Ich komme endlich dazu, meine Amerika-Trilogie abzuschließen. Wenn ich das heute nicht gemacht hätte, dann wäre es nie fertig geworden.
Auf meine ersten beiden Posts habe ich nicht so viele Kommentare und Reaktionen erhalten. So wirklich hat mich das nicht verwundert, denn ich habe noch kein richtig heißes Eisen angepackt bisher, sondern eher Selbstverständlichkeiten formuliert. Das _könnte_ diesmal anders werden, weil ich jetzt auf das eigentliche “Corpus Delicti”, das meine Trilogie angezettelt hat, zu sprechen kommen will, nämlich das Video, das ich im ersten Beitrag eingefügt hatte. Ich werde das nicht erneut einfügen. Wer es sehen will, soll sich den ersten Beitrag anschauen und dann von dort aus auch durch beide Beiträge hindurcharbeiten um dann hier weiter zu lesen, wenn du das nicht schon getan hattest.
Jetzt aber ran an das Video. Und am Anfang jeder Kritik steht die Beobachtung: Welche Symbol-Sprache verwendet der Film? Was sagt der Film aus? Was gibt er über den Autor zu erkennen, über dessen Absichten, über seine Sicht auf die Dinge? Welche Absicht hat der Film? etc.
Welche Aussagen transportiert der Film also? Ich habe folgende herausgesehen:
# Die USA sind die mächtigste Nation der Welt
# Die USA scheren sich nur um sich selbst, um sonst niemanden
# Die USA wollen die Welt dominieren (New American Century)
# Es gibt in den USA eine Verschwörung der
# Die USA sind eine faschistoide Nation
# Der Terror der Al-Qaida ist eine Antwort auf diese hegemonialen Bestrebungen
# Irgendwie hängen die Christen auch mit drin
# Genauso wie die Waffen-Lobby, weil sie von den Kriegen profitiert
Die Thematik ist sehr komplex, da viele verschiedene Schichten mit einander verwoben sind. Einige dieser Aussagen sind absoluter Nonsense und polemischer quatsch. Dennoch sind sie ernst zu nehmen, denn sie spiegeln eine Sicht auf die USA wieder, die mehr oder minder weiter verbreitet ist. Andere Aussagen sind nicht ganz so von der Hand zu weisen. Über die sollte man reden können, sie analysieren können, ohne sie vorschnell beiseite zu schieben (These 4)
Ich will jetzt mal die einzelnen Aussagen, die ich beobachtet habe, ein wenig aufarbeiten. Dabei werde ich, wo angebracht, einige Thesen gemeinsam behandeln:
h4. 1. Die USA sind die mächtigste Nation der Welt
Das lässt sich schnell abhandeln: Ja, sie sind es, zumindest momentan. Da gibt es keinen Zweifel. Wie das in 20 Jahren aussieht weiß zwar kein Mensch, aber das spielt erst einmal keine Rolle (in einem anderen Zusammenhang dann aber schon)
h4. 2. Die USA scheren sich nur um sich selbst, um sonst niemanden (2.), sie wollen die Welt dominieren (3.). Das geht alles auf die NeoCons zurück, und deren Projekt “New American Century” (4.)
Hier wird es schon kniffliger. Denn dabei vermischen sich zwei Bestrebungen der USA, was auch in meinen Augen sehr problematisch ist. Zum Einen wird natürlich niemand von den USA verlangen können, absolut selbstlos zu sein. Die USA sind eine Nation mit eigenen Interessen, wie übrigens alle anderen Nationen auch (These 1). Und das geht natürlich in Ordnung so. Ein Staat dient seinem Volk, zumindest und vor allem ein Staat, bei dem das Volk der Souverän ist (Republik).
Auf der anderen Seite findet sich auch immer wieder dieses religiös gefärbte Selbstbild der USA, dass sie in der Welt für Ordnung sorgen müssten, denn sonst würde es niemand tun. Das hängt natürlich wieder auf Engste mit dem eigenen Sicherheitsbedürfnis zusammen. Problematisch ist die Idee dennoch, denn das suggeriert auf der einen Seite eine moralische Höherwertigkeit und Überlegenheit der USA und auf der anderen Seite bedeutet es, dass die USA es sich vorbehalten, sich überall einzumischen. (Vgl.
Ein jüngstes Beispiel für diesen Expansions-Drang und das sich nix sagen lassen ist die “Weltraum-Doktrin” von Bush, die besagt, dass die USA den Weltraum uneingeschränkt für die eigenen Interessen nutzen wollen, und dass die USA sich vorbehalten, “Feinden” diesen Zugang zum Weltall zu verwehren (!). Welche Aussenwirkung erzeugt das? Wer gibt den USA das Recht, sich zu Herrschern des Weltalls zu erklären und allen anderen das streitig zu machen, was sie für sich selbst fordern? Diese Doktrin ist ein krasser Rückschritt in blinde nationale Egoismen.
Das selbe auch auf wirtschaftlicher Ebene. Die USA fordern Zugang zu allen Märkten (schon im 19. Jhrd hat das Militär der USA sich den Zugang zum japanischen Markt mit Gewaltandrohung “erzwungen”). Auf der anderen Seite aber schotten sie den Markt gegenüber unliebsame Konkurrenten ab (Stahlzoll-Konflikt).
Wiederum: Die Betonung nationaler Interessen ist an und für sich nichts negatives. Aber dann sollte man den anderen Staaten das Gleiche zugestehen, wie sich selbst auch, oder sich nicht wundern, wenn die anderen Staat für sich das Selbe herausnehmen, wie die USA (These 1). Wenn die USA dem z.b. Iran die Atombombe verbieten wollen, dann klingt das in der Tat merkwürdig, wenn man bedenkt, dass die USA selber gar nicht daran denken, ihre Atomwaffen aus dem Verkehr zu ziehen.
Nicht missverstehen: Ich will keine Atomwaffen im Irak oder in Nordkorea. Aber mir ist auch nicht wohler bei dem Gedanken, wenn die USA Atwomwaffen besitzen, denn wie schon gesagt: Wer weiß, was in 20 Jahren sein wird? Wer kann ausschließen, dass die USA sich dann nicht von einer Demokratie zu einer faschistischen Diktatur entwickelt haben, die Tausende von Atomwaffen besitzt? Die Geschichte lehrt: Alles, was denkbar ist, lässt sich nicht ausschließen.
h4. 5. Die USA sind eine faschistoide Nation
Wieder eine kurze Antwort. Nein, noch nicht! Aber es gibt bedenkenswerte Entwicklungen, wie die CIA-Gefängnisse und die Entführungen, Guantanamo, das ganze “Patriot-Act” Programm mit massiver Ausweitung der Abhörmassnahmen, die Schutzhaft-Massnahmen nach 9/11, die Folter-Doktrin etc. Das alles beunruhigt schon. Die Grenzen der Rechtsstaatlichkeit werden da arg ausgelotet. Aber ich würde noch lange nicht von einer “faschistischen Gesellschaft” sprechen (Vgl.
h4. 6. Der Terror der Al-Qaida ist eine Antwort auf diese hegemonialen Bestrebungen
Das lässt sich nur schwer beantworten. Und ich will mir da die Finger nicht dran verbrennen. Aber die Präsenz im Nahen Osten, die Stümperhaftigtkeit mancher politischen und militärischen Entscheidungen in dieser Region (z.b.
h4. 7. Irgendwie hängen die Christen auch mit drin
Das bereitet mir ganz besonders Bauchschmerzen. Im Video tauchen immer wieder die Kreuze auf. Damit wird das Christentum direkt mit amerikanischer Politik verwoben. Der amerikanische Evangelikalismus wird indirekt als die “Hausideologie” der gegenwärtigen Regierung dargestellt. Da sind die Evangelikalen sicherlich nicht ganz unschuldig dran. Aber ich will da nicht tiefer einsteigen, denn hier sind meine Grenzen, die ich in These 3 formuliert hatte. Dennoch kann ich über die Aussenwirkung sprechen. Und die macht mir eben Sorgen.
Das Verhältnis von Staat und Kirche ist schon immer eine schwierige Sache gewesen. Ich denke nicht, dass Christen sich komplett aus der Politik heraushalten sollten. Ganz und gar nicht. Aber die Kirche darf sich nicht von der Politik vereinnahmen lassen. Das geschah in Frankreich kurz vor der Französischen Revolution, und als das Volk dem König den Kopf abschnitt, da verdammte es die Kirche gleich mit. Heute ist Frankreich eines der atheistischsten Länder Europas.
Und auch früher schon, ganz am Anfang bei Konstantin, hat sich die Kirche immer stärker an den römischen Staat gebunden, mit all den Problemen, die das später aufgeworfen hat. Heute wird die “konstantinische Wende” von vielen als sehr problematisch angesehen (wenn ich das richtig sehe, dann auch bei vielen EClern). Aber die Christen in den USA sollten sich Gedanken darüber machen, ob sie nicht auf dem selben Weg sind, zu einer zweiten konstantinischen Wende.
h4. 8. Auch die Waffen-Lobby hängt da mit drin, weil sie von den Kriegen profitiert
Das ist auch wieder so ein schwieriges Thema, zu dem ich kaum was sagen kann, weil es sehr inner-amerikanisch ist. Ich will aber einen ganz primitiven
# Die Waffen-Lobby profitiert von Krieg
# Die Waffen-Lobby in den USA ist extrem mächtig
Den dritten Teil kann sich jeder denken. Ich weiß, dass ich mich hier auf dünnes Eis begebe. Aber trotzdem sollte man sich mit so etwas auseinander setzen.
h4. Fazit
Ich kann natürlich nicht allem in dem Video zustimmen. Viele Aussagen sind platte Polemik. Auch z.B. die Gleichstellung von Iran & Nordkorea mit England und Frankreich am Ende des Videos ist irreführend. Iran und Nordkorea sind zwei der größten Bedrohungen momentan. Aber wenn ich z.b. in anderen Posts den Irak-Krieg kritisiert habe, so widerspreche ich mir jetzt nicht, denn die Ausgangssituation ist eine ganz andere. Es geht nicht darum, generell gegen Sanktionen und auch Krieg zu sein. Aber es geht darum, wie genau ich dabei vorgehe. Und das Vorgehen der USA hatte ich kritisiert. Krieg muss absolut gut überlegt sein.
Auf der anderen Seite gibt es manches, worüber man diskutieren kann und darf. Nicht alles sollte man einfach beiseite schieben. Und die USA sollten sich dessen bewusst sein. Wer sich nichts mehr sagen lässt, der lebt in seiner eigenen Welt, in seinem Elfenbeinturm. Und das ist bei einer so mächtigen Nation wie den USA kein Spaß mehr. Sie wollen eine hervorgehobene Stellung in der Welt? Dann sollen sie durch ihr Verhalten auch zeigen, dass sie dazu berechtigt sind, und zwar vor allem auf moralischer Ebene, nicht bloß auf politisch-militärischer. Leider liegen Schein und Sein manchmal zu weit voneinander entfernt.
Das war der dritte und letzte Teil zu diesem Thema. Ich hoffe, dass nicht zu viel Schrott darunter war und manches zum Nachdenken angeregt hat. Mir selbst hat es geholfen, meine Gedanken zu sortieren. Aber ich hoffe, dass auch du ein wenig von meinen Gedanken profitieren konntest.
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Oktober 28th, 2006 at 16:45
Lies dir mal diesen Artikel durch: Die Grobstruktur der USA und dazu die Artikel aus der Reihe “Wie der Bund funktioniert” (findest du aufgelistet hier). Die USA sind weit davon entfernt, auch nur annähernd eine Diktatur zu werden.
Was die Atomwaffen angeht, bereiteten mir die USA oder Israel keine Probleme, während mir ein Iran mit Kernwaffen Kopfschmerzen bereitet. Außerdem hoffe ich, daß uns alle bisherigen Bundesregierungen angelogen haben, und wir doch ein paar A-Bomben im Keller haben. Man weiß nie wofür es gut ist.
Oktober 28th, 2006 at 16:46
Oops! Warum löscht WP alle Links? Sehr unpraktisch.
Oktober 28th, 2006 at 18:15
Ich kenne die USA erklärt Artikel dazu. Aber ich ergebe mich trotzdem nicht der Illusion zu glauben, dieses System wird ewig halten. Dafür ist die Geschichte zu voll mit Überraschungen.
Und ich hatte ja auch geschrieben, das mir die A-Bombe _lieber_ bei den Amis als bei den Iranern ist, relativ gesehen, aber das es mir dennoch stinkt, dass auch die Amis sie haben, absolut gesehen.
Oktober 28th, 2006 at 18:41
>Aber ich ergebe mich trotzdem nicht der Illusion zu glauben, dieses System wird ewig halten.
Die US-Demokratie funktioniert seit 1776, also bedeutend länger als die deutsche Demokratie. Ein demokratisches System kann natürlich immer unterwandert werden, doch diese Möglichkeit sehe ich persönlich eher in Deutschland (schlag nach bei Weimar) als in den USA.
Atomwaffen: Die amerikanischen Kernwaffen haben uns immerhin davor bewahrt, während des Kalten Krieges Teil der DDR zu werden. Die Pläne dazu existieren immer noch, nur hat sich die UdSSR seinerzeit aus Furcht vor einem Gegenschlag nicht getraut. Klar sind Atomwaffen keine Kleinigkeit, doch das System der Abschreckung funktioniert bis heute.
Oktober 28th, 2006 at 18:46
Das macht es nicht besser. Und es macht es auch nicht besser, wenn man nicht die Absicht hat, dieses System zurück zu fahren.
Nordkorea will Atomwaffen, weil USA Atomwaffen hat, zu Abschreckung. Amerika will Atomwaffen nicht abbauen, weil Staaten wie Nordkorea Atomwaffen bauen will. Japan will Atomwaffen, weil Nordkorea Atomwaffen will …