In meinem Beitrag “verharmlostes Potential” bin ich auf das Gewaltpotential der Anti-G8-Demonstranten eingegangen. Jetzt möchte ich mich generell zum G8-Gipfel äußern. Das sind wirklich nur Gedankenfetzen, kein wirklich intensiver Beitrag.
“G8 hat keine Legitimation” “G8 entmachten” etc. Solche Statements flimmern in den letzten Tagen über die News-Ticker. Da setzen sich ein paar große Nationen zusammen und beraten über die Welt. Wer gibt ihnen das Recht dazu? Und geschieht das alles nicht bloß in eigenem Interesse, zum Nachteil der kleinen und Schwachen?
Was halte ich von der G8? Prinzipiell halte ich die G8-Gipfel für eine gute Sache. Ich versuche mal, die Idee hinter der G8 ganz plastisch und vereinfacht zu zeichnen: Da treffen sich 8 Chefs großer Unternehmen einmal im Jahr zum legeren Grillen im Garten, wobei jeweils einer dieser Chefs den Gastgeber spielt. Man arbeitet halt in der selben Branche und möchte sich halt auch mal ausserhalb der sonst vorhandenen Gremien zum Plausch treffen, wo nicht alles gleich offiziell und bindend ist, was man so miteinander vereinbart.
Natürlich ist die ganze Angelegenheit nicht so einfach. Schließlich treffen sich hier ganz bewusst die 8 wirtschaftlich mächtigsten Staaten der Welt. Hier wird also auch ganz bewusst Weltpolitik gemacht. Aber warum auch nicht?
Der G8 wird fehlende Legitimation vorgeworfen. Dieser Vorwurf geht für mich total an der Realität vorbei. Alle 8 Staaten sind mehr oder weniger gefestigte Demokratien (und der einzige Staat, bei dem man das etwas anzweifeln könnte, Russland, ist kein Vollmitglied!), und zwar sind das nicht direkte sondern repräsentative Demokratien. Die Regierungschefs werden für einen bestimmten Zeitraum gewählt und können dann in gewissen Bahnen frei entscheiden, wie sie handeln. Ein Treffen mit anderen Regierungsvertretern durchbricht diese Legitimation durch den Wähler in keinster Weise.
Wenn man das Schluckt, kann man weiter anfragen, wer diesen 8 Regierungschef das Recht eingeräumt hat, über die Belange der Welt zu entscheiden. Dazu sage ich aber: Die G8 ist ja keine Weltregierung, in der Entscheidungen getroffen werden, die verbindlich für die ganze Welt sind. Die G8 ist in erster Linie der unverbindliche Austausch dieser Staaten über aktuelle Probleme, vor allem im wirtschaftlichen, aber auch im gesamtpolitischen Bereich. Das, was man dort vereinbart, muss dann auf anderen Ebenen konkret werden, also WTO, UNO etc. Natürlich haben diese Staaten einen großen Einfluss auch in diesen Gremien, und was die G8 miteinander vereinbaren hat große Chancen, dass es auch tatsächlich realisiert wird.
Haben aber diese Staaten das Recht, Weltpolitische Fragen im kleinen Kreis zu klären? Meine Frage ist: Wenn nicht diese Staaten, wer dann? Die Absprache im großen Kreis findet ja in anderen Gremien statt, vor allem der UNO. Und was dabei herauskommt sieht man ja. Wenn also von irgendwoher entscheidende Impulse herkommen sollen, die positiven Einfluss auf die Welt haben sollen, dann kann das zuersteinmal nur in einem überschaubaren Rahmen stattfinden. Und schon die G8 wird als fast zu groß angesehen, was zur Folge hat, dass die Vereinbarungen immer schwammiger werden. Hier muss man realistisch bleiben. Natürlich wäre es toll, wenn alle mitreden könnten, schon von Anfang an. Und es wäre schlimm, wenn das im weiteren Verlauf nicht auch geschehen würde. Aber wer schon mal Klassensprecher o.ä. war, der weiß, dass es umso schwieriger wird, etwas konkretes zu verabschieden, umso mehr Leute dabei mitreden wollen. In der Weltpolitik ist das nicht anders.
Die eine Alternative zur G8, wo alle mitreden wollen, haben wir ja, wie erwähnt bereits, und die nennt sich UNO. Die andere Alternative wäre, dass diese Staaten überhaupt nicht miteinander reden dürfen ausserhalb der großen Gremien. Und das halte ich auch für total überdreht. Wieso sollte es falsch sein, dass sich ein paar Staatschefs, die mal ganz realistisch gesagt tatsächlich den größten Einfluss auf die Weltpolitik haben, zusammen setzen und darüber nachdenken, wie man die Politik gemeinsam koordinieren kann, um bestimmte Dinge zu verändern?
Eine andere Frage ist, ob das, was die G8 beschließt, auch wirklich immer sinnig und vorteilhaft ist. Und da würde ich zustimmen, dass da natürlich nicht immer alles wirklich einwandfrei ist. Und deshalb ist es auch gut, dass es im Rahmen der G8-Gipfel eine öffentliche Diskussion, auch ganz sichtbar gemacht durch Demonstrationen, gibt, wo man den Staatschefs als Volk deutlich macht, was für uns auf der Agenda steht und wo wir gerne was geleistet sehen würden. Wie erwähnt sind die Regierungschefs ja gewählte Vertreter des Volkes. Ich bin nicht so naiv zu glauben, dass das automatisch heißt, dass sie alles übernehmen, was das Volk auf den Tisch stellt. Aber z.b. der Entschluss der G8, die ärmsten Länder zu entschulden (was auch tatsächlich geschehen ist und geschieht), zeigt, das des “Volkes Stimme” auch seinen Einfluss hat. Man sollte das also auch nicht unterschätzen.
Die Antwort auf die G8 sollte also nicht eine platte Parole sein, wie “G8 entmachten” (was übrigens totaler Unfug ist, denn die G8 zu entmachten würde ja heißen, dass die einzelnen Länder entmachtet werden müssten, denn die G8 schöpft ihre Macht ja nur aus dem Einfluss der einzelnen Länder auf die Weltpolitik), oder “Deine Steine gegen Armut”.
Sondern: Dass positive an so einer Plattform wie der G8 sehen, nämlich das dort Entscheidungen getroffen werden können, die nicht bloß ideell, sondern auch faktisch einen positiven Einfluss auf das Weltgeschehen haben können. Und dann artikulieren und deutlich machen, was uns im Blick auf das Weltgeschehen auf dem Herzen liegt. Viele Bürger sind frustriert, weil sie das Gefühl haben, sie könnten nichts bewegen. Sich einzubringen, die Stimme zu erheben, in der Öffentlichkeit oder in der Wahlurne, habe keinen Sinn. Die Folge davon wird aber sein, dass wir Bürger tatsächlich immer weniger Einfluss haben werden. Meine Stimme wird vielleicht nicht die Welt verändern, aber _ohne_ meine Stimme, wird sich erst recht nichts verändern können.
Und für uns als Christen gehört auch dazu, den Präsident der Präsidenten, nämlich Gott, darum zu bitten, dass er die Gespräche während des Gipfels so leitet, dass etwas gutes für die Welt dabei herauskommt.
Die G8 an sich ist nichts schlechtes. Es ist ein Werkzeug, und wie bei jedem Werkzeug kann am Ende etwas gutes oder schlechtes herauskommen, je nachdem, wie man es einsetzt. Die Lösung besteht nicht darin, das Werkzeug beiseite zu legen, sondern geschickt einzusetzen.
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Juni 4th, 2007 at 23:32
Rückfrage:
Warum ist die UNO nicht so “wirksam”? Vielleicht weil die 8 “Mächtigsten” lieber unter sich was abmachen?
Und ging es bei der G8 bisher nicht meistens um die eigenen Interessen? Das ändert sich ja allmählich, was gut ist (und ein “Erfolg” der bisherigen Proteste).
Also ich fände es insgesamt sinnvoller, im Rahmen der UNO aktiv zu werden und der UNO mehr Macht zu geben (auch nicht der WTO oder so) als mit großen Aufwand “legere Grill-Party” der Reichsten der Reichsten zu veranstalten.
Juni 4th, 2007 at 23:33
“Stellt euch vor, ihr seid die Weltbevölkerung und wir drei bestimmen, was ihr zu tun und zu lassen habt“ - So erklärten Die Ärzte auf dem Rock am Ring den G8-Gipfel in der Kurzfassung.
Juni 4th, 2007 at 23:43
Das beides finde ich wieder sind Verkürzungen. Wie realistisch ist es wirklich, die großen Probleme bei der ganzen Bandbreite an Meinungen im großen Plenum der UNO zu lösen? Natürlich wäre das wünschenswert, aber wie groß ist die Chance, das das wirklich machbar ist? Selbst ein viel kleineres Projekt wie die EU mit 27 Staaten hat große Probleme damit.
In dieser Hinsicht bin ich realistischer Idealist: Ich bin auch dafür, sich idealistische Ziele zu setzen. Aber ich muss mich auch fragen, was machbar ist. Da muss man manchmal abwägen. Und mir ist die G8 begleitet von einem breiten Dialog in der Öffentlichkeit lieber als Stillstand in der UNO.
Ausserdem mauert die G8 sich ja auch nicht total ein, sondern sucht auch den Dialog mit größeren Kreisen, wie den G13 etc., die Einfluss auf ihre Regionen haben.
Juni 5th, 2007 at 9:18
Ich finde die UNO beschließt schon recht gute Sachen (z.B. Kyoto-Protokoll, Milleniumsziele). Die Staaten müssten sie jetzt einfach mal umsetzen, wenn sich da die G8-Staaten richtig reinhängen würden, sich selber an die Beschlüsse hielten und dort ihre Macht nutzen würden, wäre der Welt schon viel geholfen. Mehr als mit einem 100-Millionen-Euro teuren Gipfel mit netten “G8-Familienfotos mit Afrika Outreach” (Zitat aus dem offiziellen Programm).
Juni 5th, 2007 at 9:27
Naja, da würde ich dir schon zustimmen, sicherlich. Die Frage bleibt für mich trotzdem: Soll die Alternative sein: Keine G8 (was heißt: man verbietet es diesen Regierungschefs quasi, sich ausserhalb der UNO etc. zu treffen), oder eine bessere G8? Ich bin definitiv für die G8, aber für eine effektivere G8.
Juni 5th, 2007 at 17:50
“Eine andere Frage ist, ob das, was die G8 beschließt, auch wirklich immer sinnig und vorteilhaft ist.”
Genau da liegt das Problem. Es werden zu viel Entscheidungen getroffen die für viele von Nachteil sind
Juni 5th, 2007 at 18:20
Sorry Peter, aber nach dieser Logik müsste man UNO, EU, Bundesregierung, Hessische Regierung … abschaffen. Auch dort werden viele Entscheidungen getroffen, die für viele von Nachteil sind, oder die zumindest als nachteilig empfunden werden.
Juni 5th, 2007 at 21:53
“… abschaffen.”
Nun es gibt eine Politikverdrossenheit die sich bei solchen Gelegenheiten entlädt.
Juni 5th, 2007 at 23:11
Ja, aber dadurch wird diese Gedankenschiene nicht richtiger.
Juni 6th, 2007 at 13:53
kapeka on 5.6.2007 at 23:11 said:
Ja, aber dadurch wird diese Gedankenschiene nicht richtiger.
ich merke schon das ich mich mit diesem Thema stärker befassen soll.
Juni 9th, 2007 at 18:14
Kann Deine Argumentation gut nachvollziehen, halte die Regierungsvertreter der G8-Gipfel nicht für die Ausgeburt des Bösen, denke sie haben - vielleicht sogar größtenteils - gute Intentionen. Trotzdem Rückfrage an den Realisten: Wie realistisch ist es, dass sich die Vertreter der 8 reichsten und mächtigsten Staaten treffen und sie ohne widerständige Kräfte in den eigenen Reihen gegen(!) ihre Interessen handeln! Sowohl soziologisch wie historisch betrachtet halte ich solch eine Argumentation für naiv und nicht für realistisch!
Juni 9th, 2007 at 18:23
Natürlich. Das ist halt auf der einen Seite idealistisch, auf der anderen Seite bin ich deshalb ja auch für eine intensive Streitkultur, nur halt eben auf einem gewissen Niveau und nicht mit irgendwelchen tollen platten und nichtssagenden Sprüchen.