Immer vorwaerts, Schritt um Schritt, es geht kein Weg zurueck,
und was jetzt ist, wird nie mehr ungeschehen.
So heißt es in einem Lied von Wolfsheim. “Es geht kein Weg zurück”. Klingt plausibel. Man kann das Rad der Zeit nicht zurückdrehen, auch wenn man sich das manchmal gerne wünschen würde.
Diese an sich triviale aber zwingende Logik wird dann aber auch auf andere Bereiche übertragen, vor allem auf die Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte. Das läuft dann nach folgendem Muster ab:
Hinter {hier bitte einen Philosophen, Denker, oder eine Epoche deiner Wahl einfügen} können wir nicht zurück.
Beispiel: Hinter Bultmann können wir in der Theologie nicht zurück. Nachdem er die Theologie entmythologisiert hat, können wir nicht mehr zurück in das mythologische Weltbild der Bibel.
Das begegnet so auch mit vielen anderen Beispielen. Hinter Kant, oder Descartes können wir nicht zurück. Hinter Darwin können wir nicht mehr zurück etc.
Diese Argumentation ist mir schon länger aufgefallen und sie nervt mich unheimlich, weil sie oberflächlich gesehen so plausibel wie zwingend erscheint, es aber gar nicht so sehr ist, wenn man etwas gründlicher nachdenkt.
Im ersten Teil dieses Beitrags habe ich darüber geschrieben, dass wir uns im Fach “theologisches Englisch” in letzter Zeit mit einigen philosophischen Fragen beschäftgt haben, vor dem Hintergrund, dass wir Schaeffers _He is there and he is not silence _ gelesen haben, wo er diese Fragen aufgreift. Und hätte ich mich voriges mal nicht so in der Hermeneutik verrannt, dann wäre ich schon im ersten Teil darauf zu sprechen gekommen, was ich jetzt anschneiden will. Schaeffer erwähnt in seinem Buch die “Line of Despair” die sich durch die Philosophiegeschichte zieht, vor allem seit Descartes. Ford, unser Lehrer, hat dann folgendes an die Tagel skizziert:

Vom Existentialismus kann man dann auch eine Linie zur späteren postmoderne Philosophie ziehen.
Auch wenn das sicherlich eine starke Vergröberung der Phil-Geschichte darstellt, so ist doch zu sehen, dass sich die Denker gegenseitig beeinflussen und fast Hand in Hand gehen, nicht immer nur anerkennend, aber dennoch vom Denken des Vorgängers ausgehend. Descartes verankert die Wahrnehmung der eigenen Existenz im Verstand, _cogito ergo sum_, oder später im _dubito ergo sum_, ich zweifle also bin ich. Kant knüpft da an. Wenn die Wahrnehmung der Welt von meinem Verstand abhängig ist, dann hat die Wahrnehmung natürliche Grenzen. Sein berühmtes “Ding an sich”, dass sich nicht ganz erfassen lässt. Nach Hegel beginnt das Ende der klassischen Metaphysik. Das Denken wird ganz innerweltlich, oder um es mit den Worten Wittgensteins zu sagen: Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen. Das hat auch ganz handgreifliche Konsequenzen für die Theologie. Troeltsch Dreisatz aus “Analogie, Kritik und Korrelation” ist in diesem Kontext zu verstehen. In diesem Dreisatz gibt es nun aber keinen Raum mehr für das singuläre Wirken Gottes. Heute stehen keine Menschen nach drei Tagen von den Toten auf, also kann das auch damals nicht der Fall gewesen sein. Das wirkt sich dann auf viele Bereiche aus. Die Bibel ist ein Buch wie viele andere auch und muss dementsprechend ausgelegt werden. Die Inspiration wird beiseite gelegt, der besondere Charakter der Bibel geleugnet. Prophetie gibt es nicht etc. Und dann kommt man irgendwann zu Bultmann, der (sicherlich nicht als erster, aber mit starkem Einfluss) die Konsequenzen daraus zieht.
Dahinter können wir nicht zurück.
Können wir das nicht? Ich will nicht falsch verstanden werden. Es geht mir nicht darum, blind durch die Welt zu laufen, alles bisherige zu ignorieren und sich ein autarkes Weltbild im luftleeren Raum aufzubauen. In dieser Hinsicht stimmt es, dass es ein gewisses “Es wird nicht mehr so, wie es einmal war” gibt. Descartes hat seine Gedanken geäußert und hat sicherlich auch vieles Richtige erkannt. Genauso auch Kant, Hegel, Bultmann etc. Aber manchmal finde ich, wir lassen uns vom scheinbar zwingenden zu sehr beeindrucken.
Kirkegaard, den ich leider kaum kenne, das gebe ich zu, und wenn ich hier Schrott erzähle, dann korrigiert mich, war christlicher Existentialist. Und von dem, was ich von ihm mitbekommen habe, war er im scheinbar zwingenden des Existentialismus gefangen. Ich kann nichts sicher wissen, ich bin der ins Sein geworfene. Und dann kommt sein Ausspruch vom “Sprung in den Glauben”. Ist der “Sprung in den Glauben” wirklich das einzige, was uns bleibt? Sicherlich, wir haben manchmal einen Sprung in den Glauben nötig. Wenn ich Kirkegaards Konzept vom “Sprung in den Glauben” kritisiere, dann heißt es nicht, dass so ein Sprung im Glaubensleben ab und an nicht auch notwendig wäre. Das scheinbar Zwingende erhält seinen Zwang teilweise auch durch solche linguistischen Verwirrungen, die nicht immer wahrgenommen werden. Kirkegaards Ausspruch vom “Sprung in den Glauben” ist eingebettet in ein philosophisches Konzept, so dass diese vier Worte zu mehr werden, als bloß diese vier Worte, so wie man sie ohne Kirkegaards Kontext versteht.
Der Existentialismus hat seinen Einfluss auch auf postmoderne Denker wie Lyotard, Foucault etc. beeinflusst. Die wollen uns weis machen, dass es Wahrheit als _die_ Wahrheit nicht gibt, es gibt nur _meine_ Wahrheit. Ist das zwingend?
Kann ich keine Aussagen über das Transzendente machen? Bin ich im Kerker meines Selbst gefangen, ohne Ausbrechen zu können?
Wie gesagt, wir sollen diese Denker nicht ignorieren. Wir sollen uns mit ihnen auseinandersetzen. Aber nur weil Bultmann, so toll, wie er als Theologie in mancher Hinsicht vielleicht war, mir sagt, ich solle meinen naiven Glauben über den Gott, der mich mit seinem Blut erlöst, ablegen, ist das für mich nicht zwingend. Nur weil Kirkegaard, so interessant und wichtig er in vielen Bereichen auch sein mag, sagt, man könne über Gott keine rationalen Aussagen machen, ist das für mich nicht zwingend.
Gibt es kein Zurück? Ja und Nein. Nein, weil dieses Denken, wie gesagt, in der Welt ist und auch auf viele Details richtigerweise hingewiesen hat.
Ja, es gibt in gewisser Hinsicht auch ein zurück, weil ich die Axiome dieser Denker nicht übernehmen muss. Troeltsch Dreisatz hat Schwächen, weil er das Singuläre übersieht, das einmalige Wirken Gottes. Dadurch eröffnet sich ein neuer Horizont, der bei Troeltsch ausgeblendet wird. usw.
Was so zwingend gemacht wird, ist nicht immer so zwingend, wie es erscheint. Das heißt nicht, dass man das Denken weglassen soll, sondern dass man im Gegenteil neu alles denken kann, auch das, was momentan undenkbar zu sein scheint. Hier kann also nicht der Fundamentalismus-Vorwurf kommen, der so gern aufgeworfen wird, sobald man den Status-Quo verneint und auf das verweist, was schon gedacht wurde, was zurück liegt und damit scheinbar erledigt wird. Ich kann hinter Bultmann, Descartes etc zurück, nicht, weil ich sie ignoriere, sondern weil ich sie _überdenke_.
Häufig ruht man sich auf den Vordenkern auch nur aus, weil man keine Lust auf Diskutieren und Denken hat. “Muss man darüber schon wieder diskutieren?”. Es ist viel bequemer, sich auf dem Vorgedachten auszuruhen, als das Vorgedachte zu überdenken. Damit gebe ich mich aber nicht zufrieden.
Ich bin sicher kein besonders gescheiter Denker oder Philosoph. Ich schreibe das hier auch nicht mit dem Anspruch, die ganze Philosophiegeschichte umzukrempeln. Ich möchte da nicht falsch verstanden werden. Sonst kommen schon wieder die ganzen _ad Hominem_ Argumente auf, die eigentlich auch nur wieder ein Ausdruck davon sind, dass man zu Denkfaul ist, um sich mit der Sache auseinander zu setzen (Argumentations- und Diskussionslogik ist auch so ein Thema, über das ich auch mal schreiben will).
Wenn ich einen falschen Weg gehe, dann kann die Lösung nicht heißen: “Es gibt keinen Weg zurück, immer vorwärts, Schritt um Schritt”. Habe ich mich verlaufen, dann gehe ich an den Punkt zurück, an dem ich auf dem richtigen Weg war und versuche von dort aus, wieder den richtigen Weg zu finden.
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March 14th, 2006 at 0:23
Über die Frage hat auch C.S. Lewis geschrieben in “Pardon, ich bin Christ”.
Aussage: “Man kann doch nicht den Zeiger an der Weltenuhr zurückdrehen” Antwort: “Klar kann man das. Muss man sogar, wenn die Uhr falsch geht”. Und dann hat er auch wie du das Beispiel gebracht mit dem falschen Weg. (Ich kriegs jetz nicht mehr wörtlich zusammen)