Oh man, ich hab’ mir grade die “Diskussion”:http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia_Diskussion:DDR-URV angeschaut, die sich mit dem Wikipedia “GAU”:http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:DDR-URV beschäftigt, dem größten anzunehmenden Urheberrechtsbruch. Und vom Umfang ist es wirklich ein GAU, ein Desaster. Da hat jemand, wissentlich oder ahnungslos, einen tausendfachen Urheberrechtsbruch begangen, in dem er (sie? ich bleibe der Einfachheit halber bei er) zigfach Artikel aus urheberrechtlich geschützten Lexikas aus der DDR in die Wikipedia hineinkopiert hat (Urheberrechte in der DDR? Ist das nicht wie Schweineschnitzel im koscheren Restaurant? Vor allem bei _geistigem Eigentum_, dem einzigen “Rohstoff”, bei dem sich das kommunistische Ideal ansatzweise verwirklichen ließe).
Jetzt sind dutzende freiwillige dabei, die Sache wieder in Ordnung zu bringen und manche sind ob der schieren Anzahl an Material, das teilweise komplett gelöscht werden muss, darunter ein riesiger Bereich der Philosophie mit vielen wichtigen Artikeln, total gefrustet. Das kann ich sehr gut verstehen. Für manche ist die Wikipedia zu einem intensiven Hobby geworden.
Mir persönlich tut das auch sehr weh. Ich bin ein großer Fan der Wikipedia und der Ideologie die dahinter steht, der Idee vom “freien Fluss der Informationen” und der “Free Culture”. Und wenn dieses System so deformiert wird, dann ärgert mich das. Vor allem, weil wieder die ganzen Schlaumeier kommen, die es je eh schon besser wussten.
Hätte man so etwas kommen sehen können?
“Ja, natürlich. Wo tausend Leute mitpfuschen können, da musste so etwas ja passieren”
Ja, ich habe es auch befürchtet. Gegenüber kleinen Pfuschereien hat sich die Wikipedia relativ resistent gezeigt. Und auch die Qualität war besser, als von vielen Pessimisten und ewiggestrigen vorausgesagt. Da haben sich “renomierte” Enzyklopädien, _old school_ betreut von teuer bezahlten Redakteuren, teilweise bösere Patzer erlaubt und vor allem gar nicht erst die Themenbreite, die in der Wikipedia teilweise erreicht wurde und auch prinzipiell technisch erreichbar ist, im Gegensatz zur natürlichen Begrenzung bei den herkömmlichen Enzyklopädien. Das es mal so einen GAU geben wird, das war natürlich nur schwer vorstellbar, und doch, wer ein wenig nachdenkt und in die Geschichte schaut, der weiß, dass immer irgendwas unerwartetes geschehen kann. Und das jedes System seinen wunden Punkt hat.
Was ist die Lehre aus der Sache?
“Macht das Ding zu, war ne nette Sache. Aber genug gespielt, überlasst das den Profis”
Niemals! (Wieso als alternative nicht das Urheberrecht abschaffen? Dann wäre das Problem auch gelöst. Oder das UrhR zumindest in die Schranken weisen, die es mal hatte und die noch gesund für den kreativen Fortschritt waren.) Die Wikipedia ist ein Experiment. Und ein Experiment darf auch Fehler machen und es darf auch mal auf die Schnauze fallen ohne das es sich damit total erledigt hätte (uns Deutschen wird ja vorgeworfen, wir hätten schiss neues anzufangen, weil die Angst da ist, auf die Schnauze zu fallen und das Gesicht zu verlieren. Dann soll es hier mal anders laufen). Sie hat neue Wege beschritten und neue Wege aufgezeigt. Vor allem ist sie ein Gegenprodukt gegen den _Intellectual Property_ Mainstream, der am liebsten die Wissensallmende austrocknen und Informationen in digitale Schlösser stecken würde, für deren Schlüssel man teuer bezahlen darf. Und wer nicht bezahlen kann hat halt Pech gehabt. (wer mir Paranoia unterstellt und ideologische Verblendung, der sollte sich ersteinmal mit der Materie auseinandersetzen. Die meisten Leute, die überhaupt kein Problem im bisherigen System und seiner Entwicklung sehen, und die die “Free Culture” Szene als Spinnerei abtun, haben sich nie _wirklich_ mit dem Thema beschäftigt). Und als Experiment ist sie so etwas wie der Urbrei für neue Ideen. Das Wiki Konzept wurde durch die Wikipedia stark in die Öffentlichkeit transportiert und es wurde von vielen Seiten aufgegriffen. Wenn ich im Netz herumsurfe sehe ich an vielen Stellen die Wikis aus dem Netz schießen, für ganz verschiedene Sachen.
Nein. Ich bin sogar dankbar, dass der GAU passiert ist, auch wenn mir die Leute leid tun, die das jetzt wieder ausbügeln (leider habe ich momentan einfach nicht die Zeit und Möglichkeit mich da zu investieren.). Aber dieser Zwischenfall hat dem Hype ersteinmal etwas die Luft rausgenommen. Jetzt kann mal Grundlegend über ein neues Konzept nachgedacht werden, bei dem zwischen Qualitätssicherung (auf diesem Feld wurden zwar schon riesen Fortschritte gemacht. Da muss sich aber strukturell noch was tun) und Offenheit (die für die Wikipedia die Luft zum Atmen ist. Daran ist ihr “vorgänger”, die Nupedia, erstickt).
Ich hoffe, dass sie da was gutes finden, dass es voran geht und das weiterhin alternative Pfade beschritten werden, die das Potential der digitalen Welt auch wirklich ausnutzen, und nicht einfach nur alte analoge Modelle in Bytes pressen, um ein paar € zu verdienen (Wie sehr auch die Contentindustrie an die Wand fahren kann zeigt ja der Fall “SonyBMG”.) Auch weil ich hoffe, das wir Christen uns mal mehr in diesem Bereich engagieren würden (im Angelsächsichen ist die “Theopedia”:http://www.theopedia.com/Main_Page ja schon mal ein Anfang). Da wird immer davon geredet, dass wir progressiv denken soll, da wird über die ewiggestrigen Fundis geschimpft, die in bestimmten Themengebieten stecken geblieben sind. Und selber schafft man es nicht, über bestimmte Themengrenzen hinaus zu denken. Fundis 2.0 in etwas erweiterten Grenzen. Pontentialdenken ist da nur beschränkt vorhanden. Anstatt daneben zu stehen und milde zu lächeln sollte man sich lieber Gedanken machen, wie man die neuen Möglichkeiten und Potentiale nutzen kann.
Es geht aber eben nicht nur um Technik sondern um Weltsicht und Weltbild, auch in Themen, die wir Christen bisher gar nicht richtig betrachtet haben (oder höchstens aus “Konsumentensicht” und sehr oberflächlich), wie eben z.B. geistiges Eigentum und der Umgang damit, auch aus “Produzenten” Sicht. Wir schwimmen da immer schön brav im Mainstream mit. Gutenberg hat die Buchpresse erfunden, und das erste, was er gedruckt hat, war die Bibel. Luther hat maßgeblich von dieser “modernen spinnerei” profitiert. Die ersten Christen sind von der Buchrolle zum Kodex gewechselt, was absolut das Aussenseiterzeug war in der damaligen Zeit. Das war nur für Geeks. Aber es hatte einen positiven Einfluss für die Entwicklung des Christentums und heute ist das Buch immer noch in Gebrauch.
Wir als Christen haben das Ziel, die Botschaft von Jesus in die Welt hinauszutragen. Und wenn es neue Möglichkeiten gibt, dass zu tun, dann nutzen wir sie. Und wenn ein System uns Steine in den Weg legt, dann lasst uns daran arbeiten, es zu ändern (nicht mit Gewalt, aber mit kleinen Schritten voran). Das haben die Christen früher gecheckt und sie haben es genutzt. Wieso sollte es heute nicht möglich sein? Status Quo denken bedeutet im Gestern zu leben.
Popularity: 10% [?]


December 1st, 2005 at 22:40
Hi Karl. Danke für dein Post. Tja, Wikipedia ist ein Segen und Fluch. Segen: Kostenlose Information. Fluch: Freie Informationsvermittlung ist utopisch und unrealistisch, weil es immer einen gibt - der von oben die letztliche Autorität hat. Naja, ist ja auch egal. Benutzen wir’s!
http://www.usatoday.com/news/opinion/editorials/2005-11-29-wikipedia-edit_x.htm
December 2nd, 2005 at 14:52
Hi Karl!
Mensch, ich wundere mich wirklich, dass du neben deinem Studium noch so viel Zeit hast, um solche Berichte zu schreiben …
aber war irgendwie interessant … =)
December 3rd, 2005 at 0:12
Naja, es dauert ja keine Stunden so was zu verfassen. Ist halt mein Hobby mir über so Dinge Gedanken zu machen, so wie andere in was weiß ich was Stunden investieren (nur das das häufig halt nicht so publik ist wie das hier). Ich brauche ne Abwechslung zu den vielen hundert Vokabeln, Konjugationen, Deklinationen etc. die ich mir hier einhämmern muss