bq. Manche Kritiker beurteilen die Weltsicht des Dispensationalismus als negativ, da zukünftige Kriege und Hungersnöte im Dispensationalismus als unvermeidlich, da zu Gottes Plan gehörend, angesehen werden, und manche Dispensationalisten menschliche Friedensbestrebungen als zur Erfolglosigkeit verurteilt oder sogar als Förderung der Regierung des Antichristen sehen. (Quelle: “Wikipedia”:http://de.wikipedia.org/wiki/Dispensationalismus)
Passend dazu aus einem Post von “Danny”:http://soomah.weblogs.us/2006/04/25/wie-theologie-gemeinden-pragen/:
bq. Prä-Tribulationalismus verleitet viele Gemeinden, aus der Kultur zu “flüchten”. Mosaic glaubt, dass sie auch in der Endzeit in der Kultur bleibt. Deshalb ist die Kultur kein Ding wovon man flüchtet, sondern dass man verändert.
Gibt es eine Verbindung zwischen Kulturflucht und Dispensationalismus (und damit verbunden Prätribulationismus)?
Im Fach “Theologisches Englisch” befassen wir uns gerade mit Dispensationalismus. Wir haben zwei Kapitel aus Charles Ryries Buch “Dispensationalism”:http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/0802421873/qid=1146244369/sr=8-2/ref=sr_8_xs_ap_i2_xgl/302-4684723-1412000 gelesen und ein wenig darüber gesprochen.
Ich selber tendiere stark zum (progressiven) Dispensationalismus, denn ich gehe 1. von einer so weit literarischen Auslegung der Bibel aus, wie möglich, 2. gehe ich, eng mit 1. verknüpft, von einer wörtlichen Erfüllung der AT Prophezeiungen aus und beziehe sie nicht vergeistlicht auf die Gemeinde, 3. sehe ich in der Bibel eine Unterscheidung zwischen Israel und Gemeinde. Ich bin also nicht der Meinung, das die Gemeinde dauerhaft und vollständig an die Stelle Israels getreten ist (ich hab mich gefragt, ob ich im Israel-Institut arbeiten würde, wenn ich nicht dieser Meinung wäre, also z.b. ein Amillenialist. Würde Geld über Theologie gehen …? ;-)) und 4., was wiederum mit 3. verknüpft ist, gehe ich davon aus, dass die Gemeinde vor der Trübsalszeit entrückt wird.
*Ergo* bin ich Dispensationalist (Siehst du Danny, ich label mich doch ;-)).
Bin ich aber Kulturverneinend oder müsste ich es aus meiner Theologie heraus konsquenterweise sein? Gibt es eine Verbindung zwischen beidem?
Wäre ich _Postmillenialist_ (Für die verschiedenen Ansichten über das Tausendjährige Reich gibt es einen “kurzen Artikel in der Wikipedia”:http://de.wikipedia.org/wiki/Millenarismus, sollte jemand mit den ganzen Fremdwörtern nichts anfangen können.), dann wäre ich der Meinung, dass in der Zukunft eine Art “goldenes Zeitalter” anbrechen wird, in dem sich fast alle Menschen zu Jesus bekehren werden und in Folge davon wird eine Friedenszeit anbrechen mit allem drum und dran. Das wäre das “Millenium”. Es würde nicht 1000 Jahre dauern, die Zahl ist symbolisch gemeint für eine lange Zeitperiode. Aber es wird dieses Millenium geben und wenn dieses Millenium angebrochen ist wird Christus sichtbar wiederkommen.
Als Postmillenialist habe ich ganz starke Anreize zur Veränderung der Kultur. Ich bringe mich in die Welt ein um sie zu transformieren und quasi das Reich Gottes auf Erden aufzurichten. Das Reich Gottes ist schon da, als “Senfkorn”, es ist noch klein und muss wachsen. Aber irgendwann wird es groß werden und die ganze Welt umspannen. Mich in die Kultur einzubringen und sie zu verändern ist fast schon mein Auftrag.
Wäre ich _Amillenialist_, dann wäre das “Millenium” auch nur symbolisch zu verstehen. Das Millenium wäre im Grunde jetzt schon angebrochen, in Form der Gemeinde. Das Millenium ist die Zeit der Herrschaft Gottes. Gott errichtet sein Reich auf der Erde. Und Gott hat sein Reich in Form der Gemeinde und der Gläubigen aufgerichtet. Es wird aber kein zukünftiges Reich geben, weder in Form eines “goldenen Zeitalters” und erst recht nicht wörtlich als tausendjähriges Reich. Christus wird irgendwann einfach wiederkommen und dann wird die Ewigkeit anbrechen.
Hm, beim Amillenialismus tue ich mir etwas schwer, sein Verhältnis zur Kultur zu bestimmen. Vielleicht können mir ein paar überzeugte Amills auf die Sprünge helfen (Herr Baum? Herr Hillbrands?
Ich befürchte nur, dass die sich nicht besonders für meinen Blog interessieren.).
Es wird ja kein zukünftiges Friedensreich geben, dass wir als Christen aufrichten. Irgendwann wird Christus kommen und die Welt richten. Es ist also nicht meine “Aufgabe” die Kultur zu verändern. Mosaic geht es, wenn ich aber Dannys Post richtig interpretiere, nicht unbedingt um Kulturveränderung, sondern um die Frage von Kulturflucht. Und wenn ich das richtig sehe, dann gibt es bei Amills keine theologische “Notwendigkeit”, ablehnend gegenüber Kultur zu sein.
Aber wie gesagt, ich bin im Amillenialismus nicht so zu Hause (Ich werde erst ab nächstem Jahr Amill-Kreuzfeuer ausgesetzt sein ;-)), und deshalb bin ich hier ganz vorsichtig.
Und jetzt _Prämillenialismus_: Bin ich Prämillenialist, dann glaube ich an ein wörtliches tausendjähriges Reich, d.h. Christus wird in der Zukunft wiederkommen und dann wird er 1000 Jahre lang auf der Erde herrschen. Vor dem Tausendjährigen Reich wird es eine Zeit des Gerichts Gottes geben, die sog. “Trübsalszeit”. Hier kommt jetzt auch das ins Spiel, was als Kritik in der Wikipedia erwähnt wurde:
bq. Manche Kritiker beurteilen die Weltsicht des Dispensationalismus als negativ, da zukünftige Kriege und Hungersnöte im Dispensationalismus als unvermeidlich, da zu Gottes Plan gehörend, angesehen werden, und manche Dispensationalisten menschliche Friedensbestrebungen als zur Erfolglosigkeit verurteilt oder sogar als Förderung der Regierung des Antichristen sehen.
Ohne Gottes persönliches Eingreifen wird es keine bessere Welt geben. Und bevor eine Zei des Friedens kommt wird es eine Zeit geben, in der die Welt eine fürchterliche Katastrophe erleiden wird.
_Wieso sollte man sich also für diese Gesellschaft interessieren, geschweige denn einsetzen, die eh verdammt ist und Gottes Gericht erfahren wird?_
So könnte man also als Prätrib fragen. Und hier wären wir also ganz nah an dem, was die Mosaic-Leute scheinbar kritisieren. Haben sie also Recht mit ihrer Kritik?
Ich denke *Jaein*: Sie kritisieren zurecht diese Haltung, die wahrscheinlicher bei Prä-Tribulationisten zu finden ist, als bei Amills oder Postmills. Ob Post-Tribulationisten da aber eine Haltung haben lässt sich schwer sagen. Auch für sie wird es ja die Trübsalszeit geben. Sie werden zwar mit in dieser Trübsalszeit sein. Aber wieso sollte das Kulturflucht verhindern? Das müsste mir erstmal jemand erklären. Momentan finde ich diese Verbindung etwas zu schnell geschossen.
Aber die von mir beschriebene Haltung ist nicht zwangsläufig mit Prä-Tribulationismus verbunden. Die Aussagen der Bibel, die uns dazu auffordern, _in_ unserer Kultur und Gesellschaft zu leben, sich in ihr einzugliedern und trotzdem _Reich Gottes_ zu sein gelten ja weiterhin und sollten betont werden. Denn wenn es auch in der Zukunft ein _sichtbares_ Reich Gottes geben wird, so hat es dennoch jetzt schon begonnen, verbunden mit der Gemeinde. Hier verweise ich auf die “Ekklesia & Reich Gottes Diskussion”:http://lifenavigator.typepad.com/lifenavigator/2006/04/ekklesia_reich_.html bei Mike Bischoff, wo das etwas genauer thematisiert wird. So gibt es also in diesem Punkt keinen prinzipiellen Unterschied zum Amillenialismus, oder ich übersehe ich momentan. Nur dass ich als Prämillenialist noch zusätzlich davon ausgehe, dass Jesus auch sichtbar herrschen wird auf dieser Erde.
Ich sehe schon das Problem, dass in prämillenialistischen Kreisen manche Aspekte zu wenig betont werden und so, aufgrund der Eschatologie ein höheres Risiko zu Kulturflucht besteht, aber ich seine keine _prinzipielle_ Verbindung zwischen beidem aus der Theologie heraus. Da sollte stärker differenziert werden und nicht aus der Gemeinde-Praxis auf eine theologische Notwendigkeit geschlossen werden. Auch sehe ich nicht, wieso ein Post-Tribulationist mehr gefeit dagegen sein sollte.
Mein Fazit ist momentan, dass im Prämillenialismus ein Potential zu Kulturflucht besteht, wenn andere gleichwichtige Aspekte der Theologie vernachlässigt werden. Aber die Eschatologie eines Christen hat nicht _zwangsläufig_ eine Auswirkung auf seine “Christ & Kultur” Haltung. Wer das behauptet, der müsste nicht nur praktisch-theologisch, sondern auch biblisch-theologisch nachweisen, dass ein Kausalzusammenhang zwischen Eschatologie und Kulturhaltung besteht; vor allem dann, wenn man, wie Mosaic scheinbar, Prä-Tribulationisten automatisch aus der Gemeindeleitung ausschließt. Sie hätten das Recht dazu, das will ich auf jeden Fall noch sagen, wenn sie diesen Kausalzusammenhang biblisch-theologisch gut nachweisen könnten. Aber bei so einer schwerwiegenden Entscheidung sollte man auf solidem Fundament stehen.
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April 30th, 2006 at 17:36
Hi Karl!
Das Zitat über Mosaic ist zu lange, aber Marti gibt noch einen kurzen Hintergrundabschnitt zum Thema:
“In his social history of evangelicalism, Marsden (1980) demonstrates that the “pretrib, premill” framework discourages cultural engagement. Dispensationalists believe their actions are overwhelmed by cosmic forces. They simply have no confidence that the church can make any significant impact on civilization, since humanity has almost no influence on the historical process. Marsden writes,
‘Clearly, this view of history is antihumanist and antidevelopmental. Natural developments in which humans are the key agents play little if any role. Rather, humans participate in a larger cosmic struggle, the detals of which have been planned and often revealed in advance.’ (63)
Change in this framework is the prerogative of God alone “through dramatic divine intervention” (63). Marsden traces this belief to the marginalization of fundamentalists in the early twentieth century:
‘The most immediate heritage of fundamentalists comes from their twentieth-century experiences of being a beleaguered and ridiculed minority. Sin and securalism had run rampant over some key parts of American culture. Like twentieth-century sociologists, most fundamentalists believed in laws that declared that the procress of secularization was irreversable. In the fundamentalists’ case these laws were drawn from dispensational premillenialism, which posited the steady decline of the modern era in preparation for a final word calamity resolved only by the personal return of Christ with avenging armies. Fundamentalists in this worldview were outsiders.’ (Marsden, 1991:111)
Ultimately fundamentalists rejected all nonchurch culture and a host of activities, including the arts, dance and theater. Revivalism turned inward.”
Usw. Er schreibt ein ganzes Kapitel darüber, auch über die praktischen Konsequenzen bei Mosaic.
April 30th, 2006 at 19:39
Ja, danke für das Zitat. Das bestätigt das, was ich mir schon gedacht hatte, nämlich, dass Fundamentalismus und Prämillenialismus zusammengeworfen werden. Aber nicht jeder Prämill ist Fundi, auch wenn das für viele zutreffen mag. Das ist mir irgendwie zu indifferenziert.
May 1st, 2006 at 11:11
Naja - teilweise schon! Der Prämillenialismus wurde von Fundamentalisten wie Scofield gepusht. Aber es stimmt: Prämillenialisten sind antihumanistisch und antiprogressiv. Das ist ein Fakt. Wie gesagt: Doktrin drückt sich manchmal im Elfenbeinturm ganz anders aus als praktisch in der Gemeinde, wie Mosaic.
May 1st, 2006 at 21:01
für mich als jemand der sich viel mit kultur beschäftigt hat, währe es hilfreich “kulturflucht” definiert zu bekommen. dann könnte ich mich auch mal dazu äußern.
zunächst mal muss ich karl jedenfalls recht geben.