Ich war am Wochenende in Polen, zur Beerdigung meiner Oma mütterlicherseits. Ich habe nicht viele Beerdigungen mitgemacht, das war jetzt vielleicht die dritte, die ich bewusst miterlebt habe.
Aber diese Abschiedzeit hat mich ins Nachdenken gebracht. Vielleicht auch deshalb, weil ich jetzt mit dem Abschiednehmen konfrontiert wurde, wie vorher nie. Es fand ein Gedenkgottesdienst statt, der sehr persönlich und ansprechend war. Und dann am Nächsten Tag ein Trauergottesdienst an der aufgebahrten Leiche, und noch mal eine kurze Ansprache am Grab selber. Was mich vor allem bewegt hatte, war der ständige Blick auf nach dem Tod, auf das Jenseits, dass in Polen viel stärker thematisiert wurde, als ich es in Deutschland bisher erlebt hatte.
Und wenn man so direkt mit dem Tod konfrontiert wird, dann kommt man selber stark ins Grübeln, über das Jenseits, den Himmel und den Tod. Das fordert auch den eigenen Glauben heraus. Und es kommen auch Zweifel, die tief gehen. Was ist wirklich, wenn man die Augen schließt und diese Welt verläßt? Diese Frage ist in meinen Augen der Lackmustest jeder Religion. Bei der Frage nach dem Jenseits zeigen sich die größten Differenzen zwischen den Religionen. Und wer die Augen schließt, der wird wissen, ob er sein Leben lang der richtigen Vorstellung nachgegangen ist, oder nur einer verrückten Idee.
Ich habe mir Gedanken darüber gemacht, was im Kopf eines Menschen vor sich geht (oder besser: theoretisch vor sich gehen könnte. Ich weiß nicht, was im Kopf eines Menschen vor sich geht, der auf dem Sterbebett liegt), wenn er kurz davor ist, sich aus dieser Welt zu verabschieden?
Ich weiß, dass das nur Skizzenhaft ist und vielleicht nicht jede Facette richtig wiedergibt. Es sollte aber trotzdem den Kern richtig wiedergeben.
Der Atheist: Was denkt ein materialistischer Atheist, wenn er dem Tod ins Auge blickt? Was kann er überhaupt denken und erwarten?
Für ihn gibt es keinen Gott. Für ihn gibt es kein Jenseits. Alles, was auf der Erde existiert, ist das Ergebnis natürlicher Prozesse. Alles ist Energie und Materie. Der Geist, die Seele, oder das, was man im Volksmund so nennt, ist das Ergebnis verschiedener Prozesse im Gehirn des Menschen. Sehr komplexer und bisher kaum begreifbarer Prozesse, aber es sind letzendlich doch nur natürliche Vorgänge, die ihren Ursprung in der Materie haben. Wenn diese organische Materie _defekt_ ist, nicht mehr arbeitet, dann hören auch die Prozesse auf, die diesen _Geist_ am Leben erhalten. Die Maschine bleibt stehen. Es wird dunkel … und dann kommt nichts mehr. Das wars. Das Leben beschränkt sich auf die 70-80 Jahre, die er auf dieser Erde zu leben hat. Er ist niemandem Rechenschaft schuldig für sein Leben. Das einzige, was ihm bleibt, ist zurück zu schauen und sich zu fragen, ob er diese paar Jahre gut ausgekostet hat. Und deshalb versucht er auch so verzweifelt, den Alterungsprozess möglichst zu stoppen, seine Jahre zu verlängern, noch mehr zu leben, denn ein anderes Leben hat er nicht, um mit diesem Leben geht alles zu Ende.
Ich selber finde diese Vorstellung grauenvoll. Man lebt, ohne Ziel, ohne Sinn. Die Natur hat einen in die Welt gesetzt, einfach so, aus Zufall. Was soll man eigentlich hier? Und nach einigen Jahrzehnten beendet die Natur das Leben, das sie geschaffen hat, einfach wieder, ohne das etwas bleibt. Der Tod ist die schwarze Mauer, auf die man zurast, und in der man keine Tür findet. Was für Panik und Verzweiflung muss in einem Menschen aufkommen, der den Tod immer näher kommen sieht?
Der Buddhist/Hinduist: Hier fasse ich alle Gruppen zusammen, die an Reinkarnation glauben.
Für ihn ist die ganze Welt eine Illusion, Maya, die Welt, die nur Schein ist. Das einzige, was wirklich ist, ist der Alleine, die Weltseele, Brahman, der alles ist und alles ist er. Das Verhängnis des Menschen ist es, das Wissen um diese Alleinheit verloren zu haben. Das Atman, die unsterbliche Seele des Menschen, ist gefangen in der Einbildung einer materiellen Welt. Und solange er nicht von dieser Einbildung loskommt, ist er nicht _erlöst_, hat er kein _Moksha_ erlangt. Wenn ein Mensch stirbt, ohne erkannt zu haben, dass er und die Welt, dass Atman und Brahman, eins sind, solange ist er gefangen im _Samsara_, dem Kreis der Wiedergeburten, dem Fluch der ewigen Wiederkehr, bis das Atman erkennt, dass die Welt nur Maya ist und er und Brahman eins sind. Gelangt er zu dieser Erkenntnis, dann geht er im Alleinen auf, er gelangt ins Nirwana. Der Kreislauf der Wiedergeburten hat dann endlich ein Ende gefunden.
Wenn der Hindu also die Augen schließt, dann hofft er, dass sein Karma ausgeglichen ist, so etwas wie sein Schicksals-Punktestand. Er kann aber eigentlich nicht viel beeinflussen. Sein ganzes Leben ist durch sein Karma bestimmt. Tut er etwas schlechtes, dann erhält er negatives Karma, tut er etwas gutes, dann erhält er positives Karma. Hat er Pech im Leben, dann ist das die Folge des negativen Karmas aus seinem vorgehendem Leben. Erlebt er gutes, dann ist das die Folge des guten Karmas. Und alles was er tut ist wiederum im Karma festgelegt. Das Karma-Pendel schwingt immer hin und her, und er kann nur hoffen, dass es nach vielen tausend Wiedergeburten mal still stehen wird. Aber was nach dem Tod kommen wird … das weiß er nicht. Wie sein Karma aussieht, weiß er nicht. Ob er eine Stufe aufsteigt oder als Tier wiedergeboren wird, weiß er nicht. Und er wird sich nach dem Tod auch an nichts mehr erinnern können. Sein Atman bleibt bestehen, aber sein Atman legt alle Erinnerungen, sein ganzes Bewusstsein, mit dem Körper ab.
Der Moslem: Der Moslem lebt im Wissen um die Unhinterfragbarkeit der Entscheidungen seines Gottes, und um die Unergründlichkeit. Auf dem Sterbebett wird er in sein Leben zurückschauen und hoffen, dass er seiner Religion gerecht gelebt hat, die Fastentage eingehalten hat und die Gebote befolgt hat, ob er genug Almosen gegeben und die notwendigen Pilgerfahrten unternommen hat. Hat er all das getan, so kann er sich doch nicht sicher sein. Nach dem Tod wird seine Seele von seinem Körper getrennt und seine Seele wartet in einer Zwischenzeit auf das jüngste Gericht. Und in dieser ganzen Zeit kann er sich nie ganz sicher sein, ob er das Paradies sehen wird. Denn Allah entscheidet ganz, wie er will. Der Gläubige wird auf einer Brücker über dem Abgrund der Hölle stehen, und die Brücke ist so dünn wie eine Schwertscheide. Allah wird eine Waage in der Hand halten und die guten und die schlechten Taten abwägen. Mohammed wird sich für seine Umma, für seine Religionsgemeinschaft, einsetzen. Und wenn seine guten Taten überwiegen, dann ist es wahrscheinlich, dass er in das Paradies eingehen wird. Aber das ist nicht sicher. Denn Allah allein entscheidet, er ist unberechenbar, was negativer klingt, als es klingen soll, und er ist Allmächtig. Niemand kann ihn zu einer Entscheidung zwingen, auch nicht das riesige Übergewicht guter Taten. Und Allah kann auch entscheiden, dass der Gläubige in die Hölle geht und dass der Ungläubige ins Paradies gelangt. Wer will Allah vorschreiben, was er zu entscheiden hat?
Der Gläubige auf dem Sterbebett kann also nur hoffen, dass er genug gute Tagen getan hat, um Allah gnädig zu stimmen, und das Mohammed sich für ihn einsetzen wird und das Allah gnädig sein wird. Aber wissen, ob er in das Paradies eingehen wird, kann er erst, wenn er es betritt.
Das sind nur drei Beispiele, die aber den größten Teil der Vorstellungen über das Jenseits abdecken. Die atheistische ist für mich die, die am Meisten Verzweiflung hervor ruft. Die Moslemische scheint am Ähnlichsten zu der christlichen zu sein. Was denkt aber der Christ auf dem Sterbebett?
Der Christ: Was denkt ein Christ, wenn er auf dem Sterbebett liegt? Er wird sicherlich auch auf sein Leben zurück blicken. Er wird sich fragen, ob er so gelebt hat, dass es Gott gefallen hat. Aber was passiert bei ihm, wenn er die Augen schließt? Auch seine Seele wird vom Körper getrennt, zumindest eine Weile, bis zur Auferstehung. Und auch er wird vor den Richter treten. Was aber wird das Entscheidende sein? Seine Werke? Nein. Das entscheidende wird sein, dass er im Buch des Leben steht. Wie aber wird jemand ins Buch des Leben geschrieben?
Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen. (Joh 5,24)
Kein Zweifel, kein Hinterfragen. Der Gläubige steht vor dem Richter und egal was gegen ihn vorgebracht werden könnte, Jesus wird da stehen und sagen, dass alles schon erledigt ist. Die Strafe ist bezahlt. Dieser Gläubige gehört zu ihm. Wieso? Wer an glaubte. Und Gott ist zwar allmächtig und wenn er wollte, könnte er auch diesen in die Hölle schicken. Aber er tut es nicht, denn er steht zu seinem Wort. Er bindet sich selbst an sein Wort.
Kein Zweifel, kein Hinterfragen.
Natürlich kommen auch Christen Zweifel. Und auch mir kommen häufig Zweifel. Ich bin ein Skeptiker und ein Zweifler, wie er im Buche steht. Und jedes mal, wenn in den Trauergottestdiensten auf die Auferstehung und auf das Leben danach verwiesen wurde, dann kamen in mir immer wieder Fragezeichen hoch. Was ist, wenn ich die Augen zumachen werde und sie nicht wieder aufgehen? Was ist, wenn das alles doch nicht stimmt? Die Zweifel sind da, unbestritten. Aber die Zweifel liegen nicht in der Religion selber begründet. Die Bibel lässt keinen Zweifel daran, dass jeder, der an Jesus glaubt, gerettet werden wird. Die Zweifel liegen in mir begründet. Aber zum Glück ist Gott in seiner Existenz und in seinem Handeln nicht von meinen Zweifeln abhängig. Ob ich nun zweifle oder nicht: Wenn mein Name im Buch des Lebens steht, dann werde ich die Augen schließen, vielleicht mit noch so viele Zweifeln und Ängsten, aber wenn ich sie öffne, dann erwartet mich nicht die ewige Finsternis des Nichts, oder der Fluch der Wiedergeburten, sondern die Hand dessen, der mich ins Buch des Leben hineingeschrieben hat.
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Februar 16th, 2006 at 10:09
Amen!
Februar 16th, 2006 at 10:26
Als Ex-Atheist finde ich deine Beschreibung recht gut getroffen, und empfinde sie aus meiner jetzigen Sichtweise auch grauenhaft. Interessant ist daß die meisten Atheisten das nicht so sehen; ich fand den Gedanken an ein endliches Dasein seinerzeit auch völlig normal.
Als Katholik ohne explizite Heilsgewißheit sehe ich außer Joh 5,24 zwar noch die anderen Bibelstellen zu diesem Thema, kann dir aber trotzdem zustimmen. Aus meiner Erfahrung als Krankenpfleger heraus kann ich sagen, daß Christen gleich welcher Denomination anders sterben als Nichtgläubige. Sie sind einfach entspannter, sei es nun wegen der Heilsgewißheit oder aus schlichter Hoffnung.
Februar 21st, 2006 at 18:25
Hi Karl,
also wir gedenken schon zur Hochzeit zu fahren. Unsere Bedingung ist, dass wir den Bulli meines Vaters vollbekommen, da sonst die Anreise zu teuer ist. Wir brauchen also noch 2 max. 3 weitere Mitfahrer. Wenn ich aus den USA zurück bin, werd ich mal schauen, dass das klappt.
Gruß
Jürgen
p.s. kannst du nora bescheid sagen? danke
Februar 21st, 2006 at 21:06
Während der Arbeit im Krankenhaus war ich immer sehr froh zu wissen, wo ich einmal sein werde, wenn ich sterben sollte (vielleicht werde ich ja erleben, wie Jesus wiederkommt!). Ich habe so viele Leute sterben sehn und - wie frono schon gesagt hat - gibt es oft einen deutlichen Unterschied zwischen Christen und Nichtchristen!
Meine ‘Angst’ besteht aber weniger daraus, dass ich mir unsicher bin, ob die Bibel usw stimmt. Ich finde’s eher etwas komisch mir vorzustellen wie es ist, ewig zu leben.
Andererseits bin ich auch so neugierig und gespannt auf diese Zeit! Ist es net eine unglaublich schöne Vorstellung, entlich vor unserem Heiland zu stehen!?!
Februar 22nd, 2006 at 21:45
@claudi
Frono ist der kleine Typ aus “Herr der Ringe”. Wir haben zwar ungefähr die gleiche Körpergröße aber ich heiße doch fono *gg*
Februar 22nd, 2006 at 21:56
Und der heißt “Frodo”
Februar 23rd, 2006 at 15:57
@fono: Sorry!!! Ich hab mich wohl verlesen
Aber frodo fänd ich eigendlich auch ganz nett …