Wir haben uns in Kirchengeschichte in den letzten Stunden mit Schleiermacher beschäftigt. Ich liebe Geschichte. Sie ist für mich der Schlüssel zur Zukunft. Oder wie jemand treffend gesagt hat: “Wer die Vergangenheit vergißt, ist verdammt sie zu wiederholen”, mit all ihren Fehlern.
Als ich da so im Unterricht saß und über Schleiermacher zuhörte, da sind mir verschiedene Gedanken gekommen. Mir ist einiges bewusst geworden.
Ich hatte in der Vergangeheit einen etwas “rüden” und strikt abweisenden Zugang zu liberalen und bibelkritischen Theologen (ich denke das ist generell ein Problem der Evangelikalen).
Man kann die ja auch nicht ernstnehmen. Wie können die es wagen, die Bibel nicht ernstzunehmen? Die machen das ganze Christentum kaputt. Und da die alle ganz böse sind, muss man sich nicht mit ihnen auseinandersetzen.
So in der Richtung habe ich gedacht. Bis ich vor einiger Zeit gemerkt habe, dass es doch nicht ganz so einfach ist. Ich will nicht gut reden, was die an Mist gemacht haben. Natürlich hat die liberale und rationalistische Bibelkritik viel kaputt gemacht und das Christentum in ihren Grundfesten erschüttert (traurig ist, dass gerade die Deutschen sich darin besonders hervorgetan haben …). Aber ich denke, wir tun es uns zu leicht, wenn wir sie alle erstens über einen Kamm scheren und zweitens und nicht einmal mit ihnen auseinandersetzen, nicht nur in dem Sinne, dass wir deren Argumente erwidern, sondern das wir mal darüber nachdenken, was deren Motivation war.
Ganz besonders deutlich ist mir das letztens am Beispiel Schleiermachers geworden.
Ich weiß nicht, was du denkst, wenn du “Schleiermacher” hörst oder liest. Ich habe vorher nur mitbekommen, dass er einer in der Reihe der Bibelkritiker ist, die die Bibel nicht ernstgenommen haben und viel kaputt gemacht haben. Nun, das stimmt auch. Aber das ist ein sehr einseitiges Bild.
Schleiermacher hat in einer Zeit gelebt, in der der kalte Rationalismus und die Aufklärung in die Bedeutungslosigkeit zu drängen versuchten. Auf der anderen Seite war die Strömung der Romantik, als Gegenpol zur Aufklärung, die die Gefühle und Emotionen stark betonte.
Schleiermacher war ein Kind seiner Zeit. Er war geprägt vom modernen Gedankengut. Er war aufgeklärt gebildet und humanistisch geprägt. Auf der anderen Seite war er ein einer frommen, gläubigen Familie aufgewachsen und hat, zumindest nach eigenen Angaben, so etwas wie eine Bekehrung erlebt.
Der christliche Glaube war ihm also nicht egal, etwas, was man wegerklären müsste. Er lebte in einem Zwiespalt. Einerseits war es ihm als aufgeklärte Person unmöglich, den Glauben einfach so zu übernehmen, wie er ihn von seinen Eltern vermittelt bekam. Die Religion muss sich dem Verstand unterordnen. Andererseits war er religiös geprägt und Religion gehörte einfach dazu. Er wollte sie also auch in der Zeit der Aufklärung und Moderne bewahren.
Um das zu erreichen ging er einen interessanten, aber im Nachhinein auch sehr verhängnisvollen Weg. Er entzog die Religion dem Zugang des Rationalismus, indem er sie auf einen Bereich beschränkte, der mit dem Verstand nicht erfassbar ist. Er reduzierte Religion in die Sphäre der Gefühle. Für ihn wurde Gott zum “Gefühl der schlechthinnigen Abhängigkeit[1].”
Er trennte damit Wissen/Verstand und Glaube. Eine Trennung, die noch heute anhält und sogar von vielen evangelikalen aufgegriffen wird. Sicherlich war Schleiermacher nicht einer der ersten mit diesen Ideen, aber er war einer der Einflussreichsten.
Was aber hat das mit uns heute zu tun?
Ich will Schleiermachers Ansatz ganz grob in groben Prinzipien skizzieren:
Er sah die Notwendigkeit, den Glauben an das Gedankengut der neuen Zeit anzupassen, damit der Glaube nicht unter den Tisch fällt. Seine Absicht war es nicht, den Glauben zu zerstören. Vielmehr war es sogar sein Bemühen, den Glauben zu bewahren, in einer zeitgemäßen Form.
Dabei hat er aber die Konsequenzen seines Denkansatzes übersehen.
Wir stehen heute an der Schwelle in ein neues Denksystem. Das System Schleiermachers, die Moderne, neigt sich dem Ende zu. Schleiermacher wird als _Kirchenvater der Moderne_ bezeichnet.
Wo ist der Kirchenvater der Postmoderne? Und welchen Einfluss wird er haben?
Ich will das Bild nicht überstrapazieren, aber auch wir stehen in der Gefahr, wie Schleiermacher, den Glauben an ein Denksystem anzupassen, nur damit er nicht ganz irrelevant wird, auch wenn wir dabei einiges umformen und anderes ganz aufgeben.
Schleiermacher hat die Massen begeistert und noch heute ist die protestantische Theologie, zumindest in Deutschland, auf Grundprinzipien gegründet, die er gelegt hat.
Wird der “Kirchenvater” der Postmoderne vielleicht jemand aus der EC Bewegung sein? Stehen wir nicht auch in der Gefahr, wie die Christen der Romantik, einer Idee nachzufolgen, die auf den ersten Blick wie _der_ Schlüssel aussieht, den christlichen Glauben in die Postmoderne zu tragen, ohne das wir dabei sehen, welche Folgen das haben wird?
Ich bin nicht der Meinung, wir wären schon so weit. Ich will den Teufel nicht an die Wand malen. Auch bin ich kein reaktionär, der alles beim alten lassen will. Aber ich mach mir schon Gedanken drüber. Denn manchmal stehen wir in der Gefahr, im Schwank einer neuen Bewegung zu schnell auf manchen Zug aufzuspringen, ohne zu sehen, dass das Gleis im Nichts endet.
Und was ich auf manchen Blogs lese, das lässt mich manchmal etwas skeptisch werden. Und auch wenn wir selber noch auf einem festen Fundament stehen, kann es passieren, dass schon die nächste Generation unsere anders gemeinten Idee missversteht und einen Kurs einschlägt, den wir gar nicht geplant haben. Wäre auch nicht das erste Mal.
Ich habe jetzt ersteinmal beschrieben, wie das Pendel in eine Seite ausschlägt, wenn man nämlich, vielleicht sogar mit den besten Absichten, versucht, den Glauben an die Denksstrukturen einer bestimmten Zeit anzupassen.
Aber das Pendel kann auch in eine andere Richtung auschlagen. Dann landen wir bei _Nitzsche reloaded_. Interessant ist, dass die Ursache für beide Ausschläge des Pendels ein und die selbe ist. Aber ich hab’ genug geschrieben für heute und muss ersteinmal was für die Schule machen.
Hoffentlich komm ich in der nächsten Zeit dazu, auch die zweite Seite des Pendels zu betrachten.
GFS
fn1. Schleiermacher meinte damit folgendes: Jeder Mensch ist irgendwie von jemand oder etwas abhängig. Wollen wir Schuhe kaufen, müssen wir zum Schuhmacher. Wollen wir was Essen kaufen, müssen wir ins Geschäft. Jeder Mensch ist eingespannt in ein komplexes Abhängigkeitsgefüge. Die Meisten abhängigkeiten ließen sich mit einigem Aufwand rekonstruieren und erklären. Aber die tiefste, innerste Abhängigkeit im Menschen, die sich nicht rational erklären lässt, das Gefühl, dass da jemand/etwas größeres ist, von dem wir Abhängig sind, das ist das Gefühl der schlechthinnigen Abhängigkeit, und das ist Gott.
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February 8th, 2005 at 17:58
Wer der Kirchenvater der Postmoderne ist? Ohne Zweifel N. T. Wright.