Ich habe gestern meinen ersten “Eco” zu Ende gelesen, und zwar nicht “Der Name der Rose”, denn von dem habe ich den Film gesehen und ich wollte etwas neues von ihm lesen. Aber die Rose werde ich mir definitiv auch noch antun. Der Film soll wohl an vielen Stellen anders sein, als das Buch.
Nein, ich habe “Das Foucaultsche Pendel” gelesen. Nein, das hat nix mit
Das Zentrum des Buches ist im Grunde dieses Pendel. Die Handlung beginnt im
Etwas verwirrt? Sehr gut, denn das spiegelt die Grundhaltung des Lesers beim Lesen wieder. Dieses Buch will verwirren. Wenn der Leser am Ende nicht mehr so recht weiß, was richtig und was falsch ist, dann hat das Buch im Grunde sein Ziel erreicht.
Der Inhalt lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: Der Protagonist, Casaubon, ist ein Forscher, der sich mit dem Orden der Tempelritter beschäftigt. Diese Arbeit bringt ihn in Kontakt mit dem Verlag Garamond, wo einen Job bekommt und zwei Freunde kennen lernt. Durch seine Beschäftigung mit den Templern kommt er auch mit allen möglichen Verschwörungstheorien in Berührung. Eines Tages erhält er von dem Verschörungstheoretiker, Ardenti, eine Notiz überreicht, die sehr kryptisch und schwer zu verstehen ist. Ausserdem offenbart Ardenti Casaubon und seinen Freunden eine obskure Verschwörungstheorie. Kurze Zeit später verschwindet diese Person auf sehr mysteriöse Weise. Es vergeht eine Zeit, Casaubon verbringt einen Teil dieser Zeit in Brasilien, wo er einen gewissen Aigle kennen lernt und sich mit verschiedenen Kulten beschäftigt.
Es vergehen einige Jahre. Casaubon kommt wieder nach Italien und bekommt wieder einen Job bei Garamond, wo er nach Bildern für ein Buch suchen soll. Im Laufe dieser Arbeit beschäftigt er sich wieder mit der Verschwörungstheorie von Ardenti und Casaubon und seine beiden Freunde fangen an, dessen Theorien weiterzuspinnen. Sie erkennen plötzlich immer mehr Parallelen zwischen allen möglichen Personen, Gegenständen und Geheimorden, Sekten, Orden etc. Bald kommen sie auf die Idee, den “großen Plan” zu schreiben, mit dem sie alle Rätsel lösen und dem Geheimnis um Ardentis Notiz auf die Schliche kommen wollen. Am Anfang beginnt es fast als Spiel, doch am Ende wird es tödlicher Ernst.
Dieses Buch hat es wirklich in sich. Es ist bemerkenswert, wie Umberto Eco hier vorgeht. Bei ihrer Suche nach dem großen Plan stoßen die drei Freunde auf viele Fakten und die Fakten, die Eco im Buch beschreibt, sind auch real. Das heißt, Eco fantasiert sich hier nicht irgendwelche Fakten zusammen. Wer ein Lexikon aufgeschlagen liegen hat, der wird so gut wie alles, was Eco als Fakt liefert, auch wirklich wiederfinden. Das spannende ist, wie Eco in Form der drei Freunde diese Fakten kombiniert. Er trennt zwischen Faktum und Interpretation. Die Fakten sind da, da kann man nix dran rütteln, aber die Interpretation ist beliebig. Und wenn man etwas lang genug betrachtet, dann lässt es sich problemlos in ein Gedankengebäude einfügen. Und am Schluss hat der Leser drei komplett verschiedene Interpretationsansätze, die alle sehr plausibel erscheinen und die sich mit den vorgefundenen Fakten, manchmal mehr, manchmal weniger, in Einklang bringen lassen. Und dadurch wird alles beliebig, denn wenn man alles mit allem erklären und am Ende wird man nichts mehr erklären können.
Und hier kommt wieder das Pendel ins Spiel. Der Punkt, an dem das Pendel aufgehängt ist, ist der einzige Fixpunkt im Universum. Alles dreht sich um diesen Punkt herum. Aber: Es gibt nicht nur an einen Punkt, an dem das Pendel aufgehängt werden kann. Jeder Punkt im Universum kann theoretisch zu diesem Fixpunkt werden. Und somit ist alles wieder beliebig. Es kommt nur auf die Perspektive an, es kommt nur darauf, wo man das Pendel hinhängen will, welchen Punkt man als Fixpunkt definieren will. Niemals aber ist er in irgendeiner Form vorgegeben und unverrückbar.
Dieses Buch ist Postmoderne in Romanform. Man beobachtet diese drei Freunde, wie sie alle möglichen Fakten und Details miteinander in Einklang und am Ende fast selber daran glauben, was sie da konstruiert haben. Und vor allem Glauben am Schluss andere daran, was diese drei konstruiert haben und die wissen nicht, dass das alles nur Spiel ist. Und dann kommt Casaubon zu seiner Freundin Lia und stellt ihr sein Gedankenkonstrukt vor und sie zerstört das ganze Gebilde. Die geheimnisvolle Notiz des Ardenti wird aufeinmal zu einer bloßen Wäscheliste, wenn man eine oder zwei Kleinigkeiten anders deutet und der ganze Plan fällt in sich zusammen. Aber diese Lösung ist zu einfach, der Mensch will an das große Glauben. Und das wird ihm zum Verhängnis.
Und dann schimmert durch, was eigentlich wirklich zählt: Nicht der große Plan, sondern das hier und jetzt. Die großen Zusammenhänge werden wir nie wirklich verstehen können, aber wir können das hier verstehen. Es zählt die Freude an dem Gegenüber, es zählt das kleine Kind, dass im Bauch der Mutter heranwächst etc. Wer immer nach der einen “Gelegenheit” sucht, nach dem einem großen Moment, der wird die vielen kleinen “Gelegenheiten” im Jetzt verpassen, die vielen kleinen Momente, die das Leben ausmachen.
Dieses Buch ist ein Marathon. Am Anfang braucht es ne Weile, bis man sich eingelesen hat und dann wird man mit tausenden von kleinen Fakten überschlagen, und zum Schluss weiß man eigentlich fast nix mehr. Wie ich am Anfang geschrieben habe: Das Buch will verwirren und wer nicht verwirrt ist, der steht in der Gefahr einer dieser “Hermeten” des Buches zu werden, der überall Analogien und Zusammenhänge sieht, der nie verwirrt ist, weil immer alles einen Sinn ergibt. wer am Ende keinen Sinn sieht, der hat den wahren Sinn erfasst.
“Das Foucaultsche Pendel” ist sicherlich kein Buch für jeden. Man muss sich auf dieses Spiel von Eco einlassen. Wer sich aber in diese absurde und verwirrende Welt einlassen kann, der wird dieses Buch genießen. Ich habe es genossen, auch wenn natürlich die Prämissen Ecos nicht teile. Aber er hat mich auf jeden Fall zum Nachdenken gebracht.
Eine Kleinigkeit zum Schluss: Wenn dieses Buch erst dieses oder voriges Jahr geschrieben worden wäre, dann hätte man es als beißenden Spott auf Dan Browns “Sakrileg” verstehen können. Ich musste wirklich lachen, als die drei Freunde an einer Stelle eine beliebige Folge von Sätzen, die nix miteinander zu tun haben, in einen Computer eingeben und der Computer stellt daraus einen total sinnlosen Text her (so arbeiten die drei an ihrem Plan, wenn sie selbst nicht mehr weiter wissen, herrlich). Aus diesem sinnlosen Text lesen die drei dann genau die Geschichte von Jesus und dem heiligen Gral und Maria Magdalena heraus, wie sie bei Dan Brown zu finden ist. Eco bezieht sich aber natürlich nicht auf Dan Brown, sondern auf das Buch aus den 80ern, das auch Dan Brown verwurschtelt hat und dass genau diese absurde Idee vorgestellt hat. Eco schafft es, diese Geschichts-Pfuscher in wenigen Sätzen zu verspotten. Das ist einfach großartig.
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