Zu meinem Beitrag Neubekehrte Schwämme hat sich eine interessante Diskussion entwickelt, die Herm angeregt hat. Damit das nicht zu einer Nischenplauderei wird, poste ich hier seinen Kommentar, der ein paar interessante Fragen und Herausforderungen aufwirft, denen man sich sicherlich stellen sollte.
Eigentlich wollte ich seinen Kommentar gleich beantworten, aber leider fehlt mir momentan die Zeit dazu. Deshalb poste ich ersteinmal seinen Kommentar, den ich später dann meinerseits kommentieren werde. Ich lade dazu ein, sich in die Diskussion einzuklincken.
Viel Spaß.
Herm hat am 07.04. geschrieben:
Ok, lass mich das ganze mal etwas allgemeiner formulieren…. (Es ging mir auch nicht wirklich um die Authentizität des Joh. Ev. und auch nicht direkt um HK-Analyse)
Wenn man mal davon ausgeht, dass in der “Moderne” der Gedanke am Anfang stand, endlich (unter anderem mit HK-A) ein Werkzeug in der Hand zu haben um “das! Christentum” beziehungsweise “die! Geschichte” in einer Art linearem Fortschritt bestimmen und erforschen zu können, steht am Anfang der Postmoderne (unter anderem) der Gedanke einer Multi-Perspektivität.
Mit dem “Ende der großen Erzählungen” ist dann das Ende eines durchgehenden Welt- und Geschichtsbildes eingeläutet. Das muss natürlich (so hätten es sich Ideologiekritiker, Religionskritiker usw. gewünscht) gerade nicht heißen, dass “große Erzählungen” in dem Sinne verschwinden oder überflüssig oder gar verboten werden. Vielmehr weist Postmodernes Denken darauf hin, dass es unter der Bedingung einer möglichen Multiperspektivität immer auch den blinden Punkt einer jeden Perspektive, Wahrheit, “großen Erzählung” gibt. Mit der Systemtheorie (Luhmann) gesagt: “Man sieht nicht, dass man nicht sieht, was man nicht sieht.”
Emerging Church ist nun auch vor allem der Wunsch die “Freiheit eines Christenmenschen” wiederzuerlangen, und damit sowohl die Perspektive der “modernen akademischen Theologie (inclusive HK-A) als auch die Idee einer die Postmoderne ignorierende evangelikale Bewegung hinter sich zu lassen, und in einer solchen postmodernen Freiheit (die immer auch mit Verantwortung und nicht etwa Beliebigkeit einhergehen muss) Kirche neu zu machen.
Allerdings ist ja dann (wie oben gesagt) die Selbstreflexivität, also das Bewußtsein einer immer nötigen Rückbesinnng auch auf die eigenen Grenzen (und die der eigenen Perspektive) in einer solchen “Kirche im ständigen Werden” eine Grundvoraussetzung.
Und nun zur Frage:
Wie geht das zusammen z.B. mit der klassisch evangelikalen Position einer unfehlbaren Bibel wie du in deiner Confessio schreibst? (“1. Die Grundlage und das Fundament ist die Bibel, Gottes bis in den Wortlaut hinein inspirierte, unfehlbare und irrtumslose Wort, welches unter Gottes Fürsorge in den 66 Büchern des Alten und Neuen Testaments zuverlässig überliefert worden ist.”)
Denn Postmoderne ermöglicht natürlich gerade ein festhalten an Metaerzählungen, wie an der von Schöpfung-Sündenfall-Messias-Tod-und-Auferstehung. Allerdings hat auch diese ihren blinden Punkt, den man eben nicht sieht wenn man mit dieser Perspektive sieht. Und was man nicht sieht, sieht man dann eben auch nicht.
Muss nicht die Relativität der eigenen Perspektive auch bei diesen Punkten mitgedacht werden? Und ist damit nicht jeder Absolutheitsanspruch schon im Kern ein blinden Punkt? Ist nicht das was der erste Punkt deiner Confessio aussagt auch “nur” eine Perspektive? Oder treffen sich an diesem Punkt Postmoderne und Offenbarung und der Weg geht von dort nur in eine Richtung weiter?
Popularity: 3% [?]


April 7th, 2005 at 17:35
Ich glaube dass es hier wahrscheinlich mehr um die Frage der Epistemologie geht als über die Frage der Hermeneutik.
Gibt es einen festen Anfangspunkt, auf dem wir bauen können?
Hier einige Gedanken zu meiner Position, die, zugegeben noch etwas unausgereift, aber mir als Gitter (o. Filter) zur Gedankensortiertung geholfen haben.
Erstens: Wie du (Herm) schon sagtest… Es gibt eine Metanarrative (45 % unserer Bibel ist narrativ geschrieben worden). Das ist ohne Zweifel. Es gibt einen Fixpunkt. Das Problem besteht nicht in der Definition der Metanarrativen (von Schöpfung bis Auferstehung bis zur vollkommenen Verwirklichung des Gottesreiches, da gibt es wenige ernsthafte Theologen, die das noch bestreiten), sondern in der ANWENDUNG der Metanarrativen.
Ein Beispiel vom konservativen Evangelikalismus (meine Wurzeln): das Sterben Jesu ist im Mittelpunkt von allem. Von allem. Das ist das A und O für uns. Daraus ist unsere Kultur entstanden, eine Art von “Sündenmanagement” zu betreiben. Es geht um Sünden. Sündenkataloge… die Sünden anderer aufzeigen. Und wir haben es meiner Meinung nach übertrieben. Wir haben die Metanarrative - obwohl wir richtig lagen - falsch und übertrieben angewandt.
Zweitens: Das bestreben einer postmodernen Theologie (obwohl es keine pmod-theologie gibt, sondern eine theologie im pmod Rahmen) wird nie die Errungenschaften früherer Jahrhunderte außer Acht lassen. Man versucht nicht, das Rad neu zu erfinden - sondern zu einer Synthese zu gelangen. Das würde weder die Errungenschaften der historisch-kritischen Methode noch die Errungenschaften des konservativen Schriftverständnisses ignorieren. Historisch-kritische Theologie, wie sie an manchen Unis gelehrt wird, ist bankrott. Auch der konservative Fundamentalismus wird bald entdecken (und tut es langsam auch), dass die Liebe auf dem Altar der Orthodoxie geopfert wurde.
Ein gutes Prinzip: Prüfet alles, behaltet das Gute. An der hk-Methode ist einiges faul - und an dem fundamentalistischen Gedankengut auch. Das heißt nicht: “ok Leute, lasst uns von vorne anfangen”. Das Problem der Moderne ist (ich muss hier jetzt vorsichtig sein, nicht zu weit auszuholen), dass wir die Traditionen unserer Väter verleugnet haben. Wir haben so viel protestiert, dass wir die Geschichte ausgelöscht haben. Autsch. Deshalb versuchen wir, die Bibel so zu lesen, wie sie ein Hebräer im ersten Jhd. lesen würde. “post” heißt nicht “anti”, sondern “aus dem ‘alten’ hervorkommend”.
Werden wir “blinde Punkte” haben, wie du sie genannt hast? Sicherlich. Aber das bedeutet nicht, jetzt alles hinzuschmeißen. Jetzt wissen wir, dass wir einen blinden Punkt haben - und sollten versuchen, aus unseren Traditionen heraus zusammenzuarbeiten.
Einige Ressourcen, die für mich hilfreich waren: N. T. Wright, ein englischer Theologie, ist momentan federführend bei der Diskussion über die Metanarrative und wird von evangelikalen und liberalen Christen zugleich geschätzt und gewürdigt.
Dazu ein unverzichtbarer Link, wenn du englisch kannst: http://www.opensourcetheology.net/node/3 . Diese Jungs haben sich viel Mühe gemacht, das in Worte zu fassen, worüber wir nur “labern”…
Danny
April 10th, 2005 at 15:34
Endlich komme ich dazu, eine Antwort zu schreiben. Also:
Das Wissen um die eigene Begrenztheit ist ja das, was unsere Zeit von den Idealen der Moderne unterscheidet, die den Anspruch hatte, alles erklären zu können und alle Ziele erreichen zu können. Dieses Denken hat sich auch in die Theologie eingeschlichen. Moderne Theologie hat versucht, die Bibel vollständig zu erklären. Dabei hat man aber das, was sich gar nicht “wissenschaftlich” untersuchen lässt, aussen vor gelassen. Deshalb werden ja zum Beispiel Prophetien mit dem Argument des “_Vaticinia ex eventu_” relativiert und Wunder Jesu als Nachösterliche Märchen diskreditiert.
Troeltsch dreisatz von Kritk, Analogie und Korrelation macht das deutlich. Denn an sich ist dieser Dreisatz ja nicht schlecht, aber er lässt das “Wunder” außen vor, das Eingreifen Gottes in die Weltgeschichte.
Die PoMo gibt die Möglichkeit, dieses Element wieder in das Denken hineinzulassen. Man wird sich wieder dessen Bewusst, dass die Wissenschaft nicht alles erklären. “Da ist noch mehr”, könnte man es vielleicht zusammenfassen. Und an dieses “Da ist noch mehr” knüpfe ich an.
Du hast gefragt, wie meine (leider ins Stocken gekommene) Confessio zur PoMo passt. Meine Antwort darauf:
* Ich bin nicht Postmodern!
* Ich will nicht Postmodern sein!
* Und ich will nicht postmoderne Theologie machen!
Danny hat es richtig akzentuiert. Ich will Theologie in der Postmoderne machen! (Oder allgemeiner, zeitloser formuliert: ich will Theologie in der _Gegenwart_ machen) Es gibt da diesen Wandel in der Art, wie man die Welt wahrnimmt, der allgemein als die “Postmoderne” bezeichnet wird. Ich sehe diese neue Weltsicht und ich will diese neue Weltsicht verstehen und ich will wissen, wie ich mit den Menschen, die diese neue Weltsicht haben, kommunzieren kann, um die biblischen Wahrheiten zu transportieren.
Aber Theologie selber ist _Metamodern_. Sie steht ausserhalb jeder Zeitströmung. Vielleicht kann man Theologie mit Aristotes oder Platon als “Form” oder “Idee” bezeichnen. In der Bibel werden Wahrheiten transportiert, die keinem Wandel unterworfen sind. Dasselbe gilt für die Ekklesiologie als Teilbereich der Theologie. Jesus hat ein Bild von Gemeinde, eine Idee von Gemeinde.
Auf der anderen Seite ist die gegenwärtige Weltsicht, das Denken der Zeit. Und jetzt gilt es, die “Idee Gemeinde” in die Gegenwart umzusetzen, und dabei keine Abstriche an der Idee zu machen, und trotzdem so viele anknüpfungspunkte an das Denken der Zeit zu finden, wie möglich. Das ist für mich emerging Church.
Die Postmoderne gibt mir einen neuen Blick auf viele Dinge. Sie erlaubt mir einen Blick auf das Metaphysische und auf meine Begrenztheit. Sie zeigt mir, dass Vielfalt auch in der Theologie und Gemeinde möglich und kostbar ist.
Aber ich werde nie jeden Apekt der PoMo übernehmen. Die Relativierung jeglicher Wahrheit lehne ich zum Beispiel ab. Gottes Wort ist absolute Wahrheit. An diesem Punkt stehe ich sogar vor der Moderne, in der Prämoderne. Wenn es wirklich nur um die menschliche Sicht gehen würde, dann müsste ich immer mit einem Blinden Fleck in allem rechnen. Ich persönlich würde zu einem radikalen Skeptiker werden, denn wen man einen Blinden Fleck hat, dann hat man auch zwei und am Ende weiß man nichts. Agnostizismus und Skeptizismus sind die konsequenten Ergebnisse eines auf sich selbst gestellten Menschen. Aber die Offenbarung Gottes ist Realität. Und das durchbricht meine eigene Beschränktheit. Gott gibt mir Einblick in Wahrheiten, die mir sonst verborgen wären. Natürlich wird es in meinem Denken über diese Wahrheit auch blinde Flecken geben. Damit muss ich leben und rechnen.
Kann ich mich in meinem Glauben an Gott und in meinem Vertrauen in die Bibel irren? Natürlich!
Nur weil mein Glaube _unwahr_ sein könnte, muss er nicht unwahr sein, denn er _könnte_ auch wahr sein, und was dann?
GFS