Auch wenn ich den Faust, wie ich gestehen muss, ausser ein paar Seiten noch nie gelesen habe, so kenne ich dieses Zitat. Es ist ja ein geflügeltes Wort geworden. Und Goethe beschreibt damit den Zustand innerer Unentschlossenheit knapp aber prägnant.
Was für zwei Seelen schlagen nun in meiner Brust?
Schon seit etwa dre oder vier Jahren stelle ich mir immer wieder die Frage, ob ich denn meine Kinder, sollte ich mal welche haben, auf eine christliche Schule schicken würde. Diese Frage wurde viel akuter, als ich auf der Bibelschule in Brake war. In Lemgo und eigentlich in der ganzen Gegend dort gab es einige christliche Schulen.
Das klingt eigentlich verlockend. Eine Schule, wo die Lehrer Christen sind und viele Mit-Schüler Christen sind. Ich selber war auf einem normalen staatlichen Gymnasium. Und in meiner Klasse war ich der einzige Christ. Das war nicht immer einfach. Vor allem dann nicht, wenn man es mit den klassischen Zündstoff-Themen zu Tun bekommen hat: Schöpfung vs. Evolution, Homosexualität etc. Da konnte man sich schon mal ziemlich allein vorkommen. Man war der Christ aus dem Mittelalter, der _wirklich_ noch daran glaubte, dass die Welt von einem allmächtigen Wesen erschaffen wurde, und das wir alle nicht bloß sinnlose Zufallsprodukte eines ungelenkten Selektionsprozesses waren. Haha, wie Dumm. Oder wie kann man nur jemandem vorschreiben, wie er zu leben hat. Pfui. Es solle jeder nach seiner Facon selig werden.
Oh ja, eine christliche Schule. Das wäre da Paradies gewesen. So habe ich oftmals gedacht.
Das klingt doch grauenvoll. Eine Schule voller Gleichdenkender. Keine Kontroverse. Man lebt in einer Scheinwelt, einer Nebenrealität. Man wird gar nicht auf das richtige Leben vorbereitet. Man bekommt Evolutionsunterricht nur am Rande mit, und das natürlich aus einer Sicht, wo Evolution _natürlich_ total schwachsinnig ist. Wir stammen alle nur von Affen ab und sind das sinnlose Zufallsprodukt eines ungelenkten Selektionsprozesses? Haha, wie Dumm. Und dann kommt man raus und merkt, dass die anderen doch gute Argumente haben. Man kommt aus seinem Wattebausch heraus und wird mit all den Kuriositäten dieser Welt konfronitert.
Oh nein, eine christliche Schule. Das wäre die Hölle gewesen. So habe ich oftmals gedacht.
Ich fühlte mich manchmal wie der doppelgesichtige Gott Janus, oder noch besser, ein moderner Mythos: Gollum.
Er ist unser Freund.
Nein, ist er nicht. Wir müssen ihn Töten und den Schatzzzzzzz an uns nehmen
So habe ich zwischen der einen und der anderen Meinung hin und her geschwankt.
Mir gehts aber nicht so direkt um die Frage nach christlichen Schulen, auch wenn das sicherlich ein wichtiges Thema ist. Ich denke da in einem etwas weiterem Rahmen, nämlich generell nach der Frage, wo es angebracht ist, dass wir Christen unser eigenes Ding machen, oder wo wir uns in bestehendes eingliedern.
Ich denke das Christentum hatte schon immer beide Strömungen in sich drin. Die einen, die sich in der Welt verlieren, die nichts christliches eo ipso akzeptieren. Heute gerne unter dem Namen (radikal-)”Inkarnatorisch”. Das hört sich toll an, und so postmodern.
Die andere Fraktion, dass sind die “heiligen”: Heilig sein bedeutet “abgesondert”. Wir müssen uns von der Welt absondern. In der Welt, aber nicht von der Welt, sondern in einer eigenen Welt. Von christlichem Kindergarten bis zur christlichen Theolowiki baut man eine parallel-Gesellschaft auf.
Habe ich “christliche Theolowiki” geschrieben? Tja, aufmerksamer Leser meines Blogs, vielleicht denkst du dir: “da war doch was?”. Ja, richtig. Und vielleicht merkst du jetzt wieder, wie ich selber hin und her schwanke.
Ich selber hatte z.B. schon 2004 die Idee einer eigenen christlichen Wikipedia gehabt und auch formuliert. Jetzt gibt es eine englische Theopedia, ein deutsches Wikinest, die Christwiki und sogar eine Kathpedia. Tja, und seit kurzem bin ich wieder skeptisch geworden. Brauchen wir wirklich ein inner-christliches geschwurbel? Müssen wir uns immer um uns selbst drehen?
Und dann wieder der Gollum in dir:
Ja, du brauchst das. Der köstliche Schatzzzz zu Wertvoll für die Welt
Nein, nein, brauchen wir nicht. Nicht immer nur eigene Sachen machen. Sich auch einbringen, der Diskussion stellen
Aber sie wollen unseren Schatzzz nicht, sie wissen ihn nicht zu schätzen. Sie stellen Löschanträge und bezeichnen unseren Schatz als irrelevant. Wozu sich diesem Stress aussetzen. Lass uns unseren Schatz nur für uns behalten.
Ich merke, dass das hier eigentlich ein selbstreflexiver Monolog ist. Ich muss darüber schreiben, um darüber nachzudenken.
Das ganze Thema ist eigentlich recht simpel,
Natürlich: Das Salomonische Urteil wird lauten, dass _natürlich_ weder das eine oder das andere Extrem angesagt ist. Man muss halt sehen, wann was angebracht ist.
Und es doch nicht so einfach, weil man sich immer wieder neu überlegen muss, wann was angebracht ist. Da, schon wieder diese ewige hin- und herwinden.
Um beim Beispiel der Wikipedia zu bleiben: Auf einem dezidiert christlichen Wiki kann ich viel tiefer in die Materie einsteigen. Ich kann Themen behandeln, die dort keinen Platz hätten, weil die (deutsche) Wikipedia immer strenger wird in ihren Maßstäben, was reingehört und was nicht. Auf der anderen Seite werden die meisten Menschen, die ein Thema nachschauen wollen, in der Wikipedia nachschlagen, wenn sie schon eine Wiki konsultieren wollen, weil sie nun mal am Bekanntesten ist. Daher ist es gut, sich dort einzubringen, um Alternativmeinungen aufzuzeigen.
Das gilt natürlich auch für viele andere Bereiche: Brauchen wir christliche Zeitschriften oder sollen wir uns lieber in “normalen” engagieren? Brauchen wir christliche Parteien, oder lieber Mitglied in einer Volkspartei werden? Christliche Windeln oder doch lieber Pampers?
Hm, irgendwie habe ich das Gefühl, dass das einer meiner sinnloseren Beiträge war. Eigentlich war ich schon kurz davor wieder alles zu löschen. Ist es nicht toll einen eigenen Blog zu haben und sein eigener Chefredakteur zu sein? Da kann man einfach mal entscheiden, auch Schrott nicht zu löschen
Doro, vielleicht hast du Recht mit deiner T-Frage.
So, ich versuch mich jetzt mal wieder in der Wikipedia einzubringen. Ich versuch schon seit ein paar Tagen die Johannesbriefe zu überarbeiten. Die wurden bisher etwas stiefmütterlich behandelt. Wenn du Lust hast, darfst du dich gerne beteiligen. Schau dazu einfach auf meiner Projektseite vorbei.
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August 30th, 2006 at 19:45
Du machst dir über Sachen Gedanken…. pststs..
mach doch erst einmal dein Zimmer sauber
Gruß
Danny
August 30th, 2006 at 20:46
Vielleicht ein paar Gedanken zur christlichen Schule:
1. Hat Jesus uns nicht den Befehl gegeben zu lehren? Warum beschränken wir das auf die Gemeinde?
2. Eine christliche Schule stellt eine Scheinwelt dar?
Nach einigen Gesprächen und Besuchen an christlichen Schulen bin ich da etwas anderer Meinung. Von den Problematiken Alkohol, Schuluniform bis hin zu Prügeleien ist auch eine christliche Schule und damit auch kein Schüler/in geschont.
3. Der Staat hat trotz Privatschule solch einen starken Einfluss auf die Schulen, dass man keine Angst vor einer Weltverfremdung haben braucht. Die wird eher durch die Familien und Gemeinden geprägt als durch die Schule.
4. Wenn ich meine Kinder in Zukunft zu einer Ganztagsschule schicken müsste, würde ich deutliche Vorteile bei einer christlichen Privatschule sehen. Warum soll ich meinem Kind, einen ganzen Tag Menschen anvertrauen, die bei den Grundsätzen der Erziehung eventuell anders denken als ich und eine ganz andere, säkulare, Weltanschauung haben?
Nur vier Gedanken die deinem “Gollum” vielleicht weiterhelfen.
August 30th, 2006 at 21:16
Jürgen on 30.8.2006 at 20:46 said:
4. Wenn ich meine Kinder in Zukunft zu einer Ganztagsschule schicken müsste, würde ich deutliche Vorteile bei einer christlichen Privatschule sehen. Warum soll ich meinem Kind, einen ganzen Tag Menschen anvertrauen, die bei den Grundsätzen der Erziehung eventuell anders denken als ich und eine ganz andere, säkulare, Weltanschauung haben?
Und was ist wenn die Kinder dannach eine Ausbildung anfangen oder an einer Universität studieren gehen, oder gar in einem Betrieb arbeiten in dem Arbeitskollegen auch eine andere Weltanschung haben?
Ich denke es wird ihnen schwerer fallen sich und ihre Meinung zu behaupten, dazu zu stehen und mit der säkuleren Weltanschauung umzugehen wenn sie dies zuvor schon als Normalität bei anderen Menschen z.B. bei Mitschülern erlebt und damit konfrontiert worden wären…
Oder sollte man auch rein Christliche Firmen ins Leben rufen usw…?!
August 30th, 2006 at 23:01
@Danny: Woher weißt du wie es in meinem Zimmer aussieht? Also ich find mein Zimmer toll
@Jürgen. Tja, ich selber wäre höchstens Bereit mein Kind auf eine christliche Grundschule zu bringen. Das habe ich vergessen im Artikel, aber ich wollte noch schreiben, wie sehr ich selber angeregt wurde durch die Diskussionen. Durch die Auseinandersetzungen habe ich auf der einen Seite gelernt mich auf andere einzulassen, deren Argumente ernst zu nehmen, aber auch, selber zu denken, zu forschen, nachzuhaken und die Ungereimtheiten beim anderen zu sehen, mich nicht so schnell blenden zu lassen. Aber das steht ja bei mir alles momentan nicht an. Und in Polen wird es wahrscheinlich eh keine christlichen Schulen geben
August 31st, 2006 at 12:31
Mal so eine kleine Zwischenfrage: Warum studierst du an der FTA und nicht an der *säkularen* Uni? Hast du damit nicht auch bereits eine (Teil-)Antwort auf die Frage nach Abgrenzung und/oder Öffnung gegeben?
p.s.: das ist keineswegs als Vorwurf gemeint! Ich bin selbst sehr froh, dass es STH, FTA und ähnlichen Institutionen gibt…
August 31st, 2006 at 12:31
Hmmmm ….
mal mein Senf zum Thema “Wiki”:
Divide et impera.
Klar ist es wichtig auch in der Wikipedia als allg. akzeptierte Enzyklopädie immer wieder auch die eigene Meinung kundzutun und aufzuzeigen, dass es alternative Meinungen gibt zu bestimmten Themen und auch “Grundthemen” des eigenen Glaubens darzulegen. Dennoch sehe ich Sinn und Nutzen darin eine christliche Wiki zu erschaffen, in der man, wie du schon erwähnt hast, tiefer in bestimmte Sachthemen einsteigen kann. Wo man problematische Themen innnerhalb des christlichen Glaubens vielleicht auch differenzierter beschreiben und betrachten kann, da die Nutzer von der gleichen oder zumindest einer sehr ähnlichen Ausgangsbasis gehen was die Weltanschauung angeht.
August 31st, 2006 at 12:43
@lagalug: Tja, eine sehr gute Frage. Es gibt Berechtigung für beides: sowohl dezidiert christlich als auch sich wo anders einklinken.
Ich denke, dass es bei diesem Thema, wie es auch sonst eigentlich angebracht ist, nicht sofort auf unhinterfragte Pauschal-Antworten zurück zu greifen, sondern sich will Gedanken darüber zu machen, wieso jetzt gerade das.
August 31st, 2006 at 16:21
Sehr schöner beitrag!
“Wozu sich diesem _Stress_ aussetzen?” Dazu kann ich dir Sprüche 26,17 ans Herz legen
Ich hab mir beim ChristWiki die gleiche Frage auch gestellt - da im ersten Ansturm aufeinmal Wikipedia-Artikel rüberkopiert wurden - und dann entschieden, dass das ChristWiki keine christl. Konkurrenz zur Wikipedia sein darf. Denn das kann es auch nicht sein. Aber ein Wiki kann man auch für andere Sachen gut gebrauchen, nur leider fehlt mir im Moment zum einen ein gutes Konzept und zum anderen braucht es dafür eine “kritische masse” an mitarbeitern, damit es sich von alleine trägt … aber ich schweife ab.
Deswegen treibe ich im moment eher auf der wikipedia mein unwesen (auf “christlichen” und “weltlichen” themen, je nach momentanen interesse halt). ich denke aber man kann das eine tun und muss das andere nicht lassen.
Ich denke es muss auch “Produkte” für Christen geben, etwa die zeitschrift “dran”. natürlich ist es gut, wenn sich christen auch woanders engagieren, aber als christ würde mir die kleine spalte über den glauben in der bravo (nur als bsp, keine ahnung ob es sowas schon gibt), die ein christ in der redaktion evtl mal durchsetzt, nicht reichen. oder die gemeinde: absolut wichtig. aber sie darf sich halt nicht nur um sich selber drehen.
bei schule ist es natürlich schwieriger zu entscheiden, da würde ich wohl mit einem kommentar meine kompetenz bezüglich erziehung wohl überschreiten. aber wenn ich die wahl hätte zwischen einer ghetto schule mit drogen und gewalt gegenüber einer christlichen schule mit artigen pastorenkindern…
zu den christlichen parteien denke ich es muss auf kommunaler ebene anfangen. man muss sich vor ort politisch engagieren, dort wird gute arbeit auch am ehesten belohnt. so gibt es bei uns - in mecklenburg! - einen kreistagsabgeordneten der pbc. wer sich darauf konzentriert und über viele jahre zeigt, dass einem die bedürfnisse der bürger am herzen liegen, schafft es vielleicht auch mal einer als direktkandidat in den bundestag.
ich glaub man muss unterscheiden zwischen konsumentensicht und anbietersicht. auf der anbietersicht muss man sich die frage stellen: gründe ich eine christliche schule, damit christen nicht in die “böse weltliche” schule müssen oder eher für nichtchristen?
Naja, nur so ein paar wirre Gedanken. ist ein zu vielschichtiges thema.
Gruß Thomas
August 31st, 2006 at 18:54
dazu passend bei jesus.de ein Artikel über Homeschooling: http://neun.scm-digital.net/show.sxp/7964_wegen_homeschooling_droht_sorgerechtsentzug_-_deutsc.html