Simon vom Vries-Land macht sich Gedanken über die Offenbarung und Eschatologie. Neben anderen hat er auch mich in seinem Post angeregt, etwas aus meiner Sicht darüber zu schreiben, was ich hiermit gerne tue. Keine Sorge, das wird kein hochtrabender systematisch-theologischer Essay über das Thema, sondern eine Mischung aus biographischen und theologischen Überlegungen.
Gleich zu Beginn das Bekenntnis: Ich bin Dispensationalist. Jawohl, jetzt ist es raus. So richtig mit allem, was dazu gehört: Entrückung, Trübsal, Endzeit etc. Die Hälfte der ECler habe ich jetzt schon verloren (You lost me at disp…). Als Dispi hat man es in bestimmten Kreisen nicht so einfach, wie eine etwas länger zurückliegende Diskussion bei Fono (Schweigesekunde) zeigt. Es ist nicht nur deshalb nicht leicht, weil viele eben meine Ansicht über die Endzeit nicht teilen. Es ist auch deshalb nicht leicht, weil viele, die über Dispis schimpfen, eigentlich vieles missverstehen oder durch manche krassen Entgleisungen mancher Dispis abgeschreckt werden und meinen, was die Glauben, das würden alle anderen Dispis auch glauben. Dem ist aber nicht so.
Ich war eigentlich schon immer Dispi gewesen, so weit ich zurückdenken kann. In Polen, wo ich fünf Jahre gelebt hatte und oft zu Besuch war und wo meine Eltern herkommen, ist Dispensationalismus in großen Kreisen wahrscheinlich die meistverbreitetste Ansicht über die Endzeit. Als Kind habe ich den Film “Thief in the Night” gesehen, der das eben zum Thema hat, und das hat mich stark geprägt. Wenn ich ehrlich bin, bin ich nie auf die Idee gekommen, man könnte das anders sehen. Das hat sich erst viel später geändert, ohne das mich die anderen Ansichten überzeugt hätten.
Später war ich dann auf einer Bibelschule gewesen, der Bibelschule Brake. Und das ist, das kann man wohl so sagen, eine dispensationalistische Hochburg, und das sage ich ohne mich darüber lustig zu machen. Die ganze Eschatologie baut dort auf dem Dispensationalismus auf. Das ich dort war, heißt aber nun nicht, dass ich alles 100%-ig von meinen Lehrern übernommen habe. Ich war ganz bewusst skeptisch und wollte das hinterfragen. Und manches habe ich auch abgelehnt, ohne den Dispensationalismus ganz über Bord zu werfen.
Was heißt das nun, Dispi zu sein? Das heißt zuerst einmal folgendes nicht: Es heißt nicht, dass ich mich in Zahlenmystizismus versenke und stundenlang darüber nachgrüble, was denn mit der Zahl 666 gemeint sei. Das heißt auch nicht, dass ich ständig ausrechne, wann denn Jesus wiederkommen könnte. Es bedeutet auch nicht, dass ich froh bin, dass die Welt zugrunde geht, weil Jesus dann schneller wiederkommt. Und es bedeutet nicht, dass ich total vernarrt in Israel bin und alles für gut und richtig finde, was der Staat Israel momentan tut.
Das alles kann man zwar bei manchen Dispis wiederfinden, aber das ist nicht zwangsläufig mit dem Dispensationalismus verbunden, so wie nicht zwangsläufig jeder Radsportler dopt, auch wenn Doping dort weit verbreitet ist.
Positiv formuliert bedeutet es folgendes: Ich gehe davon aus, dass sich die Prophezeiungen und Verheißungen, die Gott im AT dem Volk Israel gegeben hat, in der Zukunft erfüllen werden. Ich beziehe sie also nicht vergeistlicht auf die Gemeinde, sondern sehe beide als Volk Gottes an (der Ölbaum im Röm 11), aber Israel ist ein Zweig und Gemeinde ist ein anderer Zweig. So kann man beide nicht voneinander trennen, aber beide sind nicht ein und dasselbe.
Ein anderer Grundsatz, der damit eng verbunden ist, ist, dass ich versuche, die Bibel so wörtlich wie möglich auszulegen. Das ist ein ganz schwieriges Gebiet und die hermeneutischen Probleme einer solchen Aussage sind mir bewusst. Das ist ein Punkt, an dem ich mir nicht leicht tue. Aber eine Konsequenz daraus ist, dass ich die Zahlenangabe “1000″ in Offb 20 tatsächlich wörtlich nehme, als eine Zeitspanne von etwa 1000 Jahren. Und dass ich ganz real von einem neuen Jerusalem ausgehe usw.
Wie schon gesagt, bedeutet das nun nicht, dass ich Weltverneinend wäre. Ich sehe die Gefahr bei vielen Dispis, aber ich würde sie nicht bloß bei Dispis sehen. Sie kann generell in jeder Eschatologie auftauchen. N. T. Wright und andere kritisieren den Dispensationalismus dafür, dass er die Menschen zur Weltverneinung verführt, da man ja davon ausgehe, dass Jesus einen irgendwann hier von der Erde nimmt und dann geht alles den Bach hinunter und am Schluss macht Gott alles komplett neu. Ok, sage ich da und frage mich: Wieso ist der Amillenialismus, dem Wright anhängt, so viel weltbejahender? Es gibt keine Entrückung, na gut. Die Welt wird aber dennoch durch Gott neu gemacht. Wright sagt: sie wird erneuert. Das heißt, Gott nimmt diese Welt und lässt sie in neuem Glanz erstrahlen. Ok, sage ich: Ich als Dispi muss nicht zwangsläufig davon ausgehen, dass diese Welt in den Müll geschmissen wird, damit eine ganz neue Welt aus dem Regal genommen wird, auf der wir dann wohnen können. Aber Wright würde, wenn ich das richtig sehe, auch den Postmillenialisten nicht folgen, die sagen, dass die Welt von sich aus irgendwann dem goldenen Zeitalter entgegengeht. Auch Wright setzt auf das mächtige Eingreifen Gottes, um die Welt zu erneuern. Also könnten sich auch Amills zurücklehnen und sagen: Gott wird das schon alles wieder richten.
Die Frage, ob ich Weltbejahend oder verneinend bin, hängt nicht so sehr mit der Eschatologie zusammen, sondern einfach damit, welchen Blick ich auf die Welt als Gottes Schöpfung habe. Und ich als Dispi kann auch sagen: Das ist die Welt, die Gott uns gegeben hat, und das ist das Leben, in das er uns gesetzt hat. Und wir haben eine Verantwortung vor Gott, sowohl für diese Welt als auch für unser Leben.
Mein Punkt ist: Ich sehe gerade an diesem Punkt keine zwangsläufige(!) Differenz zwischen Amillenialisten und Dispensationalisten, also eine Differenz, die schon im Kernsystem beider Gedankengebäude angelegt ist. Es gibt nur dann eine Differenz, wenn man sich eine bestimmte Ausprägung des Dispensationalismus nimmt, die Weltverneinend ist, und diese dann als Dispensationalismus schlechthin hinstellt. Aber das ist keine faire Behandlung des Themas, wenn man so vorgeht. Oder übersehe ich da etwas? Ich bin da ganz offen für Diskussionen, falls ich etwas übersehen haben sollte.
Ich plädiere hier also für einen Fairen Umgang miteinander. Eschatologie ist ein Reizthema. Aber wenn man die Gegenseite karikiert und sie nicht ernst nimmt, dann artet das Gespräch darüber zu einer sinnlosen Diskussion auf persönlicher Ebene aus. Und weil das auf allen Seiten zu oft geschieht, wenden sich viele gänzlich von der Eschatologie ab, als hätte sie keine Bedeutung für den Alltag. Daran sind viele Dispis leider ganz besonders schuldig geworden. Ich kann z.B. mit der “Left Behind” Reihe überhaupt nichts anfangen, weil sie “ein” Bild des Dispensationalismus nimmt und dann populär darstellt und jeder, der diese Reihe liest und sie merkwürdig findet, das gleich auf alle Dispis bezieht. Hier müssen wir Dispis uns also auch kritisch hinterfragen lassen, weil es schon so ist, dass man im Dispensationalismus eher dazu neigt, sich in verschiedene Spekulationen über die Zukunft zu verlieren.
Die Bibel redet aber über Endzeit und Eschatologie und deshalb rede ich auch darüber. Aber ich versuche es “unaufgeregt” zu tun. Sie kann und soll Hoffnung geben, weil sie uns zeigt, dass Gott das, was er mit der Welt begonnen, mit Israel und durch Christus weitergeführt und durch die Gemeinde fortsetzt, auch zu Ende führen wird. Die Offenbarung ist in ihrer ganzen Härte und Drastigkeit dennoch ein Buch der Hoffnung, denn am Ende liegt der Widersacher gefesselt in Ketten und wird für immer ins Feuer geworfen. Große Teile der Bibel reden über die Hoffnung, dass Gott mächtig in das Schicksal der Welt eingreifen wird, um alles zum Guten zu wenden. Und darüber dürfen und sollen wir auch reden, trotz verschiedener Ansichten, die man haben darf und über die man auch herzlich aber fair diskutieren darf, wie das genau aussehen wird.
Was meint ihr? Ich würde mich über eine intensive und tiefe Diskussion freuen.
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September 11th, 2007 at 14:50
Tolles Post!
September 11th, 2007 at 16:37
Hey Karl,
stimme Danny zu. Genau so ein Post brauchte die Diskussion. Meine Theorie ist ja: es kommt nicht so sehr auf das Konzept an, sondern auf die Aufnahme des Konzepts vor Ort. Dieses: nichts wird so heiß gegessen, wie’s gekocht wird. Manchmal hat ich-das wollte ich eigentlich nicht zu laut sagen- schon den Eindruck, dass N.T. Wright sich nicht so lange mit dem Dispensionalismus beschäftigt hat und das da mehr Rhetorik ist als begründete Kritik (es fängt damit an, dass er es als amerikanische Erfindung darstellt, wobei Darby eindeutig Engländer und -auch das noch!- Anglikaner war). Wenn ich es richtig verstehe ist im Dispneisonalismus der Endzustand auch die neue Erde, oder? Es ist nicht so, dass zB nur die Juden auf der Erde sind und die Christen im Himmel (es gibt da so Rhetorik von Darby, dass er von himmlischer Hoffnung der Gemeinde redet, die ich nicht verstehe).
Noch eine Frage: strikter Dispensionalismus würde ja auch das Leben und Wirken Jesu, besonders Bergpredigt, Vater Unser und die Rede vom Reich Gottes zur jüdischen Dispension zählen, die nur symbolische Relevanz für die Gemeinde hat. Ich kann mich erinnern, dass du aber auch übers Reich Gottes bloggst? Ist das ein Punkt, an dem sich der Disp. weiterentwickelt hat oder gehst du dort einfach einen anderen Weg?
Grüße
Arne
September 11th, 2007 at 16:55
Es stimmt schon, dass es, wahrscheinlich auch bei Darby aber vor allem beim amerikanischen “klassischen” Dispensationalismus eine Unterscheidung zwischen dem “Reich Gottes” und dem “Reich der Himmel” gab. Eine Folge davon ist, dass es Dispis gab und gibt, die die Trennung zwischen Israel und der Gemeinde bis in alle Ewigkeit bestehen sehen. Das sehe ich aber nicht so.
Aber ich glaube nicht dass viele Dispis von einer “vergeistlichten” Ewigkeit ausgehen, wo man Harfe im Himmel spielt oder als Seele weiterlebt oder so.
Bezüglich der Dispensationen: Auch da gibt es unterschiedliche Strömungen. Das reicht auch soweit, dass manche die Evangelien etc. nicht für sich annehmen, weil das ja, wie du erwähnt hast, zum AT gehört, also in eine andere Heilszeit. Das ist mir persönlich zu krass und den meisten Dispis auch.