Gestern war wieder “AKA Stammtisch”. Das ist ein regelmäßiges Treffen von noch-FTAlern und nicht-mehr-FTAlern, wobei die letztere Fraktion eindeutig in der Überzahl ist. Wir setzen jeden Abend unter ein bestimmtes Thema und diskutiern dann den Abend lang darüber.
Für Gestern stand das Thema Open Theism auf dem Plan. Ich hatte das Thema vorgeschlagen und auch ein paar Links dazu geliefert (die ihr auch auf der Stammtisch-Seite oben abrufen könnt). Es entstand eine gute Diskussion, die sich natürlich vor allem um die Themen “Vorsehung, Souveränität, Determinierung” gedreht hat. Inwieweit lenkt Gott alles, oder wieviel Freiheit lässt er mir?
Das ist eine uralte und ununterbrochen andauernde Diskussion. Die Bibel gibt Hinweise auf beides: Einmal auf die lenkende und führende Hand Gottes und dann wiederum verweist er auf unsere Freiheit, unsere Verantwortung, dass so vieles auch von uns abhängt.
Im Laufe des Gesprächs sind wir dann darauf gekommen, dass es häufig zwei Perspektiven gibt: Aus unserer Perspektive sieht vieles ganz anders aus, als aus Gottes Perspektive. Die biblischen Autoren haben versucht, beides zu beschreiben, aber auch als Gott-behauchte waren sie nicht immer in der Lage, beides überein zu bekommen. Nachdem Paulus sich diesem Thema in Röm 9-11 gewidmet hatte, schreibt er in Röm 11,33ff:
O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege! Denn »wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen«? (Jesaja 40,13) Oder »wer hat ihm etwas zuvor gegeben, dass Gott es ihm vergelten müsste«? (Hiob 41,3) Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen
Auch für Paulus gibt es Grenzen, auch ihm bleibt vieles unbegreiflich.
Mir hat dieses Bild mit den zwei Perspektiven sehr gut gefallen, obwohl es, wenn man es akzeptiert, der menschlichen Erkenntnisfähigkeit drastisch seine Grenzen aufzeigt. Und das gefällt einem wie mir eigentlich nicht, vor allem nicht, wenn ich Systematiker werden will
Mir ist dann während der Diskussion ein Bild in den Sinn gekommen, womit man diese beiden Perspektiven gut verdeutlichen kann. Ich habe keine Kosten und Mühen gescheut und das Bild direkt aus meinen Gedanken in diesen Blog übertragen.
Hier ist es:
Auf den ersten Blick ein unscheinbares Glas mit Wasser gefüllt, in dem ein Löffel steckt. Aber wenn man genau hinsieht, dann merkt man, dass der Löffel gebrochen zu sein scheint. Würde man die Linie des Löffels unter der Wasseroberfläche und die über der Wasseroberfläche weiterzeichnen, dann würden beide Linien nicht deckungsgleich sein. Es ist rein physikalisch der selbe Löffel, der absolut unbeschädigt ist. Und in Wirklichkeit bildet er nur eine Linie. Aber durch das Wasser erscheint der Löffel gebrochen.
Jetzt schauen die Calvinisten und die anderen, die von einem determinierten Weltbild ausgehen, von Oben auf den Löffel und sagen: Die Linie muss so weitergehen.
Die Arminianer und andere, die den freien Willen sehr betonen, blicken von Unten auf den Löffel und sagen: Nein, die Linie muss so weitergehen!
Und beide Richtungen scheinen unvereinbar zu sein. Und beide haben Recht, denn es ist im Grunde die selbe Linie die sie betrachten, nur dass beide einer optischen Täuschung unterliegen. Wir Menschen sehen den oberen Teil des Löffels und den unteren Teil des Löffels und wir erkennen auch, das etwas nicht stimmen kann. Aber wir schaffen es nicht, die optische Täuschung zu durchbrechen.
Ich selber bin weit davon entfernt, ein Open Theist zu sein. Ich neige sogar eher zu einem determinierten Weltbild. Gott ist für mich der souveräne Weltenlenker. Trotzdem bin ich auch auf der anderen Seite vorsichtig. Ich glaube nicht, dass Gott 100% alles anordnet. Ich denke auch, dass er vielen Dingen ihren Lauf lässt.
Wie beides zusammenpasst stellt für mich z.b. auf naturwissenschaftlicher Ebene so dar: Gott hat die Welt mit gewissen Gesetzmässigkeiten erschaffen. Gravitation, die Thermodynamischen Gesetze, Energieerhaltungssatz etc. Ein Apfel fällt Newton vom Baum auf den Kopf ohne das Gott jetzt den Apfel vom Baum gerissen hätte und auf Newtons Kopf plaziert hätte, sondern weil er bei Erschaffung der Welt festgelegt hatte, dass Massen sich gegenseitig anziehen und dass größere Massen kleinere Massen zu sich ziehen. Gott lässt diesen Gesetzen nun in der Regel ihren Lauf. Deshalb lag Troeltsch auch gar nicht so falsch, als er seinen historisch-kritischen Dreisatz aus Analogie, Korrelation und Kritik formuliert hat. Aber das war zu wenig. Denn auch wenn Gott den Dingen in der Regel ihren Lauf lässt, so behält er es sich vor, übernatürlich einzugreifen. Das ist sein Recht. So kann er Meere teilen und Blinde heilen und Tote auferstehen lassen, auch wenn das sonst nicht üblich ist und in der Regel nicht passiert.
Und dasselbe auch im Umgang mit Menschen: Es gibt bestimmte Gesetzmässigkeiten in der menschen Geschichte und Kultur, die zur Folge haben, dass bestimmte Aktionen bestimmte Reaktionen hervorrufen. Wenn ich die Mutter von Biff dem Schläger beleidige oder Zidanes Schwester, dann muss ich damit rechnen, dass ich nach einem Kopfstoß auf dem Rasen liege … wenn ich viel Glück habe, wenn ich Pech habe … Aber naja. So können viele Dinge passieren, ohne das Gott jedesmal aktiv eingreifen muss und wie der Marionetten-Spieler die Fäden ziehen muss. Dennoch hat er den Überblick über alles, was geschieht und was geschehen wird. Gott wird nie überrascht.
Und auch hier behält Gott sich vor, einzugreifen und das sonst gültige Prinzip des, wie auch immer gearteten, freien Willens ausser Kraft zu setzen, wenn er es für richtig hält. Er bleibt souverän. Gott hatte nicht unglaublich viel Glück, dass Judas Jesus verraten hat, oder dass die Juden Jesus nicht schon vorher umgebracht hatten. Gott hat vor Grundlegung der Welt bestimmte Eckpfeiler der Heilsgeschichte festgelegt. Das Kreuz zum Beispiel, als Dreh- und Angelpunkt des ganzen, aber auch vieles andere. Das ist das Skelett, wenn man so will, oder das Gerüst um das herum vieles andere entsteht. Am Gerüst wird nicht gerüttelt, da kann keiner was verändern. Das zieht Gott durch, aber das andere, da besteht viel Freiheit.
Das wäre momentan der Stand meiner Erkenntnis in dieser Frage. Ist ein bißchen lang geworden und ich weiß gar nicht, ob es jemand bis hier ganz unten geschafft hat
Wie siehst du das?
Popularity: 15% [?]



September 10th, 2006 at 18:28
Also ich hab’s bis unten geschafft.
Zum Thema: Mir gefällt dein Bild. Es ist (wie so vieles andere auch) irgendwie paradox. Beide Seiten werden vertreten und beide haben auch irgendwie recht.
Genauer werde ich mich damit nächstes Semester beschäftigen…
September 10th, 2006 at 18:38
Zumindest einer
Irgendwie _Postmodern_ Pfui
September 10th, 2006 at 19:03
bist also ein Teilhaber
September 10th, 2006 at 19:07
Hm, das wäre die Frage, die auf dieser hier aufbaut. Ich bin zumindest nicht mehr so krass calvinistisch wie bisher
März 24th, 2007 at 17:39
Ich habe mich gefreut, dass deutsche Theologiestudenten sich mit dem “Open Theism” kritisch auseinandersetzen. Auch wenn die Bewegung als solche eher ein amerkanisches Phänomen ist, denke ich, es ist weise, sich mit den Argumenten auseinanderzusetzen. Leider habe ich den Eindruck, dass Dein Post nicht gerade der Stoff ist, der die “Openness”-Theologen vor Angst erstarren lässt.
Es hat in der Tat (wie Du selbst schreibst; siehe Kommentar) etwas “postmodernes”, wenn man - zum Tausendsten Mal - Röm 11:31-33 bemüht und damit beweisen will: “nix genaues weiß man nicht!” Damit wird diese schöne Text zum Totschlagargument in jeder theologischen Diskussion, das Ass im Ärmel, das niemand trumpfen kann. Schade, hat doch gerade Calvin vor einem zweifachen gewarnt: davor über die Schrift hinauszugehen, aber auch davor hinter ihr zurückzubleiben.
Auch Dein Wasserglas ist ein höchst postmodernes Gebilde. Nun wissen wir endlich: Calvinisten und Arminianer haben im Grunde schon immer dasselbe geglaubt, nur eben von zwei unterschiedlichen Perspektiven! Danke, dass Du in diesen Jahrhundertealten Streit nun endlich Klärung gebracht hast!
Im Grunde möchte ich nur eines sagen: ironischerweise bist Du (ungewollt?) derjenige, der die Spannung hier auflöst und durch Logik ersetzt. Denn um sagen zu können, das Calvinisten und Arminianer im Grunde dasselbe meinen, nur nicht sehen können, musst Du ja sozusagen die Vogelperspektive haben! Schön für Dich! Damit ist aber Deine gute Betonung auf die Unbegreiflichkeit Gottes leider futsch… Schade!
Viel besser (weil biblischer) ist es m.E., sowohl die absolute (!) und uneingeschränkte Souveränität und Gottheit Gottes mit Calvin zu bekennen als auch die menschliche Verantwortung vor Gott (ebenfalls mit Calvin - entgegen der landläufigen Meinung!). Denn dann haben wir WIRKLICH eine Spannung, die wir nicht ganz auflösen können - müssen wir aber auch nicht, denn Gott allein weiß wie das geht!
Du begehst eben auch den Denkfehler, den die “Openness Theologians” begehen, dass Du menschliche Freiheit gegen göttliche Souveränität ausspielst: da wo “viel Freiheit ist, wie Du sagst, muss Gott seine Souveränität eben zeitweilig einschränken! Das ist nicht nur unbiblisch, sondern auch blasphemisch - vielleicht noch schlimmer für Dich, mein Lieber, ist allerdings, dass dies ein (menschlicher und fehlbarer) Versuch ist, die Gleichung menschlich logisch aufzulösen.
A propos, meinst Du wirklich, Gott habe mit Zidanes Kopfstoß nix zu tun gehabt? Schade drum! There goes your sovereignty of God…
(NOCH etwas ausführlich als dieser schon viel zu lange Kommentar findest Du meine Gedanken hier: http://www.lebensquellen.de/?p=8)