-theologen” wie ich z.b. einer bin.
Ich merk genauso die selbe schwierigkeit und bin für mich selber auch zu dem Schluss gekommen den Widerspruch immer in angemessener Weise zu betrachten bevor ich mir mein Urteil bilde.
Mai 23rd, 2007 at 6:39
ich bin immer mehr der meinung, dass die bibel vielleicht nicht immer so einfach zu verstehen ist, ja manchmal sogar unterschiedliche meinungen nebeieinander existieren lässt, damit wir an unser ende kommen.
vielleicht will sie nicht immer eine lösung bieten oder vielleicht gibt es sogar keine lösung für alle fragen. damit wir uns hinterfragen.
damit wir erkennen: Lasst Gott Gott sein!
nicht das ich missverstanden werde, ich will hier keine zweifel schüren. ich will es mir mit dieser aussage auch nicht zu leicht machen.
Mai 24th, 2007 at 13:20
Ich stimme Dir und meinen Vorrednern zu, denke aber, dass das “Kämpfen” mit dem Text (und mit Gott) mit den Methoden der Exegese bloß der erste und vorbereitende Schritt zu einer wirklich guten Predigt ist.
Der Kontext und der historische Hintergrund eröffnen zwar schon Wege, die man beachten und die man im Zuge der Predigt auch einschlagen kann, doch ist m. E. die eigentliche Quelle einer guten Predigt die Kontemplation, das betrachtende Gebet. (Im monastischen Leben heißt das lectio divina.) Die Stelle betrachten, auf mich wirken lassen, sich fragen: was bedeutet das im Kontext der Offenbarung Gottes? Was entstehen da für mich für Zusammenhänge? Was bedeutet das für mich ganz konkret, in meinem Leben? Was für Parallelen zwischen Altem und Neuem Testament gibt es?
All das greift natürlich zurück auf die uralte Exegesemethode von den “vier Schriftsinnen”, doch am wichtigsten ist: ich muss selbst eine Beziehung zu Gott aufbauen in diesem Text und durch diesen Text. Der Text ist für mich ein Fenster zu Gott, und die Betrachtung der Mysterien gibt mir Einsicht in die Mysterien Gottes. M. E. ist also zwar eine exegetische Vorbereitung schön und gut, doch die Quelle der wirklich ergreifenden Predigt ist schlussendlich doch das Gebet. (Kein Wunder, dass Klaus Berger über sein Jesus-Buch schrieb, die Hälfte von dessen Entstehungszeit habe er “auf den Knien” - beim Gebet - verbracht…)