Im Proseminar “Historische Theologie” hat uns unser Lehrer Dr. von Padberg eine Liste mit Literatur gegeben, die jeder Theologe mal gelesen haben sollte. Er listet dort 40 verschiedene Titel aus allen Epochen der Kirchengeschichte auf (34 dieser 40 Titel werden im Sammelband “Von Tertullian bis Bonhoeffer: Was Theologen lesen sollten” im Rahmen eines Projekts an der FTA von Studenten vorgestellt). Darunter ist natürlich auch der epochemachende Aufsatz “Neues Testament und Mythologie” von Rudolf Bultmann, in dem er sein “Entmythologiesierungsprogramm” vorstellt und erläutert.
Ich hatte bisher noch nichts von Bultmann selbst gelesen, aber das Stichwort “Entmythologisierung” hat ja in den letzten 60 Jahren seine Runde bis in den Religionsunterricht an der Schule gemacht (auch wenn’s in der letzten Zeit wohl wieder etwas ruhiger geworden ist um das Thema). Und letztens habe ich auch den Sammelband “Neutestamentliche Wissenschaft” gelesen, wo eine Reihe von bekannter NT Theologen autobiographisch aus ihrem Leben und Dienst in der NT Wissenschaft berichtet haben. Dabei hat eine ganze Reihe von ihnen auf Bultmann verwiesen, der sie entweder überhaupte erst für Theologie begeistert hat, oder der ihnen die Augen für ein besseres Verständnis der Bibel auch in der heutigen Zeit geöffnet hat.
Zum Glück haben wir hier in der FTA Biblio einen Sammelband, in dem auch Bultmanns Aufsatz enthalten ist. Und so dachte ich mir, es ist mal an der Zeit denjenigen mal zu lesen, der mehrere Generationen von Theologen und Theologien geprägt hat und immer noch prägt, wenn auch mittlerweile meist indirekt in Form seiner Schüler und Enkel.
“Neues Testament und Mythologie”, das ist dieser berühmte Aufsatz, in dem Bultmann folgenden Satz formuliert:
Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben.
(Mir stellt sich dabei automatisch die Frage: Wieso nicht?) Wenn man diesen Aufsatz, vor allem als brav christlich und fromm geprägter Evangelikaler, liest, dann wirkt dass an manchen Stellen wie ein Dolchstoß nach dem anderen:
Welterfahrung und Weltbemächtigung sind in Wissenschaft und Technik so weit entwickelt, daß kein Mensch im Ernst am neutestamentlichen Weltbild festhalten kann kann und festhält. Welchen Sinn hat es, heute zu bekennen: “niedergefahren zur Hölle” oder “aufgefahren gen Himmel”, wenn der Bekennende das diesen Formulierungen zugrunde liegende mythische Weltbild von den drei Stockwerken nicht teilt? Ehrlich bekannt werden solche Sätze nur, wenn es möglich ist, ihre Wahrheit von der mythologischen Vorstellung, in die sie gefasst ist, zu entkleiden, - falls es eine solche Wahrheit gibt. Denn das eben ist theologisch zu fragen. Kein erwachsener Mensch stellt sich Gott als ein oben im Himmel wohnendes Wesen vor; ja, den “Himmel” im alten Sinne gibt es für uns gar nicht mehr. Und ebensowenig gibt es die Hölle, die mythische Unterwelt unterhalb des Bodens, auf dem unsere Füße stehen. Erledigt ist die Erwartung des mit den Wolken des Himmels kommenden “Menschensohnes” und des Entrafftwerdens der Gläubigen in die Luft, ihm entgegen[1]
So etwas ähnliches findet man an verschiedenen Stellen:
Wie kann meine Schuld durch den Tod eines Schuldlosen (wenn man von einem solchen überhaupt reden darf) gesühnt werden? … Welch primitive Mythologie, daß ein Mensch gewordenes Gotteswesen durch sein Blut die Sünden der Menschen sühnt[2]
Oder Auferstehung:
Ein historisches Ereignis, das in seiner Bedeutsamkeit zu verstehen wäre, ist sie ja jedenfalls nicht[3]
etc etc etc.
Es ist vielleicht doch ganz gut, dass ich Bultmann erst jetzt gelesen habe. Früher hätte ich das wahrscheinlich gelesen und nur gesagt: So ein Mist! Voll der Idiot, zugeklappt und nicht mehr drüber nachgedacht. Nicht das Bultmann mich heute mehr überzeugen würde. Ich finde seinen Ansatz immer noch sehr begrenzt und schlapp. Aber heute mache ich mir zumindest Gedanken darüber, wieso ich seinen Ansatz ablehne, und in der Regel versuche ich mich heute ein wenig gepfleger auszudrücken (zumindest in der Öffentlichkeit
… ausser bei Holocaustleugnern …).
Bultmann baut sein Entmythologisierungsprogramm stark auf dem Weltbildgedanken auf. Das Weltbild, in dem die biblischen Bücher verfasst wurden, ist in seinen Augen ein gänzlich anderes, als unseres heute. Dieser Ansatz ist von der Seite her interessant, als dass Bultmann seinen Aufsatz selber im Kontext eines gewissen Weltbildes geschrieben hat, nämlich im Kontext eines neuzeitlichen Weltbildes, in dem Wunder keinen Raum haben und die Erlösungsbedürftigkeit des Menschen nicht darin besteht, dass er durch seine Sünden von Gott getrennt ist und die Erlösung durch Jesus und sein Blut benötigt, um wieder Gemeinschaft mit Gott zu haben. Der Mensch an sich ist gut, sein Problem ist nur, dass er das erkennen muss und das er mit seinen existentiellen Ängsten umgehen lernen muss. In diesem Weltbild ist die Wissenschaft “King” und hat das Deutungsmonopol. Bultmann ist also selber in genau so einem Weltbild gefangen, wie es die Menschen in der biblischen Zeit seiner Meinung nach auch waren. Woher nimmt Herr Bultmann also nun die Gewissheit, dass sein Weltbild so viel zutreffender ist, als das andere Weltbild? Die Menschen damals waren sicherlich genauso überzeugt davon, dass ihr Weltbild korrekt ist, so wie Bultmann auch von seinem neuzeitlichen Weltbild überzeugt ist.
Ich höre schon die Einwände anpochen: “Aber hat die moderne Wissenschaft nicht gezeigt, dass es keine Wunder ….”.
Nein, hat sie nicht. Sie hat vieles geleistet. Und sie hat vieles von dem, was früher als unbegreiflich und mysteriös gesehen wurde, begreifbar gemacht und auf rationale Weise erklärt. Super. Dafür kann sich die Wissenschaft zu Recht die Lorbeeren aufsetzen. Das ist ja auch das, was sie leisten kann. Was die Wissenschaft aber nicht leisten kann, ist auzuschließen, dass es das Metaphysische gibt.
Nur weil wir heute wissen, dass die Erde um die Sonne kreist, und dass diese nicht von einem Gott am Wagen gezogen wird, etc. heißt es ja nicht, dass es überhaupt keinen Gott gibt, der u.U. auch allmächtig sein kann. Diese Frage liegt ausserhalb der wissenschaftlichen Verfügbarkeit, ist ja metaphysisch.
Da ja ein allmächtiger Gott, trotz aller wissenschaftlichen Erkenntnisse, weiterhin denkbar und möglich ist, ist auch möglich, dass dieser Gott in das Weltgeschehen eingreift. Auch das kann die Wissenschaft nicht ausschließen. Sie kann das dann nicht ausschließen, wenn sich dieser allmächtige Gott seiner von ihm gesetzten Naturgesetze bedient, so dass es wie ein ganz natürlicher Vorgang aussieht (die Wissenschaft kann den Vorgang nachvollziehen und sagen, wie eine bestimmte Sache geschehen ist. Aber nur weil sie den Vorgang mit empirischen Mitteln nachvollziehen kann, kann sie nicht ausschließen, dass ein Gott am Handeln war); sie kann aber auch ein den regulären Naturgesetzen widersprechendes Eingreifen Gottes nicht ausschließen. Sie kann es für die Vergangenheit nicht ausschließen und sie kann es für die Gegenwart nicht ausschließen, denn sie kann die Vorgänge, die überliefert wurden, nicht nachvollziehen, als wären sie vor den Augen eines Wissenschaftlers geschehen, und sie kann auch nicht alle in der Gegenwart passierenden Vorgänge unter Laborbedingungen untersuchen. Das ist einfach praktisch gar nicht machbar. Sie kann nur sagen, dass ein scheinbar übernatürliches Ereignis nach gegenwärtigen Stand der Forschung nicht plausibel erklärbar ist, ergo in den Augen des Wissenschaftlers unmöglich, weil es seinem Weltbild widerspricht, in dem die Naturgesetze (in der Regel, da ist auch schon nicht mehr alles so sicher) allgemeine und absolute Gültigkeit haben. Und hier haben wir wieder das Weltbild.
Es dreht also um die Frage der Perspektive: ob ich von den gesicherten wissenschaftlichen Fakten und allgemein gültigen Regeln ausgehe und dann anhand dessen die Plausibiltät aller Vorgänge in der Natur beurteile (in diesem Weltbild haben Wunder natürlich wenig Raum, höchstens als Psychologische Vorgänge, wie das ja auch bei Bultmann durchklingt), oder ob ich in meinem Weltbild von einem Gott ausgehe, der zwar die größte Zeit über den Naturgesetzen ihren Lauf lässt, sich aber vorbehält, auch im Widerspruch zu diesen Regeln einzugreifen.
Das “wissenschaftliche” Weltbild ist momentan sicherlich der Mainstream und das alleine scheint schon der Beleg dafür zu sein, dass es richtig ist. Wer beide Weltbilder aber nebeneinander stellt und beide objektiv zu betrachten und zu beurteilen versucht, wird feststellen, dass beide ersteinmal gleichwertig nebeneinander stehen und ich mich quasi “entscheiden” muss, aus welchem Weltbild heraus ich die Welt erklären und beobachten will.
Bultmann hat sich für das erste Weltbild entschieden. Und dann kommt er natürlich auch zu den Ergebnissen, die er in seinem Aufsatz ausführt. Ich selber gehe vom zweiten Weltbild aus und da steh’ ich auch offen zu. Heißt das nun, dass ich keinen Rasierapparat mehr verwenden darf, weil ich an die Jungfrauengeburt, an den Sühnetod Jesu, an die Auferstehung, an einen personalen Gott, an die Wiederkunft Jesu und an Himmel und Hölle glaube? Abgesehen davon, dass ich momentan eh keinen elektrischen Rasierapparat besitze, frage ich mich, wie Bultmann zu diesem Schluss kommt. Brauche ich Gott in meinem Weltbild nicht mehr, nur weil ich Strom zu Verfügung habe? Wer hat denn den Strom gemacht? Ich glaube nicht, dass Gott überrascht war, als die Menschen den Strom entdeckt haben, und das er Panik bekam, weil er Angst hatte, auf einmal überflüssig zu sein (ich formuliere etwas spitz, ich hoffe ihr seht mir das nach). Ich benutze momentan noch viel mehr Technik, als Bultmann sich je hätte vorstellen können, Computer, Internet, Handy etc. Ich selber habe eine Operation an der Wirbelsäule hinter mir, die nicht ohne war und die im schlimmsten Fall mit einer Querschnittslähmung hätte enden können. Heute darf ich gehen und laufen, dank moderner Medizin. Darf ich nun Gott nicht mehr danken (dem Gott ihm Himmel und nicht einem undefinierbaren etwas, was im Grunde ich selber bin), nur weil es diese Technik gibt? Das wäre ein viel zu beengtes Blickfeld auf diese Welt. Ich gehe an dieser Stelle eher mit Klaus Berger, der in seinem opus magnum “Jesus”: schreibt:
In Wirklichkeit leben wir nicht mehr nur eindimensional nach der Physik des 19. Jahrhunders. Man kann das Nebeneinander verschiedener Wirklichkeiten auch als “Ungleichzeitigkeit” bezeichnen. Dieselben Menschen, die einer Internet-Community angehören und sich einer Laseroperation unterziehen, können gleichwohl das Fest des Erzengels Michael feiern. So ist der Satz Rudolf Bultmanns “Ich kann nicht gleichzeitig einen elektrischen Schalter benutzen und an die Himmelfahrt Jesu glauben”, der seinerzeit ob seiner “Modernität” schockierte, heute nicht nur altbacken, versnobt und überholt, sondern unsinnig[4].
Abgesehen davon, dass ich kein Fest des Erzengels Michael feiere, kann ich mich der Meinung von Klaus Berger nur anschließen. Das ist ein viel lebendigerer und offenerer Blick auf die Welt, als nur (ich hab ja nix gegen Wissenschaft, nicht das mir Wissenschaftsfeindlichkeit unterstellt wird) durch die Augen des Mikroskops, wo das, was ich nicht untersuchen kann, auch nicht sein kann.
Noch ein paar Gedanken zum Aufsatz:
- ich kann gut verstehen, wie Bultmann zu seinem Ansatz kommt und wieso er für viele andere Theologen so befreiend wirkte. Bultmann ist, in Anlehnung an Hegel ausgedrückt, so etwas wie die Verkörperung des Zeitgeistes zu seiner Zeit. Vor Bultmann hat einige Jahrzehnte lang die liberale Theologie gewütet und die historische Glaubwürdigkeit der Bibel stark angezweifelt. Nur allgemeingültige Vernunftwahrheiten wurden stehen gelassen. Alles andere konnte gestrichen werden (S. 24), und auch die spätere religionsgeschichtliche Schule beschränkt sich auf bestimmte Aspekte der Bibel und vernachlässigt andere (S. 25). Bultmann dagegen will die ganze Bibel für den modernen Menschen zugänglich machen. Auswählen und Streichen ist für ihn nicht die richtige Methode (S. 21). Die ganze Bibel soll ernst genommen werden. Das klingt schon fast sympathisch. Und in der Tat ist das ein positiver Ansatz, der sehr treffend die Probleme der vorhergehenden Liberalen Ansätze benennt und kritisiert. Wie er nun damit umgeht ist das, was ich kritisiere und wo ich einen anderen Weg gehe. Bultmann übernimmt die Kritik an der Geschichtlichkeit der biblischen Berichte. Diese Ergebnisse der historischen Kritik stehen für ihn gar nicht zur Debatte. Er sucht nur nach einem anderen Weg, um mit diesen Ergebnissen umzugehen. Und dieser Ansatz heißt “Entmythologisierung” und “Existentialistische Interpretation”. Das dieser Ansatz vielen Theologen und Theologieinteressierten aus einem Dilemma half, ist verständlich. Das Dilemma bestand und besteht ja darin, wie ich die Bibel einerseits für mich relevant machen kann, ohne sie zu beschneiden, und wie ich aber andererseits mit den Sachen in der Bibel umgehe, die den aktuell gültigen Paradigmen widersprechen. Bultmann spricht mit seiner Lösung sicherlich vielen aus dem Herzen. Diesen Ansatz aber teile ich nicht, weil ich bezweifle, dass die biblischen Berichte so wie sie dastehen, in ihrer wörtlichen Bedeutung, der “Wirklichkeit” widersprechen.
- Bultmann sieht ja das Weltbild, in dem die biblischen Verfasser lebten und das dann sich folglich auch in den biblischen Büchern durschlägt, als veraltet an, als unhaltbar. Ich will hier nicht das Thema nochmal von vorn aufrollen. Das soll nur eine kurze Ergänzung sein, die ich oben nicht mehr unterbekommen habe. Wenn man Bultmanns Axiome vor Augen hat, die seinem Weltbild zugrunde liegen, dann verstehe ich, wie er zu diesem Urteil kommt. Das ist auch mit seinem Inspirationsverständnis verküpft. Auch wenn ich sein Verständnis von der Inspiration nicht direkt kenne, so lässt sich aus seinen gemachten Aussagen zumindest folgendes schließen:
- Er vertritt keine Verbalinspiration, denn das würde einen personalen Gott erfordern, der die Schreiber inspiriert. Einen personalen “Gott im Himmel da oben” lehnt er aber ab (S.17).
- Folglich wird er kaum davon ausgehen, dass die Schreiber eine faktische und historische wiedergabe der Realität geben wollten, oder ein allgemeingültiges Weltbild zeichnen wollten, sonst müsster er ja die Jungfrauengeburt, Auferstehung etc. als historische Tatsache annehmen, was er nicht tut.
- Ich aber glaube an eine Verbalinspiration (keine Diktatinspiration! nicht verwechseln), so dass die biblischen Verfasser genau das aufgeschrieben haben, was Gott im Sinn hatte. In der Bibel begegnen mir also nicht die Berichte von den Jüngern Jesu, die, gefangen im Weltbild ihrer Zeit, über Jesus auch nur im Kontext dieses Weltbild geschrieben haben. Hier wird’s etwas knifflig. Mir begegnet in der Bibel ein allgemeingültiges Weltbild, das die Realität auch faktisch und historisch beschreibt und wiedergibt. Wenn also die Bibel von Himmel und Hölle und Auferstehung und Jungfrauengeburt und Gott im Himmel redet, dann ist das Realität und nicht bloß Psychologie etc. Das die Jünger sich dabei der Begriffe und Bilder ihrer Zeit bedienten ist dabei nicht ausgeschlossen und in der Bibel auch zu finden. Das ist die schriftgewordene Inkarnation des Wortes Gottes, die Göttliches in Menschlichem vermittelt, ohne das eine der beiden Seiten defizitär wäre.
Hier kann man sich schnell verrennen, weil häufig ähnliche Begriffe verwendet werden, diese aber anders gefüllt werden. Das ist auch ein Problem mit Bultmann. Er verwendet sehr häufig dieselben Begriffe, die man auch in frommen evangelikalen Kreisen gebraucht. “Heil”, “Sünde”, “Vergebung” etc. All das liest man auch bei Bultmann, nur dass sich andere Konzepte dahinter verbergen. Daher muss man, wenn man Bultmann kritisiert, sehr vorsichtig sein, wie man sich ausdrückt, und man muss sich zuerst Gedanken darüber machen, was Bultmann mit diesem Begriff eigentlich meint. Sonst kann man sich in einer Diskussion schnell verstricken. - Habe ich nur Kritik an Bultmann? Nein. Sein Existentialistischer Ansatz hat einige interessante Gedanken, die auch mich ansprechen. Bultmann betont das Kerygma, die Verkündigung, als eschatologisches Ereignis, dass immer “jetzt” wirkt, ewigjetzig. Es geht also nicht nur darum, sich auf die Ewigkeit zu vertrösten, sondern Gott heute in sich wirken zu lassen. Dem kann ich nur zustimmen, wenn ich das richtig aufgefasst habe. Das sich aber hinter den Kulissen dieser Worte vieles verbirgt, was ich anders sehen würde, ist aber auch klar. Vor allem habe ich was gegen auschließlichkeitsansprüchen methodischer Ansätze. Als sei “nur” die Existenialistische Methode brauchbar, oder der feministische Ansatz, oder der Psychologische, oder der Narrative etc. Jeder dieser Ansätze hat was für sich (ja, sogar der feministische ;-)), aber keiner alleine wird der Bibel gerecht.
- Von dem, was ich über Bultmanns Leben weiß, habe ich auch viel Respekt vor seiner Person. Er hatte den Mut gehabt, in der Hölle des dritten Reiches “Nein” zum Faschismus zu sagen und sich in der bekennenden Kirche zu beteiligen. Da ist er sicherlich vorbildlicher gewesen als manch evangelikaler in dieser Zeit, dem ich vielleicht theologisch näher stehen würde. Wenn ich also seine Theologie kritisiere, so ist das nicht gegen ihn als Person gerichtet.
Ich kann nachvollziehen, wieso Bultmann und viele seiner Schüler dieser Theologie anhängen. Sie bietet in der Tat einen, für sich gesehen, plausiblen Ausweg aus dem Dilemma, in dem man als Christ steckt, wenn man die Welt mit dem “wissenschaftlichen” Weltbild wahrnimmt. Mich selbst hat der Ansatz aber nicht überzeugt. Ich finde seine Ansichten überhaupt nicht so zwingend und selbstverständlich, wie Bultmann es darstellt. Vielleicht wäre ich anderer Meinung, wenn ich früher gelebt hätte. Das kann sein. Ich lebe aber heute. Und heute habe ich keine Probleme damit, einerseits die Fortschritte der Wissenschaft anzuerkennen, aber auch ihre Grenzen zu sehen und zu sehen, dass es noch viel mehr gibt, was durch das Sieb der Wissenschaft fällt.
Das war jetzt glaub’ ich mein längster Post bisher (abgesehen von der Predigt über Psalm 73, aber die fällt ja aus der Reihe, weil die nicht speziell für den Blog geschrieben wurde), und ich weiß gar nicht, ob mir überhaupt einer noch bis hierhin gefolgt ist, oder ob ich nicht schon lange nur noch das Rauschen im Internet fördere ;-). Aber ich denke Bultmann kann man nicht in zwei Zeilen abhandeln. Und mir hat es geholfen, meine Gedanken zu sortieren und mir eine Meinung zu bilden.
Für Anmerkungen und Kritiken bin ich immer offen,
GFS
Fußnoten:
1. Rudolf Bultmann, “Neues Testament und Mythologie”, in: Kerygma und Mythos - ein theologisches Gespräch, 1960, S. 17f.
2. Ebd., S. 18.
3. Ebd., S. 44.
4. Klaus Berger, Jesus, S. 23f.
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December 13th, 2005 at 3:44
Everyone who studies New Testament should be required to read Bultmann’s commentary on John, his essays collected in Glauben und Verstehen, the book you here discuss, and his sermons. One cannot have a full picture of the man’s contributions to the field without having these materials well in hand.
December 13th, 2005 at 9:54
Sure, you’re right. And it wasn’t my purpose to give a comprehensive critic of his whole work. But this essay is something like a _nucleus_ of his theology, his fundament. And I just wanted to deal with this essay and it’s basic intension’s. I do not want to presume to give a critic about his whole contribution to theology. He’s not my level.