Als strammer, konservativer Evangelikaler mit früher etwas fundamentalistischen Tendenzen war “Bibelkritik” immer ein Reizwort. Bibelkritik und ihr Busenfreund Historisch-kritische Methode waren so etwas wie die Vorboten des endzeitlichen Abfalls. Sie waren vielleicht nicht gerade zwei der vier apokalyptischen Reiter, aber sie waren zumindest deren Stallburschen oder so etwas in der Art. Auf jeden Fall hatte man nichts mit den beiden zu tun und mied sie, soweit man konnte.
Wie bei so vielen anderen Themen hat sich meine Haltung auch zu diesem Thema etwas gewandelt. Heute kann ich historisch-kritische Literatur lesen ohne, dass ich Pickel bekomme und meine Augen sich an Begriffen wie “Q” verbrennen.
Ich möchte sogar eine ganz provokante Aussage machen: Ich bin sogar dankbar für die Bibelkritk oder exakter gesagt: für die Historisch-kritische Methode!
Oh ja. Ich erwarte schon die ersten Protest-Mails die mir das Heil absprechen wollen. Aber ich muss euch enttäuschen: Ich glaube an die Unverlierbarkeit des Heils. Da müsst ihr schon andere aus dem Himmel kicken.
Aber zurück zum Thema. Wie komme ich dazu, so eine Aussage zu machen, und das nach all dem, was die Bibelkritk an verheerendem in der Kirche angestellt hat? Zum einen will ich gar nicht bestreiten, dass die Bibelkritik und die HKM (Historisch-kritische Methode) viel Schaden angerichtet haben. Nicht alles an dieser Entwicklung war korrekt. Um zu erklären, wieso ich diese Aussage dennoch mache, will ich kurz auf den Ausgangspunkt dieser theologischen Entwicklung zurück gehen. Das das alles sehr kompakt und vereinfachend dargestellt ist, ist mir bewusst. Mir ist auch klar, dass die Bibelkritik als Begriff nicht deckungsgleich ist mit der HKM. Ich verwende hier einfachheitshalber dennoch den Begriff “Bibelkritik” im Sinne von: mit wissenschaftlichen Kriterien anhand der Methoden der HKM die Bibel untersuchen.
Mit welchem Ziel ist die Bibelkritik gestartet? Nun, ein wichtiger Aspekt war es, die biblischen Texte und Personen in ihrem jeweiligen historischen und kulturellem und sozialen Kontext zu verorten und aus diesem Kontext heraus zu verstehen. Man wollte also nicht nur auf die überlieferten Dogmen vertrauen, sondern im humanistischen Sinne “Ad Fontes“, zurück zu den Quellen, und im aufklärerischen Sinne eine objektive Geschichtsschreibung der christlichen Religion versuchen, ohne dogmatischer Prämissen. Im Zuge dieser Überlegungen entstanden dann Methoden wie die Textkritik, der Redaktionskritk, die Formkritik etc. Und die Historisch-kritische Arbeit am Bibeltext hat gewaltige Kräfte für die Untersuchung der AT und NT Umwelt etc. freigesetzt.
Es wurde sehr viel Energie in die Erforschung der damaligen Verhältnisse gesteckt. Wir wissen heute wahrscheinlich mehr über die Zeit damals, als es seit Jahrhunderten der Fall war. Das ist wahrscheinlich immer noch nur ein kleiner Blick durchs Schlüsselloch, aber immerhin. Wer einen Einblick in das, was wir heute über Jesu Zeit wissen, bekommen möchte, der möge nur mal einen Blick in die vierbändige Reihe “Neues Testament und antike Kultur” werfen (Und das ist nur eine kleine Reihe). Diese umfangreichen Untersuchungen sind die Folge der Historisch-kritischen Arbeit. Von dieser Arbeit profitierten nicht nur die liberalen Theologen. Die HKM hat auch die konservative Theologie stark beeinflusst.
Aus der theologisch-konservativen Ecke gab es grob gesagt zwei Antworten auf die Herausforderung der HKM:
- Der christliche Fundamentalismus: Alle Methoden der HKM und der Bibelkritik werden abgelehnt. Und auch bei den Resultaten ist man skeptisch. Die Bibel soll “einfach nur” ausgelegt werden. Mehr nicht. (Aber selbst diese Gruppe ist nicht unbeeinflusst von vielen Ergebnissen der historischen Forschung und arbeitet manche stillschweigend in ihre Auslegungen der Bibel ein)
- Die evangelikale Bewegung: In der Auseinandersetzung mit der Bibelkritk hat die wissenschaftliche evangelikale Theologie nicht einfach nur zugesehen, sondern versucht, selber das Heft in die Hand zu nehmen. Methoden der HKM, die geeignet erschienen, wie z.b. die Textkritik, oder auch andere, wurden übernommen, aber die Prinzipien der Bibelkritik (rein geschichtliche Auslegung als gäbe es Gott nicht - etsi Deus non daretur) wurden abgelehnt oder modifiziert. So entstand auch im wissenschaftlich-theologischen Evangelikalismus eine starke historische Forschung, die ihrerseits auch versucht, Jesus, Paulus etc im Licht ihrer Zeit wahrzunehmen. Das mündet dann in Reihen, wie z.b. der “Historisch-Theologischen Auslegung”, oder der, zumindest teilweise, evangelikalen Reihe “Word Biblical Commentaries”.
Unser Wissen über die Umwelt und Zeitgeschichte der Bibel wird heutzutage zu einem nicht unbedeutenden Teil auch von evangelikaler Seite gefördert. Ich bezweifle aber, dass das heute auch so wäre, wenn es nicht die Herausforderung der HKM und Bibelkritik gegeben hätte. Es wäre auf jeden Fall ein großer Verlust gewesen, wenn wir nicht auf die historischen Erkenntnise, die uns heute vorliegen, zurückgreifen könnten.
Ich lese seit einiger Zeit das Buch “The New Testament and the People of God” von N.T. Wright und ich höre mir auch einige seiner Vorträge an. Und er bestärkt mich sehr in meiner Meinung. Wir als evangelikale Theologen sollten keine Angst vor historischer Forschung haben. Wie Wright in einem Vortrag sagt: Als Gott Mensch wurde und die Erde betrat, betrat er auch die Geschichte und wurde ein Teil ihrer selbst und seiner Umwelt. Wollen wir nun Jesus und seine Jünger verstehen, müssen wir seine Zeit verstehen. Und dazu gehört solide, historisch-theologische Arbeit.
Und das ist harte Arbeit. Manchmal habe ich das Gefühl, dass manche Leute es sich einfach machen: Sie steigen ein Stück in die Geschichte Jesu ein und erkennen: Jesus war ein Querkopf! Aha, Jesus ein Querkopf, Jesus der Rebel, Jesus ist der antike Che Guevara. Dann nimmt man dieses kleine Stück aus dem großen Mosaik und posaunt dieses Bruchstück als das große Bild an. Jesus der Revoluzzer! Weiter kommt man nicht. Und dabei übersieht man, dass das nur ein Teil eines großen Bildes ist, dass viel viel mehr ist, als nur der Querkopf Jesus (und im übrigen pickt man sich auch bei der Betrachtung von Che Guevara nur ein Mosaik-Steinchen aus dem ganzen raus und lässt den Rest bei Seite). Historisch-theologische Arbeit geht weiter. Sie pickt sich nicht Mosaik-Steine raus, sondern ist auf der Suche nach dem großen Bild. Und im Umgang mit einzelnen Steinen ist man sehr vorsichtig, weil wiederum die Geschichte gelehrt hat, dass ein kleines Steinchen oft nur ein sehr verzerrtes Bild des Ganzen produzieren kann.
Deshalb: Lasst uns im besten Sinne Historisch-theologisch arbeiten! Wir brauchen keine Berührungsängste mit der HKM zu haben. Auf gar keinen Fall dürfen wir uns von ihr aus der historischen Forschung und der gründlichen und auch wissenschaftlichen Exegese raus”ekeln” lassen. Die HKM hat viele sehr merkwürdige Resultat produziert, und viele sind längst ins Dunkel der Geschichte gespült worden. Aber sie hat auch viele interessante Fakten ans Licht gefördert und nicht alle Methoden sind automatisch zu verwerfen. Und von diesen Fakten und Methoden und von der Auseinandersetzung mit der Bibelkritik profitiert auch evangelikale Theologie!
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September 14th, 2006 at 8:38
Guter Post. Habe einen ähnlichen Prozess erlebt wie du…
September 15th, 2006 at 17:52
Klasse Post!
Mir geht es zusätzlich so, dass mein Umgang mit der Bibel (und mit einigen Bibelstellen) seit der Beschäftigung mit historischen Fragen entspannter und gleichzeitig intensiver wurde. Die Möglichkeit, neue Sichtweisen auf alte Geschichten zu entwickeln (die nicht gleich definitiv sein müssen) hat mir jedenfalls geholfen, einen größeren Hunger für das “Wort” zu entwickeln…