Lieber Herr Dr. Tagebuch,
ich war heute im zweiten Vorlesungsblock des Blockseminars _Systematische Theologie Proseminar_. Nach dem doch etwas ermüdenden und die grauen Zellen, vor allem aber auch das eigene Vokabular strapazierenden ersten Block gestern, war die heutige Vorlesung doch gewinnbringender. Neben vielen interessanten Punkten, die der Gastprofessor Drs. A. Beck erwähnt hat, hat er u.a. auch dazu ermutigt, ein wissenschaftliches Tagebuch zu schreiben, was ich hiermit auch tue, und ich hoffe, dass ich Sie damit nicht allzu sehr belästige. Sein Rat war, sich gegen Ende jedes Tages einmal hinzusetzen und den ganzen Tag unter der Perspektive Revue passieren zu lassen, was an diesem Tag an theologischer Erkenntnis dazu gewonnen werden konnte. Sicherlich, Sie haben Recht: Theologische Erkenntnis, das kann so trocken klingen, als ginge es nur um theoretische Abstrakte. Dieses Makel trägt die Theologie nun schon seit langem … vielleicht schon von Anfang an. Es ist auch immer die Frage zu stellen, was sich hinter den Begriffen versteckt, wie man diese füllt und zu Leben erweckt. Das aber ist vielleicht schon einer der ersten Punkte, die ich heute gelernt, oder vielleicht präziser: neu verinnerlicht habe.
Wir hatten gestern als Aufgabe für Heute aufbekommen, einen Text von Christoph Schwöbel zu lesen, “_Doing Systematic Theology_”. Dort versucht der Verfasser näher zu umreißen, _was_ Systematische Theologie ist, und _wie_ sie in ihren Grundprinzipen anzuwenden ist, worauf zu achten ist. Nun hat die Theologie, wie schon erwähnt, den Makel, trocken und fern von den Problemen der Realität zu sein. Dieser Makel haftet der Systematischen Theologie umso mehr an, die mancher als nicht mehr zeitgemäß abtun will, und sie mit Kathedralen vergleicht, die zwar schon anzuschauen seien, aber nicht mehr nutzbar oder zeitgemäß sind. Ich lasse dieses Urteil unkommentiert, will aber unter Bezug auf Schwöbel hervorheben, dass Systematische Theologie nicht einfach nur dazu dient, schöne theoretische Gedankengebäude zu errichten, auf die man dann voller Stolz zurückblickt und jeden, der versucht, sich das nutzbar zu machen, als Kunstbanausen verschecht, weil ein Kunstwerk ja schließlich ein Kunstwerk und kein profaner Gegenstand sei. Diese Sorte von Systematikern mag es vielleicht auch geben. Aber das ist definitiv nicht das Ziel Systematischer Theologie. Schwöbel definiert Systematische Theologie “as the self-explication of Christian faith with respect to the truth-claims and norms of action that are asserted, presupposed or implied by it[1]“. Später beschreibt er dann als Hauptaufgabenfeld die Gemeinde. Dort hat die Systematische Theologie ihr Anwendungsgebiet und dort entscheidet sich ihre Relevanz. Duns Scouts hat schon früher von der (Systematischen) Theologie als _disziplina practica_ gesprochen, die praktische Disziplin. Ds viele unserer Mittheologen das aus den Augen verlieren ist Schade, sollte aber nicht die Relevanz des ganzes Faches in Misskredit bringen.
Ds war also das Erste, was ich gelernt habe. Und ich habe angefangen, ein wenig näher zu begreifen, welche Aufgabefelder die Systematische Theologie umreißt. Das ist nicht einfach auszuloten, steckt der Systematiker doch in der Gefahr, sich in den angrenzenden Nachbardisziplinen zu verlieren, steckt die Systematische Theologie doch zwischen Biblischer Theologie und Exegese einerseits und Historischer Theologie andererseits, und eckt auch an mancherlei Stelle an die Philosophie dritterseits (sicherlich werden noch einige andere Disziplinen tangiert, die aber hier aussen vor gelassen werden können). Der Systematiker bedient sich nun bei diesen Nachbarn, um deren Ergebnisse aufeinander anzuwenden. Dabei kann er sehr schnell passieren, dass er das Feld des Exegeten beackert, worüber der nicht immer glücklich ist, wenn sich da ein Amateur auf seinen Acker wagt. So auch der Historiker. Das ist alles nicht so einfach, müssen Sie wissen. Mir schwebt immer noch im Sinn, Systematische Theologie als Hauptfach zu wählen, weil man dort sowohl historisch als auch exegetisch aktiv sein kann (was das obere nicht widerlegt, denn er ist ja auf beiden Feldern aktiv, nur muss er um seine Schranken wissen), was mich beides interessiert. Mal sehen, was die Zukunft bringt … und vor allem meine Proseminararbeit in diesem Fach. Ich werde Ihnen darüber sicherlich noch berichten.
Da die Stunde schon fortgeschritten ist, will ich nur noch kurz aufführen, was, was mir heute sonst noch an Erkenntnissen gekommen ist:
1. In Griechisch lernen wir gerade mit Partizipien umzugehen. (Partizipien sind der Horror. Alleine der Umstand, dass mein ein Verb _dekliniert_ zeigt mir schon, dass diese Sprache keine _heilige und göttliche_ Sprache sein kann. Wer kommt auf die Idee, Verben zu deklinieren?? Bitte sagt mir nicht, dass das im Deutschen auch geht (ausser natürlich bei Substantivierten Verben. Davon rede ich nicht)) In der Antike wurden die Griechen als Partizipienliebhaber (???????????) bezeichnet. Und es stimmt. Dabei haben die Partizipen im Griechischen eine andere Funktion als die im Deutschen. Im Griechischen übernehmen die Partizipen häufig die Funktion der deutschen Adverbialsätze, und müssen dementsprechend auch übersetzt werden. An dieser Stelle habe ich auch wirklich zum ersten Mal begriffen, wieso es _doch_ einen fundamentalen Unterschied macht, ob man “nur” eine deutsche Übersetzung liest, oder ob man an die Ursprache herangeht.
Zwei Beispiele zur Verdeutlichung:
Mk 1,14b:
????? ? ?????? ??? ??? ????????? ???????? ?? ?????????? ??? ????
Das siebte Wort in diesem Satz ist ein Partizip. Der Satz lässt sich nun auf zwei verschiedene Weisen übersetzen:
1. Jesus kam nach Galiläa, _*wobei*_ er das Evangelium Gottes verkündigte.
2. Jesus kam nach Galiläa, _*um*_ das Evangelium Gottes _*zu*_ verkündigen.
Der erste Satz ist _modal_. Jesus kam da hin, und während er da hinging verkündigte er das Evangelium. Der zweite Satz ist _final_. Er ging dahin mit der Absicht, das Evangelium zu verkündigen.
Vielleicht meinst du: “Vielleicht soll es beides Gleichzeitig meinen.” Richtig, genau das ist der Punkt. Der Grieche, wenn er denn Satz hört, wird, ausser der Kontext lässt nur eine einzige Spezifizierung zu, nicht zwischen modal und final unterscheiden. Er hört quasi beides Gleichzeitig. Der Übersetzer muss sich aber für eine Übersetzungsvariante entscheiden. Und das zwischen den beiden Sätzen ein Sinnunterschied besteht, lässt sich kaum bestreiten. Gut, mancher mag ihn im Zuge der allgemeinen Relativierungstendenz (”spielt doch alles keine Rolle”) für unwichtig erachten. Das aber wäre keine Auseinandersetzung mit dem Text.
Ein anderes Beispiel:
Mk 2,17a:
??? ??????? ? ?????? ????? ??????
Hier ist das zweite Wort das Partizip.
Übersetzungsvarianten:
1. Und als Jesus es gehört hatte …
2. Und weil es Jesus gehört hatte …
3. Und obwohl es Jesus gehört hatte …
Wie gesagt, der Kontext macht oftmals klar, worum es geht. Aber nicht immer. Und dann muss der Übersetzer entscheiden und begrenzt damit das Bedeutungssprektrum der Aussage auf eine spezielle. Ist echt interessat … und nervenaufreibend, wenn man plötzlich selber dieser Übersetzer ist, der sich vor lauter Partizipien im Satz kaum noch retten kann.
2. Ein anderer Erkenntnisgewinn ist, dass ich mir immer den gleichen Mist einbrocke. Wieso kann ich mich nicht einfach mal mit den Standardthemen zufrieden geben? Vor allem, wenn ich in diesem Semester zwei Proseminararbeiten schreiben muss. Und für beide habe ich mir Themen ausgesucht, die sich sehr interessant anhören … und mir viel Nervenflattern verursachen werden. In Historischer Theologie will ich mich mit
Im erwähnten ST Pro hat der Dozent heute den Fehler gemacht, _Open Theism_ zu erwähnen. Ich hab’ früher schon was davon gehört. Und jetzt hat’s micht gepackt. Ich hab’ manchmal so Momente, wo ich den Zwang verspüre, mich mit einem Thema auseinander zu setzen. Heute kribbelte es mir wieder so am Fußpilz (nein, natürlich kein Fußpilz. Ist mir grad so spontan gekommen ;-)). Und wir haben als Oberthema “Erwählung und Vorsehung”. Ich werd mir also wahrscheinlich ein paar _offene Theologen_ holen, schauen, was die entweder zu den Stellen zu diesem Thema im Johannesevangelium oder in Röm 9-11 sagen. Dann werde ich mir die _Eastcoast_ Leute holen, um zu sehen, was die an Gegenargumenten hören, und dann gib’s nen schönen Battle
(wird Zeit fürs Bett, ich weiß). Problem 1: Die Unis interessieren sich nen Dreck für solche Inner-Evangelikalen Diskussionen. Weder der Papst noch Klaus Berger noch Gerd Lüdemann haben was dazu gesagt, also darf es geflissentlich ignoriert werden. Problem 2: Ich kann nur hoffen, dass die FTA Bib was hat, muss ich morgen unbedingt prüfen, sonst habe ich Problem 3: Wasser und Brot für die nächsten drei Monate, um Geld für Literatur zu sparen.
Die restlichen Gesammelten Wahrheiten bewahre ich mir für später auf.
Ich hoffe, ich habe Ihnen nicht zu viel Zeit gestohlen, werter Kollege.
Ich wünsche Ihnen eine erholsame Nacht und vielleicht hören wir ja bald wieder voeinander,
aufs herzlichste Verbunden,
Ihr Karl Karzelek
Fussnoten:
fn1. Christoph Schwöbel, “Doing Systematic Theology”, in: _God: Action and Revelation_, 1992, S. 10.
Popularity: 4% [?]


December 14th, 2005 at 9:42
hallo Karl
Schöner Post. hat bei mir gerade Erinnerungen geweckt an meine Vorlesungen an der STH mit Andreas Beck…ich war wahrscheinlich jeweils der einzige, der versucht hat, sich den Marathon mit lateinischen Fremdworten bis zum Ende anzuhören…der Rest hat gespielt, geschlafen oder was anderes gelesen. Der Mann ist super-clever, aber lebt zuweilen in einer anderen Welt, war jeweils mein Eindruck…
December 14th, 2005 at 10:34
_der Rest hat gespielt, geschlafen oder was anderes gelesen._
Er hat auf jeden Fall einiges auf dem Kasten. Jemand hat gesagt, er denkt während der Vorlesung in Griechisch, latein und Hebräisch und ich dachte mir: “Ja, alles gleichzeitig und alles durcheinander”. Wenn ich die ganzen _Brains_ hier an der FTA und ETF etc. sehe, dann kommen mir manchmal Zweifel darüber, was ich hier mache