Ein toller Begriff. Und wer ihn das erste Mal hört, der kann fast nix damit anfangen. Das englische Äquivalent dazu “Reader Response Criticism” ist da ein wenig hilfreich, aber auch nicht viel.
Mit der RÄ habe ich mich im Rahmen einer kurzen Ausarbeitung für das Fach “AT Einleitung” beschäftigt, die ich heute abgeschlossen habe. Die Auseinandersetzung war sehr aufschlussreich und ich denke, dass ich die groben Linien der RÄ verstanden habe. Der Umgang mit der RÄ ist eine wichtige hermeneutische Herausforderung, wie finde.
Damit ihr was zum nachdenken habt gebe ich euch ein paar Splitter aus meinen Notizen, die ich mir beim Lesen des Buches “Der Akt des Lesens” von Wolfgang Iser gemacht habe. Ich verwende die Ausgabe von 1976. Der kursive Text in Anführungsstrichen ist direkt zitiert, der andere Text sind zum Teil Zusammenfassungen seiner Gedanken oder durch Pfeile eingeleitet eigene Überlegungen von mir:
S. 37: Fragt danach, was beim Leser geschieht, wenn er einen Text liest.
S. 38: “Der Text als solcher hält nur verschiedene ’schematisierte Ansichten’ parat, durch die der Gegenstand des Werks hervorgebracht werden kann, während das eigentliche hervorbringen zu einem Akt der Konkretisation wird.”
Zwei Pole: der künstlerische (Autor) und der Ästhetische (Leser)
“Aus einer solchen Polarität folgt, daß das literarische Werk weder mit dem Text noch mit dessen Konkretisation ausschließlich identisch ist. Denn das Werk ist mehr als der Text, da er erst in der Konkretisation sein Leben gewinnt und diese wiederum ist nicht gänzlich frei von den Dispositionen, die der Leser in sie einbringt, wenngleich solche Dispositionen nun zu den Bedingungen des Textes aktiviert werden. Dort also, wo Text und Leser zur Konvergenz gelangen, liegt der Ort des literarischen Werks, und dieser hat zwangsläufig einen virtuellen Charakter, da er weder auf die Realität des Textes noch auf die den Leser kennzeichnenden Dispositionen reduziert werden kann”.
=> Beim Schreiben hat der Autor bestimmte Gedanken und Vorstellungen im Sinn, die in Sprache ausdrückt. Sprache ist aber keine eindeutige Angelegenheit. Sprache ist immer mehrdeutig. Sobald der Autor also seine Gedankenwelt in Form von Sprache gießt, öffnet er gleichzeitig die Möglichkeit, dass sein Sprachprodukt mehr bedeutet, als sein Gedankenprodukt. Die Mehrdeutigkeiten des Sprachproduktes werden erst beim Lesen offensichtlich. Durch das Lesen wird aus der potentiellen Mehrdeutigkeit des Textes eine faktische Eindeutigkeit, aber nur auf den Moment des Lesens und auf den Leser selbst beschränkt. Der selbe Text kann bei einem anderen Leser oder beim selben Leser zu einer anderen Zeit eine andere Eindeutigkeit erhalten.
==> Die RÄ macht die eigene Dominanz beim Lesen sichtbar. Wir vereindeutigen die Texte, die wir lesen, geprägt durch unsere eigene Geschichte und Prägung, in einer bestimmten Weise, die so nicht unbedingt durch den Autor intendiert gewesen sein muss. Da der Autor uns aber, bei biblischen Texten zumindest, nicht mehr verfügbar ist, fehlt bei unserer Interpretation die durch den Autor intendierte Eindeutigkeit des Textes als Korrektiv. Uns steht nur die Mehrdeutigkeit des Textes zur Verfügung. Selbst wenn der Autor noch leben würde, würde uns das vor einer Mehrdeutigkeit der Texte nicht bewahren, denn in der Kommunikation mit dem Autor würde er sein Gedankenprodukt wieder nur in einem Sprachprodukt kommunizieren können, ob nun Text oder gesprochen. Und jedes Sprachprodukt, auch in einem Dialog, enthält eine potentielle Mehrdeutigkeit. Was beim Lesen stattfindet, dass wir nämlich niemals einen ungefilterten Zugriff auf die Gedankenwelt des Autors erhalten können, findet auch im direkten Dialog statt. Zwar können auftretende offensichtliche Unklarheiten durch weitere Sprechakte erklärt werden. Aber unoffensichtliche Unklarheiten, wo der Sprecher das eine sagt, der Rezipient aber etwas anderes darunter versteht, ohne das beide Seiten das merken, können u.U. nie vollständig geklärt werden. So steht jede Kommunikation in der Gefahr potentieller Unschärfe.
S. 42: “Damit stellt sich auch der Interpretation eine andere Aufgabe: statt den Sinn zu entschlüsseln, muß sie die Sinnpotentiale verdeutlichen, die ein Text parat hält, weshalb sich die im Lesen erfolgende Aktualisierung als ein Kommunikationsprozeß vollzieht, den es zu beschreiben gilt.”
Beziehung zwischen Bedeutung und Ästhetik: “Das Textgeschehen hingegen verkörpert im Blick auf seine Resultate eher einen Quellpunkt, aus dem diese hervortreiben. Sicher endet dieses Geschehen in einem konstituierten Sinn. Dieser hat zunächst ästhetischen Charakter, weil er sich selbst bedeutet; denn durch ihn kommt etwas in die Welt, das vorher nicht in ihr war. Folglich kann er sich nur als Wirkung manifestieren, die sich vor keiner bestehenden Referenz ausweisen muß; seine Anerkennung erfolgt durch die von ihm im Leser verursachte Erfahrung. Nun sei ohne weiteres zugegeben, daß dieser ästhetische Charakter des Sinnes außerordentlich labil ist und ständig in diskursive Merkmalsbestimmtheit umzukippen droht. Doch der Sinn beginnt erst dann seinen ästhetischen Charakter zu verlieren und einen diskursiven anzunehmen, wenn man nach seiner Bedeutung fragt. In diesem Augenblick hört er auf, sich selbst zu bedeuten und damit ästhetische Wirkung zu haben.”
S.45: Dem Vorwurf der Subjektivität begegnet Iser damit, dass er darauf hinweist, dass auch die Interpretationsansätze, die vermeintlich nach Objektivität bei der Interpretation streben, selber in erster Linie nur subjektive Leser ihrer Texte sind. Denn das Verständnis eines Textes ist niemals etwas unmittelbar zugängliches. Da zeigt ja schon die Notwendigkeit einer Interpretation. Interpretieren muss man nur, was mehrdeutig ist.
S.46: Bedeutungsinterpretation nimmt eine Eindeutigkeit eines Textes, erhebt sie zur Alleindeutigkeit und verwirft die anderen Mehrdeutigkeiten.
S.47: “Objektiv gegebene Merkmale für eine bestimmte Vorliebe in Anspruch zu nehmen, macht das Werturteil noch nicht objektiv, sondern objektiviert die subjektiven Präferenzen des Urteilenden.”
S. 48: “Genau genommen können wir nur dann etwas als subjektiv qualifizieren, wenn wir über objektive Maßstäbe der Unterscheidung verfügen, die im Falle der Ästhetik allerdings der gleichen Schicht des Subjekts entstammen, die sich in Werturteilen objektiviert.”
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Juli 21st, 2008 at 11:34
Hallo Karzelek,
dieser Eintrag zur RÄ ist zwar schon einige Tage alt, ich habe ihn aber erst heute gefunden. Mich interessiert, welche Rückschlüsse du aus der RÄ für die Bibelauslegung gezogen hast. Findest du es angemessen zu sagen, dass man die Sinnpotentiale eines biblischen Textabschnitts erschließen muss? Ist das praktikabel - vor allem für den Gemeindealltag? Bzw. ist es rechtens, sich dann aus den Sinnpotentialen einen - den “Lieblings”-Sinn?? - auszusuchen und dem “normalen” Gemeindemitglied und “normalen” Bibelleser als DEN Sinn vorzulegen, den es im Alltag zu leben gilt?
Ich muss mich auch mit der RÄ im Rahmen der biblischen Hermeneutik auseinandersetzen und werde immer ratloser …
Juli 21st, 2008 at 20:39
Nun. Die RÄ ist in der Tat kein einfacher Brocken. Und in manchen Bereichen stellt sie definitiv die richtigen Fragen und legt den Finger auf manch ungeliebte Wunde.
Zum Einen hat sie definitiv damit Recht, dass es unmöglich sein wird, genau den Sinn des Textes zu rekonstruieren, den der Verfasser im Sinn hatte.
Schon im direkten Dialog wird man nie ganz genau wissen, was der andere tatsächlich aussagen wollte. Durch nachfragen etc. können wir unsere Interpration der Aussagen des Anderen schärfen, aber seine Gedanken werden niemals meine Gedanken (das klappt nur bei Vulkaniern ;-)).
Es gibt also eine unüberwindbare Verstehens-Unschärfe. Und je weiter weg die Werke und Autoren sind, die wir verstehen wollen, umso größer wird die Unschärfe.
Können wir diese zweifellos vorhandene Unschärfe nun zum Anlass nehmen, und den Autor und seinen intendierten Sinn aus unserem hermeneutischen Prozess herausschubsen? Das wäre etwas zuviel des Guten.
Das Ziel der Auslegung kann es nicht sein, irgendeinen Sinn im Text zu finden, sondern den “beabsichtigten” Sinn zu finden, ohne sich der Illusion hinzugeben, diesen jemals 100% zu finden.
Man kann es sich auf zwei Seiten zu einfach machen: Wenn ich den Text für alle oder viele Interpretationen öffne, wodurch ich der Schwierigkeit entkomme, den ursprünglichen Sinn zu suchen. Oder wenn ich mich der Meinung hingebe, es gibt nur einen Sinn und ich habe ihn auch tatsächlich gefunden.
Beides aber wird der Realität nicht gerecht. Ich such den ursprünglichen Sinn, wenn das auch mit viel Anstrengung verbunden ist. Aber ich weiß auch, dass meine Interpretation immer korrigierbar bleiben muss, da ich nicht den vom Autor gewollten Sinn 100%-ig nachverfolgen kann.
Ich denke, dass ist ein guter Ansatz für die Bibelauslegung. So lernt man von der RÄ, ohne sich ihr ganz hinzugeben. Denn die RÄ in ihrer ganzen Konsequenz angewendet ist für mich das Ende einer sinnvollen Kommunikation. Die Autoren von Büchern über die RÄ z.b. haben ja auch einen beabsichtigten Sinn und ihre Hoffnung ist, dass der Leser diesen auch herausliest und sich aus deren Text nicht etwas ganz eigenes erschließt.
So erwarten diese Autoren von ihren Texten voraussichtlicht das nicht, was sie selbst von anderen Texten “fordern”. Wieso sollte ich dann aber ihrer Forderung in Bezug auf die Bibelauslegung nachkommen?
Das alles sind noch sehr grobe Gedanken. Ich bin noch weit weg davon, einen guten Schlüssel zum Umgang mit der RÄ gefunden zu haben. Aber vielleicht helfen ein paar der Gedanken weiter.