Ich bin immer noch dabei, mich durch die fast 700 Seiten des Jesus Buches von Klaus Berger durchzuackern. Er bringt immer wieder interessante Gedanken. Manches ist neu, herausfordernd, provokativ, anderes stellt bekannte Tatsachen in ein neues Licht.
Sehr interessant fand ich seinen Abschnitt unter dem Thema “Christentum als Absage an die Normalität?”. Beim Lesen ist mir neu bewusst geworden, dass wir Christen nie normal sein können (wenn man die Maßstäbe der “Welt” als das _normal_ festlegt), wenn wir echte Jünger sein wollen. Ein Christ, der Jesus nachfolgt, wird automatisch einen Gegenpol zu seiner Umgebung bilden, _counterculture_. Das geht nicht anders. Das ergibt sich automatisch aus dem widereinander von Gott und Satan/dieser Welt. Was bei Gott normal ist, ist für die Welt unnormal. Was für die Welt normal ist, kann vor Gott nicht bestehen.
Berger beschreibt das interessant, wenn er davon schreibt, dass der Christ, wenn er ein bestimmtes Ziel erreichen will, erst seinen “Anti-Wert” anstreben muss. Will ich ein sinnerfülltes Leben, dann muss ich erst sterben. Wollen wir verherrlicht werden, müssen wir den Weg der Demut und Schande in den Augen der Welt gehen. Wollen wir uns selbst finden, müssen wir uns selbst erst aufgeben. Das erscheint auf den ersten Blick widernatürlich. Das aber genau ist der Weg Gottes, den uns auch Jesus vorgegangen ist. Phil 2,5-11. Jesus hat die tiefste Erniedrigung auf sich genommen, um dann die höchsten Ehren zu bekommen. Nachfolger sein, bedeutet auch, diesem Weg nachzufolgen. Das ist hart, das ist ein Leben gegen den Strom, das kostet viel Kraft. Aber nur _das_ kann der Weg sein.
Ich will jetzt mal einen längeren Abschnitt aus dem Buch zitieren, der das gut umreißt:
Doch hier gilt es ein Missverständnis abzuwehren: Christentum bedeutet nicht Lust am Leiden, Freude am Nein zum Leben. Gott quält uns nicht mit Widernatürlichkeiten. Zur Zeit unserer Großväter galt das manchmal als katholische Aszese: Wenn einer etwas von sich aus wollte, dann sollter er es gerade nicht tun dürfen, denn das Ziel der Erziehung war, den Willen zu brechen. Nein, der Vers Mt 16,25 sagt es genau: »_Wer sich selbst aufgibt_ für mich, _der wird sich finden_.« Es ist also durchaus Gottes Wunsch und Ziel, dass wir uns finden, dass wir das Leben bewahren, uns selbst zu verwirklichen. Lebensfeindlichkeit wäre das Letzte, was dem Gott der Bibel anstünde. Gott will durchaus das Leben, und zwar in Lust und Fülle.
Aber wer dabei nur auf dem schnellen und direkten Weg an sich selbst denkt, verfehlt das Ziel mit Sicherheit. Warum? Weil der Mensch sich als Kern und Mitte des Universums setzt, um das alles kreist, ja kreisen muss, wenn es keinen anderen Pol gibt. »Was habe ich denn davon?«, ist die menschlich letzte Frage in einer Welt, in der es keinen Gott gibt. Es muss dann rücksichtslos um das Durchsetzen der eigenen Vitalität gehen. Man hat ja nur dieses eine Leben. Rousseaus guten Menschen gibt es nicht. Unsere Vitalität ist nicht unschuldig, sondern seit Adam und Eva ist sie raffgierig, egozentrisch, kurzatmig, sie hat keine Zeit, sonder will auf dem kürzestem Wege nur für sich selbst sorgen. Und sie verfehlt ihr Ziel, weil nur für sich selbst niemand glücklich ist. Nach biblischem Denken, und das ist auch der Weg Jesu, führt nur der Weg zum Ziel, auf dem man nicht kurzfristig zum vordergründigen Ziel gelangen will, sondern der Weg, auf dem man zunächst den Anti-Wert ansteuert. (Klaus Berger, _Jesus_, S. 198f.)
Später bringt er dann noch ein schönes Bild:
“Wer den Weg Jesu wählt, wer leben will, _kommt_ zum Leben, aber er kommt zum Leben durch das Kreuz und Tod hindurch. … Der Weg Gottes führt durch das Gegenteil. Er geht auf die Nacht zu, um das Licht zu finden.”
Das Bild mit der Nacht gefällt mir sehr. Wer in der Abenddämmerung steht, gelangt zum Neuen Tag nur, wenn er durch die Nacht geht.
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