Ich lese gerade das Buch “Die schöne Frau Seidenmann” von Andrzej Szczypiorski (macht euch keine Knoten in die Zunge
), in der Lizenzausgabe für die SZ-Bibliothek. Ein wirklich gutes Buch. Es spielt in Warschau in der Zeit des 2. Weltkriegs. Der rote Faden ist, wie der Titel schon verrät, Frau Seidenmann. Sie taucht immer wieder auf. Aber einen großen Teil des Buches nehmen die Personen im Umfeld dieser Frau ein, die mit ihr zu tun haben.
Szczypiorski hat einen interessanten Stil zu schreiben. Im Film “Lola Rennt” wird das ähnlich gemacht, aber viel knapper. Der Autor nimmt das Leben der Person und macht Sprünge aus der Gegenwart in die Zukunft. Manchmal ganz knapp. Dann wird z.B. nur gesagt: “Aber 1944 wird er nach dem Aufstand unter den Ruinen liegen”. Manchmal etwas länger. Dann wird das Leben der Person in einigen Absätzen abgepult, die späteren Entwicklungen etc. Das ist wirklich gut gemacht. Man wird wirklich mitgenommen um dann in die harte Realität des Alltags dieser Person während des WKII zurückgebracht zu werden. Sehr beklemment sind aber vor allem diese kurzen Sprünge, wie das mit dem Beispiel oben. Die Härte des Schicksals wird da richtig bewusst, die Unausweichlichkeit des Todes. Die beobachtete Person ist zwar noch am Leben, aber der Tod ist schon festgeschrieben. Ein kurzer Satz, der aber viel auslöst. Erstklassig gemacht.
Eine Passage in Kap 11 hat mich sehr angesprochen. Dort steht ein deutscher im Zentrum, der aber eigentlich schon immer in Polen gelebt hat und sich mit den Polen identifiziert (also eigentlich das Gegenteil von mir). Kurz vor Ende des Krieges flieht dieser Müller dann vor den Russen nach Bayern.
Ich zitier mal eine längere Passage, die treffend das aussagt, was manchmal in mir vorgeht, wenn ich an Polen denke:
Es kamen Nächte, in denen Müller sich innig wünschte, zu seinem Deutschtum zurückzukehren, in ihm Trost und Linderung zu finden. Dann versammelte er in seiner Vorstellung emsig alle polnischen Unzulänglichkeiten und Fehler, Sünden und Dummheiten. Er hätte eine lange Liste aufstellen können - wie jeder andere Mensch, der dieses Polen tief im Herzen liebt. Und gerade darum fühlte er sich, seinem eigenen Wollen entgegen, immer intensiver als polnischer Patriot, weil er die polnischen Schwächen kannte, all diese polnischen Unvollkommenheiten, Zerrissenheiten, Idiotismen, Verworrenheiten, diese polnischen Snobismen und Schwindeleien, die Fremdenfeindschaft, die Hirngespinnste und Mythen. Er kannte sie besser als die echten Polen, weil seinen Geist stets eine ganz dünne Scheidewand von Polen getrennt hatte, ein aus den Genen der deutschen Traditionen seines Vaters und Grossvaters gewobenes Spinnennetz. Er zählte die polnischen Sünden auf, um sich, wie er glaubte, vom Polentum zu entfernen, um es sich zu verleiden, um zwischen sich und Polen einen unüberwindlichen Abgrund zu grabe, um sich desto leichter auf dem gentischen Boden des Deutschtums wiederzufinden. Doch verwarf er bald diese Prozedur, weil er merkte, daß sie fruchtlos war … Seine Liebe wurde noch von dem Gedanken gesteigert, …, daß er, während Polen litt, sorglose Spaziergänge in der herrlichen Alpenlandschaft unternahm, daß ihm nichts fehlte, …, daß er in einem angenehmen, bequemen Haus wohnte …
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Mai 20th, 2005 at 21:43
Interessante Gedanken.
Sie gelten - denke ich - in beide Richtungen. Das ist eben das “Erbe” der TCK.
markus