Nachdem ich gestern im ersten Teil einleitend was zu dem Thema gesagt habe, will ich jetzt, wie angekündigt, ein paar axiomatische Thesen formulieren.
Und mit “axiomatisch” meine ich wirklich “axiomatisch”. Das sind also keine weltbewegenden Neuheiten sein, sondern Thesen, die eigentlich absolut selbstverständlich sein sollten, die aber immer wieder total missachtet werden in den Diskussionen, die ich führe. Deshalb fasse ich einige hier zusammen, um darauf verweisen zu können als Diskussions-Grundlage.
Über diese Thesen darf gerne diskutiert werden. Das hoffe ich sogar. Aber bitte sachlich und am Thema orientiert. Unsachliche und platte Kommentare gehen in meine Augen rein und aus den Ohren wieder raus … oder so ![]()
Wer meint, dass eine absolut fundamentale These fehlt, der darf sie gerne als Kommentar hinterlassen. Vielleicht mache ich in einigen Tagen noch einen Post mit Thesen, die ich jetzt noch nicht bedacht oder formuliert habe.
h4. These 1: Die USA sind eine Nation unter vielen
Diese These ist eine der wichtigsten Thesen für mich, aber sie kann auch ganz schnell missverstanden werden. Sie greift das auf, was ich ganz am Anfang meines ersten Beitrags erwähnt hatte. Die USA haben keine wie auch immer geartete in sich selbst(!) veranlagte herausgehobene Stellung, sei es im negativen oder im positiven Sinn! Amerika ist weder Gott noch Satan. Die USA sind nicht “God’s own Country”. Nur eine Nation hat das “Privileg” sich so nennen zu dürfen.
Die USA sind also in erster Linie eine Nation wie jede andere auch. Das richtet sich ausdrücklich auch an die Seite der Kritiker! Denn das bedeutet, dass die USA auch nicht willkürlich verdammt werden dürfen, als seien sie das Böse schlechthin.
Ich betone: In erster Linie! Denn ich höre schon die ersten kritischen Stimmen: “Man kann die USA ja wohl nicht mit Nordkorea oder Iran vergleichen” Doch und Nein! Denn wie gesagt, keine Nation (ausser vielleicht Israel, und das behaupte ich ganz vorsichtig) hat eine in sich selbst begründete oder durch Gott verliehene herausgehobene Position. In diesem Sinne sind die USA mit allen anderen Nationen zu vergleichen.
Auf der anderen Seite kann es in Bezug auf wirtschaftliche, politische oder militärische Stärke einer Nation, oder auch moralische Integrität eines Landes sehr wohl Unterschiede geben. Und die gibt es auch. Die USA sind momentan ohne Zweifel die in vielerlei Hinsicht bedeutendste Nation. Auch in Bezug auf moralische Integrität, egal was man ihnen nun alles vorwerfen mag. Im Vergleich mit anderen Staaten stehen die USA noch relativ gut da. Das ist keine Frage. Ich selber verdanke mein Leben wahrscheinlich zumindest zum Teil amerikanischen Hilfslieferungen für Polen. Und ohne das Eingreifen der USA in den ersten und zweiten Weltkrieg, hätten beide Weltkriege sich eventuell noch länger hingezogen, mit katastrophalen Folgen. Und so gibt es noch viele weitere Beispiele.
Diese bedeutende Stellung ist aber kein Naturgesetz und jede Generation steht für sich selbst. D.h. ich stehe nicht für immer in der Schuld der Amerikaner, als Pole oder als Deutscher, für das, was sie _einmal_ getan hatten. Ich danke der _damals_ verantwortlichen Generation, aber ich bin nicht auf ewig durch diesen Dank gebunden. Das war ja auch z.T. der Vorwurf, der an Schröder gemacht wurde, als er eine Beteiligung am Irak-Krieg abgelehnt hatte. Wie könne er das, nach allem, was die USA für Deutschland getan hätten. Da muss ich ihn aber ausnahmsweise mal in Schutz nehmen, genau aus dem eben genannten Grund. Das klingt vielleicht ziemlich hart. Ich hoffe, das kommt nicht falsch an.
Und: Nicht alles, was die USA tun, ist deshalb gut, weil es die USA tun. Und nicht alles, was die USA tun, ist schlecht, weil es die USA tun.
Die USA sind nicht der Maßstab, in welcher Hinsicht auch immer, sie sind nicht das Absolute und unantastbare, sondern das Verhalten der USA muss an einem externen Massstab gemessen und beurteilt werden, der eben natürlich auch für die USA gültig ist, dem sie sich nicht entziehen können und den sie selber nicht definieren und umdefinieren können. Was nun dieser Massstab ist, dass ist eine Frage, die gesondert diskutiert werden muss.
h4. These 2: Definiere, über welches Amerika du redest
Das klingt vielleicht etwas komisch. Aber je mehr ich mich über die USA informiere, durch Zeitschriften, Bücher oder auch Gespräche, desto mehr wird mir bewusst, dass man sehr vorsichtig sein muss, wenn man über “die” USA redet. Das ist eigentlich so Trivial, dass es zu schnell übersehen wird. Ein gutes Beispiel dafür ist der Wikipedia Artikel über die “Jesusland Map”. Dort sind die Staaten eingezeichnet, die bei der letzten Präsidentschafts-Wahl demokratisch gewählt haben (die roten Länder). Diese Länder werden auf der Karte mit Canada verschmolzen. Und dann die grünen Staaten, die Republikanisch gewählt hatten, “Jesusland”. Das ist von Amis selbst erstellt. Irgendwelche Verschwörungstheorien über ahnungslose Europäer, die von Sachen reden, von denen sie keine Ahnung haben, zünden hier nicht. Solche Darstellungen sind ein Spiegel darüber, wie die Amerikaner ihr eigenes Land wahrnehmen. Die Spannungen zwischen dem “liberalen” Amerika und dem “religiösen” Amerika sind, nach dem, was ich so mitbekomme, ein immer größeres Problem.
Dann gibt es die Unterschiede zwischen Land und (Groß)Stadt, die eng verknüpft sind mit dem gerade gesagten. Redest du über das ländliche Amerika, oder über das städtische Amerika? Redest du über die Ost- oder Westküste? Und so weiter und so fort.
Ich denke viele, die in die USA reisen, machen sich zu selten bewusst, dass sie nur einen Ausschnitt des Ganzen sehen. Und ich wage mal die These, dass selbst viele Amis nur einen Teil ihres Ganzen sehen. Ich habe mal eine Karte der USA mit einer Karte von Deutschland zusammengestellt um mal den Größenunterschied vor Augen zu malen. Vielleicht wird die These dann etwas eindrücklicher

Das bedeutet: _Jede_ Seite muss sich dessen bewusst sein, dass sie nur einen Teil des Ganzen nennt und deshalb die Beobachtungen anderer nicht unkritisch verwerfen darf.
h4. These 3: Die USA dürfen kritisiert werden, auch von nicht-Amerikanern
Natürlich kann ich als jemand, der noch nie in den USA war, dort nie gelebt hat etc., keine tiefgehende Kulturelle Anaylse verfassen. Das ist selbstverständlich. Aber jegliche Kritk damit abzuschmettern, das ich ja keine Ahnung habe, wie es dort ist, weil ich ja nie dort war, ist auch unzulässig. Natürlich muss ich dann die Grenzen meiner Kritik-Möglichkeiten kennen und einhalten. Ich werde im groben nur über die _Aussenwirkung_ der USA diskutieren können und nicht über innerstaatliche Details. Aber ich, als Ausländer, der indirekt betroffen ist von amerikanischer Aussenpolitik, habe das Recht, über diese zu diskutieren. Die USA sind nicht über alle Zweifel erhaben. Ich muss nicht mit allem einverstanden sein, ich darf bedenken äußern. Dafür muss ich nicht mein Leben in den USA verbracht haben.
Natürlich bin ich in meiner Wahrnehmung auf externe Informations-Quellen, darunter vor allem Medien angewiesen. Und diese können niemals objektiv sein. Aber das sind inner-amerikanische Medien auch nicht. Die Idee einer objektiven Medienberichtserstattung ist ein Wunschtraum. Ich erhalte also subjektiv selektierte Informationen. Die Amerikaner selber aber auch, nur vielleicht von einer anderen Perspektive aus. Dieser Vorwurf, dass ich von Amerika-kritischen Medien beeinflusst werde, muss also sehr vorsichtig und gut begründet vorgetragen werden. Und der Verweis auf andere Informationen muss genauso kritisch beleuchtet werden. Wo hast du deine Informationen her?
h4. These 4: Das Kind nicht mit dem Bade ausschütten, oder: Plädoyer für einen differenzierten Dialog.
Das ist meine vorerst letzte These für Heute. Die ist viel allgemeiner, eigentlich ein Grundprinzip der Diskurs-Logik. Diese These will ich in einem nächsten Post applikativ anhand des Videos aus dem ersten Beitrag verdeutlichen. Überhaupt sollen im nächsten Beitrag diese theoretischen Thesen praktisch anhand des Videos verdeutlicht werden.
Diese These sagt aus: Ich werde fast nie mit allen Details einer Aussage einverstanden sein. Ich werde fast immer etwas finden, dass ich kritisieren kann, vor allem, wenn der Beitrag ausführlicher und komplexer ist. Dann aber ist es viel einfacher sich einen Punkt aus dem großen Ganzen heraus zu picken, den ich verwerfe und dann Mithilfe dieses einen Punktes den ganzen Beitrag zu verwerfen, ohne auf die guten oder berechtigten Teile des Ganzen einzugehen. So erspare ich mir selber eine unbequeme Konfrontation und Hinterfragung meiner eigenen Position.
Angewendet auf diese Thesen kann das z.B. so aussehen: Mir ist bewusst, dass diese Thesen subjektiv sind und in der einen oder anderen Hinsicht sicherlich auch Einseitig. Da mache ich mir nix vor. Jetzt könnte man sich an dieser Einseitigkeit aufhängen und eben rufen: “Viel zu Einseitig” Punkt. Das wäre aber unbefriedigend. Man würde sich der Diskussion und Konfrontation in der Gänze entziehen, weil einem ein Teil des Ganzen nicht zusagt.
Der andere Weg ist viel anstrengender und komplizierter, erfordert er doch, dass ich mich in die Argumentation hineinversenke, versuche sie nachzuvollziehen, die positiven und negativen Aspekte zu sortieren und dann mit beidem Sachgemäß umzugehen. Vor allem die Frage: “Wo könnte er Recht haben?” verbunden mit “Wo wird meine Position hinterfragt?” ist knifflig und wird von uns gerne ignoriert.
Wie gerade gesagt, weiß ich, dass diese Thesen subjektiv und sicherlich auch in Teilen einseitig sind. Darum stelle ich mich jetzt auch dem “inter-subjektivem Dialog”, wie es Dr. Stadelmann in einer kurzen Abhandlung über Wissenschafts-Theorie gefordert hat, um meine subjektive Sicht durch andere subjektive Meinungen hinterfragen zu lassen. Und wie schon erwähnt: Ich hoffe, dass ein guter, konstruktiver und im positiven Sinn “wissenschaftlicher” Dialog möglich ist. Den ersten Beitrag haben relativ viele Leute gelesen und wenn einige dieser Leser sich auch am Gespräch beteiligen könnten, dann wäre ich sehr erfreut.
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