Am Freitag erst hatte ich geschrieben, dass ich mir das neue Buch “The secret Message of Jesus” von Brian D. McLaren gekauft hatte und das ich eventuell vorhabe darüber zu schreiben. Das tue ich hiermit in einer ersten Runde.
Nach “What St. Paul really said” von N.T. Wright (der Name prädestiniert doch geradezu dazu, sich mit dem NT zu beschäftigen …) jetzt also “The secret message of Jesus” von McLaren. Ich warte jetzt noch auf “What St. Mose has really written on the stone tables” und “Maher-shalal-hash-baz secret thoughts when he passed the street”.
Wie du dir vielleicht nach diesem Einstieg denken kannst, habe ich so meine Schwierigkeiten mit solchen Titeln. Das klingt so nach: 2000 Jahre hat das Christentum Jesus falsch verstanden. Aber ihr habt Glück, ich hatte grad etwas Zeit und hab’ euch mal niedergeschrieben, was Jesus wirklick gemeint hat…
Ich weiß, dass das McLaren sicherlich nicht angemessen ist. Er würde bestreiten, dass er so denkt. Und trotzdem scheint dieses Denken bei ihm durch. Besserwisser-Arroganz wird von vielen PoMos als modern abgetan. In der PoMo legt man diese doch so veraltete Attitude ab. Aber anstelle der Besserwisser-Arroganz bemerke ich so eine Art “demütige Arroganz”: Du kannst ihm die Arroganz nicht wirklich vorwerfen, denn er bringt sie in Demut verpackt rüber. Das ist genauso gefährlich wie falsch und sollte genauso offen angesprochen werden.
Noch ein Hinweis: Wer in der folgenden Rezension Sarkasmus und Ironie findet darf sie behalten …
So, jetzt aber direkt zum Buch:
Das Buch ist 237 Seiten dick, mit ein paar Seiten Vorwort. Das Hardcover macht einen stabilen Eindruck, das Layout ist schlicht, aber ansprechend gestaltet, so dass das Buch sich gut lesen lässt. Mitgeliefert wird auch ein halber Papierumschlag, der momentan scheinbar im Trend ist. Das Ding ist noch weniger zu gebrauchen, als übliche Schutzhüllen und ist somit sofort im Müll gelandet.
Wenn man das Buch aufschlägt, dann muss man sich erst durch 3 Seiten Lobduddelei kämpfen. Da darf man dann 17x lesen, wie toll das Buch ist. Keinmal ist zu lesen, dass jemand das Buch schlecht findet. Ein gutes Beispiel für “authentisch Marketing”, denn die EC legt ja viel Wert auf authentisch sein…
Das Buch selber ist in drei Teile unterteilt:
- Excavation: Digging beneath the surface to uncover Jesus’ message
- Engagement: Grappling with the meaning of Jesus’ Message
- Imagination: Exploring how Jesus’ Secret Message could change everything
Der erste Teil, den ich bisher gelesen hatte, enthält 5 Kapitel:
- Troubling Questions about Jesus
- The Political Message of Jesus
- The Jewish Message of Jesus
- The Revolutionary Message of Jesus
- The Hidden Message of Jesus
Im ersten Kapitel stellt McLaren ganz viele “was wäre, wenn…” Fragen: Was wäre, wenn wir die ganze Zeit den eigentlichen Punkt in Jesu Botschaft übersehen hätten? Was wäre, wenn wir seine Botschaft verkleinert, ins Gegenteil verkehrt oder unterdrückt hätten? Was wäre was wäre was wäre …
Und dann kommt ein kleiner autobiographischer Teil, der deutlich macht, wie er am Anfang ein falsches Bild von Jesus gehabt hat und dieses Bild im Laufe der Zeit “dekonstruiert” und “rekonstruiert” wurde. In diesem ersten Kapitel deutet er auch schon an, in welche Richtung sein Buch gehen wird:
What if Jesus’ secret Message reveals a secret plan? What if he didn’t come to start a new religion - but rather came to start a political, social, religious, artistic, economic, intellectual, and spiritual revolution that would gave birth to a new world?
Im zweiten Kapitel wird er dann deutlicher. Zuerst gibt er einen knappen aber soliden Überblick über die politische Situation zur Zeit Jesu, nämlich die Vorherrschaft Roms und die Unterdrückung Israels. Dann beschreibt er vier Gruppen und ihre Antworten auf diese politische Situation, nämlich die Zeloten, die Herodianer, die Essener und die Pharisäer. Und er zeigt, wie anders Jesus ist, als diese vier. In gewissen Punkten stimmt er mit jeder der vier Gruppen überein, und in anderen wiederum unterscheidet er sich von ihnen. Er passt in kein Schema. Und er hat eine ganz andere Botschaft als diese. Er ruft nicht zu bewaffnetem Widerstand auf, wie die Zeloten. Aber er geht auch nicht den Weg der Arschkriecherei, wie die Herodianer. Er ruft aber auch nicht zu Isolation auf, wie die Essener und er versucht nicht, Gottes Güte herbeizuarbeiten, wie die Pharisäer.
What ist that alternative? It is to see, seek, recieve, and enter a new political and social and spiritual reality he calls the kingdom (or empire) of God, or the kingdom (or empire) of heaven.
Und das ist es, das ist “the secret Message of Jesus”: das Reich Gottes, hier und jetzt. Zumindest im ersten Teil arbeitet er diesen Gedanken nur in verschiedenen Formen aus. Im dritten Kapitel stellt er Jesus dann als jüdischen Propheten vor, der aufrüttelt, schockiert und etwas krasses verkündigt:
Here is the scandal: Not just that Jesus speaks of the new kingdom (although his image of the kingdom is unique and powerful), but that he says the kingdom is at hand, available to be grasped, knocking at the door - not just someday in the future, but here and now. Here and now! (kursiv im Buch)
Das ist wirklich gut dargestellt. Im vierten Kapitel wird dann dargestellt, wie revolutionär Jesus ist: er wendet sich gerade den ausgestoßenen zu. Er setzt eine neue Agenda, eine neue Ordnung. Und im fünften Kapitel beschreibt McLaren dann, wie Jesus seine Botschaft immer wieder in Metaphern und Symbolen versteckt, ohne zu beantworten zu können, wieso Jesus das tut.
Ich weiß nicht, vielleicht ist es einfach meine emotionale Unbeweglichkeit, aber während des Lesens musste ich immer wieder denken: Was ist so secret an der secret Message of Jesus? Das Jesus nicht nur Tickets für den Himmel verteilen wollte, sondern auch unser Leben schon hier und jetzt verändern will? Natürlich, das war für die Menschen seiner Zeit revolutionär. Und es ist auf jeden Fall richtig, dass das in vielen Gemeinden öfter betont werden sollte. Mich stört das evangelikale “hauptsache Eintrittskarten für den Himmel verteilen” auch oft. Aber das ist jetzt nichts so wirklich neues für mich. Das Jesusstyle auch in meinem politischen, sozialen, wirtschaftlichen Denken etc. angesagt ist, dass ist mir schon seit einiger Zeit klar. Das ist der Grund für die Kategorie “Cafca” Christians and free culture hier, oder wieso ich meine Probleme mit vielen Entwicklungen im Kapitalismus habe und mir manche schon vorwerfen, ich sei Kommunist, was so nebenbei totaler quatsch ist.
Das Problem ist also nicht, dass McLaren etwas falsches schreibt. Ich bin sogar etwas enttäuscht, weil er so un-kontrovers ist. Vielleicht sollte ich doch mal seine anderen Bücher lesen. Das Problem ist nur, dass ich nach dem bombastischem Einstieg, beginnend bei dem Titel und Untertitel, dann bei den Lobduddlern und der Einleitung mehr erwartet hätte. Vielleicht kommt das noch in den zwei anderen Teilen. Mal sehen.
Gut, ein wenig Probleme habe ich schon, wie er manchmal die diesseitigkeit des Gottes-Reiches zu einseit und und reduzierend betont. Sicherlich hat Jesus auch Buddhisten, Moslems, Agnostikern etc. was zu sagen. Noch schöner wäre es, wenn McLaren sagen würde, was Jesus diesen Leuten in seinen Augen zu sagen hat. So kann sich da jeder denken, was er will. Aber vielleicht kommt das auch noch. Deshalb werte ich da auch noch nicht. Ein Buch sollte nur als ganzes gewertet werden. Nur sehe ich an dieser Stelle die Gefahr, dass das wieder in “Kulturprotestantismus” abdriften könnte, oder Humanismus. Das hatten wir alles auch schon mal. Vielleicht hätte McLaren Probleme mit solchen Entwicklungen. Aber das Problem ist, dass man nur schwer kontrollieren kann, wie man rezipiert wird. Vielen Lehrern und Theologen erging es so, dass bestimmte Aspekte ihrer Lehrer miss- und überinterpretiert wurden.
Aber ich verstehe auch, wieso er das vielleicht so einseitig betont. Ich stelle fest, wie häufig wir in unserem Leben Pendel-Bewegung im Denken durchmachen. Das fällt mir bei mir selber auch. Aber auch bei anderen. Einer aus meiner WG hat mir einen Text von Rudolf Ebertshäuser zugeschickt; quasi eine Liste mit Musik, die im Verdacht steht, charismatisch zu sein. Da steht dann z.B.:
Lied 520 „Du bist würdig“
Herkunft: Pauline Michael Mills
Bemerkungen: Ein viel in charismatischen Kreisen gesungenes und schwärmerisch wirksames „Lobpreis- und Anbetungslied“. Sehr verführerische Melodie; Text in Anlehnung an Offb 4,10-11.
Er zählt noch einige andere Lieder auf, bei denen ich nicht mal im Ansatz auf die Idee kommen würde, dass man charismatische Zuckungen erleidet, wenn man sie singt. Ebertshäuser war früher wohl selber krasser Marxist und dann Charismatiker. Dann hat er die Wende bekommen und heute ist er extrem in die andere Richtung gependelt. Ähnlich auch Lothar Gassmann, der früher wohl krasser Grüner und Öko war und jetzt ähnlich wie Ebertshäuser in die ganz andere Richtung gependelt ist.
So kann es eben passieren, dass man sich eben aus einer Denke emanzipiert und dann aber in die krass andere Richtung pendelt. So krass ist es bei McLaren vielleicht nicht gewesen. Aber wenn man die autobiographischen Abschnitte bei ihm liest, dann denke ich schon, dass eine gewisse Pendelbewegung stattgefunden hat und er jetzt eben die andere Seite stärker betont.
Verständlich, aber auch nicht immer optimal.
Naja, ich bin mal auf die anderen beiden Teile gespannt.
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Mai 14th, 2006 at 20:06
Ich bin gerade auch dabei, dieses Buch zu lesen - nachdem die Trilogie mich begeistert hat. Bin erst am Anfang, kann nicht wirklich viel sagen - es scheint mir aber einiges zusammenzufassen von der Trilogie (die aber in Romanform geschrieben ist).
Ich denke auch, dass Vorsicht angebracht ist, wenn wir “deconstructen” - einfach auch aus Respekt denen gegenüber, die diese “neuen Erkenntnisse” für sich nicht so erarbeitet haben. Ja, die meisten Gemeinden (eigentlich alle, die ich in der Schweiz kenne) sind modern geprägt. Da sind Christen, wie auch jede andere alte Religion, einfach “sau langsam” :o) Wir ändern nicht so gerne unsere Werte (was auch ein Qualitätsmerkmal sein kann!).
Trotzdem - denke ich - ist es höchste Zeit, ganz laut herauszuposaunen, dass es da auch was anderes gibt. Nicht in erster Linie den Menschen, die es sich in veralteten oder zeitgenössischen (und trotzdem modernen) religiösen Gruppen bequem gemacht haben - sondern den ca. 70% der (schweizerischen) Bevölkerung, die gemäss Studie an Gott glauben aber nicht an die Kirche in der jetztigen Form. YMMV.
Gruss,
Sam
Mai 15th, 2006 at 10:54
Wie gesagt, McLaren schreibt nicht für Deutschland. Das Christentum in Amerika ist etwas anders. Aber: Wann haben wir in der letzten Evangelsation etwas vom Reich Gottes hört?
Mai 15th, 2006 at 10:58
Das ist mir schon klar. Und das hab’ ich mir beim Lesen auch gedacht, dass ich das in den dortigen Kontext setzen müsste, um dem Buch gerecht zu werden. Ich kenne den dortigen Kontext aber nicht. Und da ich in Deutschland bin, schaue ich natürlich, welchen Eindruck das in unserem Kontext macht, und noch expliziter lese ich das Buch natürlich in meinem Kontext
Und es stimmt, das Reich Gottes wird selten erwähnt. Das meine ich ja mit “nur Tickets für den Himmel verkaufen”. Deshalb denke ich auch, dass das Buch auch ein Relevanz für unsere Gemeinden hat.