In Kapitel 5 haben wir die berühmte “Mene Tekel” Geschichte. Bei einem Festmahl des Königs Belschazzar erscheint pötzlich eine Hand und schreibt etwas an die Wand. Der König kriegt fast einen Herzkasper und ist bereit, denjenigen, der diese Schrift entziffert, fürstlich zu belohnen.
All die Klugen Leute tanzen an, nur einer fehlt, und das ausgerechnet der Oberste der Weisen, Wahrsager, Magier und Sterndeuter, nämlich Daniel. Auf den ersten Blick erscheint das Merkwürdig, aber wenn man V.17 betrachtet, dann wird’s verständlich. Daniel ist nicht scharf auf die Geschenke. Und das nicht in dem Sinne “ich brauch die Geschenke nicht … aber da du sie mir schon anbietest …”. Er hat _wirklich_ keine Ambitionen darauf.
Er hätte die Situation auch nutzen können, um sein Ansehen auch beim neuen König beachtlich zu steigern. Das wäre doch ein Auftritt! Er lässt all die anderen an der Schrift versagen um dann auf die Bühne zu treten und zu zeigen, was er drauf hat.
Aber wieder war Daniel nicht anwesend. Er legte nicht viel Wert auf publicity. Er war der Arbeiter in der zweiten Reihe. Aber er war auch bereit, seiner Pflicht nachzukommen. Und er war mutig. Er hat auch bei Belschazzar den Mut, ehrlich zu sein und ihm die Wahrheit unverblümt zu sagen, so wie er es auch schon bei Nebukadnezzar getan hat.
Zu dieser Zeit war er sicherlich nicht mehr der junge Bursche von damals. Er ist älter geworden, war mitten im Leben, ist angesehen, einer der wichtigsten Männer im Staat. Er hätte sich Gedanken über die Zukunftssicherung machen können. Zukunftssichernd ist es aber sicher nicht, dem König zu sagen, er sei ein Idiot. Das hat er nicht so direkt gesagt, aber er wirft ihm vor, nicht aus den Fehlern seines Vorgängers zu lernen.
Das, was Daniel in seinem Leben durchsteht, ist so weit weg von meiner Lebenssituation, dass ich manchmal denke, mit dem kann ich nichts anfangen. Ich muss mich nicht mit Königen herumplagen. Aber es geht darum, den roten Faden in Gottes Wort zu finden, das Prinzip hinter der Geschichte, die Wahrheiten für mein Leben.
Und durch Daniel wird man herausgefordert, den Weg zwischen Feigheit und Größenwahn zu gehen, zwischen “Skylla”:http://de.wikipedia.org/wiki/Skylla und “Charybdis”:http://de.wikipedia.org/wiki/Charybdis. Daniel hätte auf beiden Seiten herunterfallen können, und er ist doch den richtigen Weg gegangen.
Jeder von uns muss diesen Weg finden. Ich kann die Klappe halten, wo ich etwas zu sagen hätte, und wo man etwas sagen müsste. Dann bin ich feige und entziehe mich der Verantwortung. Auf der anderen Seite kann ich auch meine Klappe aufreissen, mich ins Rampenlicht stellen, wo man lieber etwas bescheidener auftreten sollte.
Ich bin momentan Klassensprecher. Das ist sicherlich nicht vergleichbar mit einem Statthalter von Babylon. Mein Chef heißt Herr Klaassen und nicht Nebukadnezzar. Das ist alles eine etwas andere Liga. Aber es gelten auch hier ähnliche Prinzipien. Ich kann die Klappe halten, wo es an meiner Verantwortung wäre, etwas zu sagen, auch wenn es für den einen oder anderen unbequem wäre, vor allem für mich selber. Ich kann aber auch den großen Macker spielen, den Manager, ich kann mich bei der Schulleitung einschleimen, und gleichzeitig auch bei den Schülern (das geht! Ich weiß zwar nur nicht wie, aber andere schaffen das auch irgendwie. Irgendwas mache ich falsch … ;-)). Nur wird beides nach einiger Zeit in einer Sackgasse enden. Es ist heute, in den vielen kleinen Situationen, dieselbe Weisheit gefragt, die einem jüdischen Exilanten im großen Babylon geholfen hat, sich vor die größten Männer der Weltgeschichte zu stellen und ihnen das richtige zur richtigen Zeit zu sagen, mit der richtigen Einstellung: Gottes Weisheit.
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