Eines der Fächer, was mir fast am Meisten Spaß macht an der FTA, ist “Theologisches Englisch” mit Mr. Ford “FTAbooks” Munnerlyn. Wir lesen dort eine Menge an Texten, zum Beispiel das Buch “Knowing God” von Packer, aber auch wissenschaftlich-theologisches über Formkritik, Redaktionskritik etc. Und dann diskutieren wir auch viel. Das ist ein guter Ausgleich zu den vielen reinen Vorlesungen, die es sonst hier gibt.
In den letzten Stunden haben wir uns das Buch “He is there and he is not silent” von Francis Schaeffer vorgenommen; eine Auseinandersetzung Schaeffers mit den drei Grundeinheiten der Philosophie, nämlich der Metaphysik, der Moral, oder Ethik, und der Epistemologie, der wohl größten philosophisch-theologischen Herausforderung der Gegenwart. Und ich muss sagen, dass ich wirklich begeistert bin von seinem Buch (Hier gehts mir so wie Doro, dass ich sicherlich hinterhinke
Aber ich bin erst jetzt dazu gekommen, ihn zu lesen). Und gerade auch im Kontext der ganzen _Emerging Church_ Debatte, die sich u.a. auch immer wieder mit der Postmoderne und etc. auseinandersetzt, find ich interessant, wie gut Schaeffer schon damals auf das eingegangen ist, was heute wieder hervorgekramt wird. Dabei sind die Fragen sicherlich auch heute noch wichtig. Denn wenn auch die Postmoderne als philosophische Debatte aus der Mode kommt, bis auf in einigen Kreisen, und manche die Postmoderne, aus Unkenntnis der selben, schon für beendet erklären wollen, so sind doch gerade die Fragen der Moral/Ethik und der Epistemologie, also der Frage, wie wir wissen können, und der damit eng verknüpften Disziplin der Hermeneutik, weiterhin brennend aktuell, gerade auch im Christentum, das als “Buch-” oder allgemeiner “Wortreligion” sich auch die Frage der Textinterpretation stellen muss.
Die meisten Christen wissen nicht, was “Hermeneutik” ist und wenn man sie nach ihrer Hermeneutik fragen würden, würden sie vielleicht antworten, dass sie keine haben. Sie lesen einfach nur die Bibel und versuchen zu verstehen, was da steht. Aber auch wenn die meisten Menschen ihren hermeneutischen Ansatz nicht bewusst reflektieren, so hat doch jeder Mensch seinen hermeneutischen Ansatz, und der kommt jedesmal zum Zuge, wenn er die Bibel oder überhaupt ein Buch aufschlägt.
Hermeneutik ist ja die Frage, wie ich Texte interpretiere. Verstehe ich das, was da steht, symbolisch, oder beschreibend, oder vorschreibend, oder kulturell bedingt und ohne Verbindung zu heute? Jeder Mensch, wenn er (jetzt im christlichen Kontext bleibend) die Bibel bewusst liest, um sie zu verstehen, wird sich diese Fragen, bewusst oder unbewusst, automatisch stellen und in irgendeiner Form beantworten. Die meisten Theologischen Differenzen sind auf unterschiedliche hermeneutische Ansätze zurückzuführen. Ob ich nur Amillenialist bin, der Israel und die Gemeinde gleichsetzt und die Zahl 1000 in Offb 20 symbolisch verstehe, oder ob ich krasser Zeitenteiler, also Dispensationalist, bin, der strikt zwischen Israel und Gemeinde unterscheide und zu Beginn des Milleniums den Timer auf 365.000 Tage stelle und den countdown dann abzähle, wann das Millenium wieder aufhört, weil er von exakt 1000 Jahren ausgeht, die Unterschiede zwischen beiderlei Auslegung beruht zum größten Teil auf der Hermeneutik.
Das klingt jetzt vielleicht noch abstrakt und nur relevant für Sandkastenspiele der Theologien, ohne Bezug zur heiligen Praxis. Aber wenn 1. jeder Christ eine Hermeneutik hat, und 2. jeder seine eigene Hermeneutik hat, weil es keinen hermeneutischen Kompromis gibt, dann hat das ganz praktische Auswirkung auf den Gemeindealltag. Wie oft hast du in einer Diskussion im Hauskreis oder in der Bibelstunde, oder in der Bloggosphäre, gehört: “Ja, so legst du die Stelle aus, dass ist deine Meinung. Aber mir sagt die Stelle eher …”. Ein weiterdiskutieren hat an diesem Punkt meistens keinen Sinn, weil man erst die Frage der Hermeneutik abgleichen müsste. An dieser Stelle könnte man das grinsen Derridas, Foucaults etc. sehen, die sagen: “Siehste. Man kann höchstens über die verschiedenen Ansichten diskutieren. Du kannst dich mit deinem Gegenüber austauschen, aber du kannst nicht aus deinem sprach-Gefängnis ausbrechen und sozugen auf eine neutrale Ebene der Sprache gelangen, auf der man dann objektiv reden kann, so dass es für den anderen zwingend einsichtig wäre.” (zumindest würden sie das so sagen, wenn ich sie richtig verstanden habe. Da aber Texte ihre Bedeutung eh nur vom Interpreten erhalten, habe ich sie richtig verstanden ;-)). Das heißt postmoderne Hermeneutik hat schon lange Einzug gehalten in unseren Gemeinden, auch wenn viele Christen “Postmoderne” in Bausch und Bogen ablehnen würden. Und das ist eine riesen Herausforderung auch für den Gemeindedienst.
So viel zur Einleitung. Jetzt komme ich zum Eigentlichen …
Eigentlich wollte ich ein anderes Thema anschneiden, was eigentlich schon einen Schritt weiter geht. Aber als ich mit der “Einleitung” begonnen hatte, da war ich gerade so im Fluss, und das wollte ich nutzen. Leider muss ich jetzt auch weg, so dass ich keine Zeit habe, den zweiten Teil zu schreiben. Der kommt dann erst nächste Woche. Diese Gedanken sind also noch unvollständig. Ich veröffentliche sie aber trotzdem und stelle sie zum Abschuss frei
Ne, aber für kritische Kommentare bin ich immer offen und würd mir ein paar Gedanken zum dem Thema auch von euch wünschen.
Ciao, bis nächste Woche.
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Februar 10th, 2006 at 15:34
Da du ja meine Gedanken zum Thema wissen willst (so hab ich jetzt deinen Text verstanden ;-)):
1. Ich stimme dir v.a. bezüglich deinen Beobachtungen zur Hermenteutik zu.
2. Hermeneutik habe ich so noch nicht im Studium behandelt und mir auch selbst erst ein paar Gedanken zu gemacht. Aber die Bedeutung der Hermeutik ist mir bewußt und ich freue mich schon darauf tiefer in das Thema einzutauchen.
Hufi
Februar 11th, 2006 at 13:17
Denke letzte Zeit auch viel über unser gelerntes Zeug in Brake nach. Und dazu gehörte ja auch die Hermeneutik. Wenn man jetzt zurück ist in der Gemeinde, dann merkt man die krasse Unterschiede.
Was ich schon fast am interessantesten finde, ist die Tatsache, dass viele meinen keine Hermeneutik zu haben, so wie du es ja geschrieben hast, aber dennoch fleißig auslegen. Nicht unbedingt schlecht, aber dennoch sehr unterschiedlich. Und das macht die Diskussion über Theologie in der Gemeinde sehr anstrengend. In der einen Frage denke sie so, in der nächste wieder ganz anders. Von irgendwelchen hermeneutischen Regel oder Zusammenhängen findet man gar nichts.
Ich bin jetzt seit 9 Monate wieder intensiv in unserer Gemeinde am mitarbeiten. Alleine 6 Monate habe ich gebraucht, um mich theologisch einigermaßen zurechtzufinden. Für viele ist Hermeneutik ein FREMDWORT. “Ich hab die Bibel und den Heiligen Geist, und das reicht!” Und das macht das ganze anstregend, weil solche Leutz nicht unbedingt die Notwendigkeit von Schulungen und Weiterbildungen erkennen.
Aber nichts destotrotz macht Gemeindearbeit riesigen Spaß. Ich würde jederzeit erstmal ein Gemeindepraktikum nach der Bibelschule machen. Und dann weiterstudieren. Ist langwieriger, aber ich denke auch sinnvoller. Und zugegeben: Meine Hermeneutik ist auch nicht besonders ausgeprägt, weil ich das Fach einfach als äußerst flach empfunden habe. Allein deswegen muss ich wohl weiterstudieren gehen. Aber interssante Gedanken von dir. Ich bleib bei deinen Ausführungen dran.
Gottes Segen noch beim Studium.
Jürgen
Februar 18th, 2006 at 4:27
hi karl!
bin n freund vom hufi und durch ihn auf dein blog gekommen
kurze frage: brauchst du das buch “Knowing God” noch? ich habs in amiland mal angefangen zu lesen, hatte es mir aber nur bei nem freund ausgeliehen.. habs nie zu ende gelesen
falls du es noch hast und verkaufen möchtest, sag bescheid! *g*
viele grüße und Gottes Segen!
.ordi.
Februar 18th, 2006 at 14:43
Tja, das _knowing God_ ist nicht mein Buch, sondern auch nur von meinem “Bruder”:http://markus.wordpress.com geliehen. Wirst wohl bei ihm anfragen müssen