Mr. White, mein Chef für diese Woche, bittet mich darum, ein paar Bücher aus der Gießener Uni-Bibzu besorgen. Er hatte eine Liste mit Büchern erstellt. Ich sollte also im Online Katalog nach den Signaturen schauen und ob sie überhaupt da sind und dann ausleihen. Da ich (noch) keinen Leseausweis von der Uni habe (ist das erste, was ich mache, wenn ich in der WG eingezogen bin), wollte er mir seinen geben, ist ja auch für ihn.
Ich setz mich also an den PC und check die Liste durch. Es hat ne Zeit gedauert, bis ich das System gecheckt habe (Wir leben im 21.Jhrd, aber Literaturrecherche ist immer noch Steinzeit), aber dann hatte ich fast alle Bücher. Einige hatte ich nicht gefunden, die scheinen wohl nicht da zu sein (Wobei ich immer noch ein mulmiges Gefühl habe, denn ich sollte Bücher, die es in Gießen nicht gibt, in Marburg und dann vor allem Tübingen gegenchecken … Tübingen hat alles, die “zweitgrößte theologische Büchersammlung“: nach der Library of Congress und selbst da hatte ich sie nicht gefunden :-?).
Während ich so über den Büchern grübelte, grübelte ich auch darüber, dass Joel mir zwar seinen Leseausweis geben “wollte”, aber nicht gegeben hat. Na Prost. Ich wollte ihn gerade anrufen, da klingelte das Telefon. Mr White am Apparat, na so ein Glück.
Er fragt was wegen Openoffice (schreibt eure Dissertation niemals in Word, ausser ihr seid nicht so scharf auf viele Seiten und Fussnoten und eine gute Note. Tut mich als M$ hasser und Spinner ab. Ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt. Aber ich weiß von nicht nur einem Dissertanten, der seine Dissertation in kleine Packete aufgeteilt hat, weil die Fussnoten gesponnen haben. 700 Fussnoten, 300 Seiten, mit OOo kein Problem). Ich frag ihn wegen Leseausweis, er sagt mir: “Frag Armin Baum, wenn er noch da ist”.
Ich: “Oohkey”
Er legt auf. Ich mach weiter mit den Büchern bis ich die Liste fertig habe. Ich klopfe bei Dr. Armin Baum im Büro nebenan … keiner da. Na gut. Ich versuchs ne halbe Stunde später noch mal:
“herein”
Oohkey
Ich öffne vorsichtig die Tür. “Tut mir Leid Herr Baum, das ich sie störe, aber ich soll für Joel ein paar Bücher ausleihen, aber er hat vergessen, mir seinen Leseausweis zu geben, also für die Uni Bib und er sagte mir ich sollte sie fragen, ob ich Ihren benutzen könnte”
Dr. Baum gibt mir seinen Leseausweis
“Na dann viel Spaß”
“Vielen Dank, auf wiedersehen”
Puh, wieder atmen, herz runterfahren.
Aufs Fahrrad und zur Uni. Die heimelige Wohnzimmer Atmosphäre der Braker Biblio und der Massenbetrieb der Uni Bib lassen sich nicht vergleichen. Ich hab keine Ahnung, wo ich was machen soll. Also taste ich mich langsam an den Schalter heran, wo “Ausgabe” steht.
“Tschuldigung. Ich soll für meinen Dozenten ein paar Zeitschriften und Bücher ausleihen. Aber ich habe keine Ahnung”
Mir wird erklärt, dass ich die Zeitschriften erst auf einem weißen Zettel vormerken muss und dass die Bücher nicht hier auszuleihen sind. Ich solle im PC nachschauen, in welcher Bereichsbiblio die zu finden sind.
Oohkey
Ich nehm zwei der Zettel, fühl sie brav aus und schmeiß sie um punkt 12 in den Vormerk Kasten (Was bis 12.00 vorgemerkt wird, kann am selben Nachmittag abgeholt werden … theoretisch).
Dann sitz ich am PC und wühl die Liste der Bücher noch mal danach durch, wo die eigentlich zu finden sind. Aha, alle im Philosophikum II. Also schnell aufs Fahrrad und zum Philosophikum II. Dieser Uni Bereich gleicht einer kleinen Hippikomune, abgelegen im Wald gelegen. Interessant. Ich radel also zwischen der geistigen Elite im Wald her und such die Biblio.
In der Biblio wird man von der “sanften” Stimme einer Bibliothekarin empfangen, die gerade eine Studentin anraunzt:
“Die Tasche aber nicht in die Biblio”
Ich pack meine Tasche gleich auf den Tisch am Eingang, als wüsste ich das schon längst, dass das verboten ist und marschier unverdächtig durch die Bibliothek, eine Bibliothek mit fünf verschiedenen Signatursystemen, weil das fünf kleine Biblios waren, die zusammengetan wurden. ich find den theologischen Abschnitt und fühl mich wie im Paradies. Regalmeterweise Standardwerke un exotische theologische Literatur. Bei manchen Kommentaren kann man die “Versionshistorie” fast genauso lückenlos bis auf die Erstausgabe zurückverfolgen, wie bei der Wikipedia.
Ich kratz also meine Bücher zusammen und mach mich auf den Weg zur netten Dame vom Empfang:
“Ich würd die gerne ausleihen” Nicht zu viel reden, denn jedes Wort macht dich verdächtig.
“Für diese beiden Bücher müssen sie eine Ausleihkarte ausfüllen”
Oohkey
Ich schnapp mir die Karten und fang an, sie auszufüllen.
Name: Armin Daniel Baum
Adresse: (Hm, was füll ich da aus? Ich kenn die Adresse vom Baum nicht. Ich geb einfach die Adresse von der FTA an)
EMail Adresse (Na toll. In der ganzen Hektik hab ich dummerweise meine angegeben)
blablabla
Ich leihe Bücher für Joel White mit der Karte von Armin Baum unter meiner eMail Adresse aus. Ich hoffe keiner sieht da genauer drauf.
Ich radel mit dem Packen von Büchern und einer niegelnagelneuen Tragetasche der Justus-Liebig Bibliothek, aus Polyäthylen, ganz sicher schadstofffrei, wieder los.
An der FTA treff ich Herrn Baum, der gerade nach Hause radeln will.
“Sind Sie am Nachmittag wieder da? Ich muss noch Zeitschriften abholen, dafür brauche ich Ihre Karte”
“Ich denk schon, ansonsten schieben sie die Karte unter meiner Tür durch. Das geht schon”
Also schnell Mittagspause machen, beim Burger King. Dann wieder aufs Fahrrad und zur Uni.
“Ich würd gern die Zeitschriften abholen, die ich vormittags vorgemerkt habe”
“Haben Sie ihren Leseausweis da”
“Ja, bitte schön”
Auf dem Weg zum Magazin schaut die Frau auf die Karte, liest den Namen, dreht sich um und fragt:
“Sind sie Armin Baum”
*Alarm* *Alarm*
“ähhh, nein”
“Das dachte ich mir schon, weil ich Herrn Baum kenne”
Toll
“Sie brauchen eine Vollmacht vom Herrn Baum, sonst kann ich Ihnen die Zeitschriften nicht geben”
Oohkey
“Die sind ausserdem noch nicht da. Kommen sie um halb Vier wieder”
Oohkey
Also wieder aufs Rad, zurück zur FTA und zu Herrn Baum.
“Ähhh, sie sind leider zu bekannt in der Unibib. Die wollen mir die Zeitschriften nicht ausgeben ohne Vollmacht”
“Soso. Na das ist aber schlimm.” Der Gesichtsausdruck lässt sich schwer identifizieren aber ich glaube ein ganz zaghaftes schmunzeln zu vernehmen.
“Wir war nochmal Ihr Name”
“Karzelek” ( Ich hoffe der Name bleibt hängen
… ohne Konnotation mit diesem Vorfall
)
“Dann müssen Sie ja wohl wieder hin”
“Das hätt ich eh. Vielen Dank”
Mit der Vollmacht in der Hand gehts zurück ins Büro. Um halb Vier dann wieder aufs Rad und zur Unibib.
“Ich würde gerne die Zeitschriften ausleihen, die ich vorgemerkt habe”
“Auf “Baum” nicht wahr? Hm, die sind wohl leider noch nicht da. Die kommen aus dem Altbau. Kommen Sie Morgen um halb Vier wieder. Das dauert hier manchmal alles ein wenig”
Toll
“Vielen Dank”
Aufs Rad und zurück zur FTA, ins Büro von Herrn Baum (mit einer beachtlichen kleinen Bibliothek. Ich würd gern seine private zu Hause sehen
)
“Die Zeitschriften sind noch nicht da. Der Joel wird dass dann Morgen abholen müssen und mit Ihnen klären. Ich bin dann nämlich wieder weg. Vielen Dank!”
“Nichts zu danken”
Ja, das war ein lustiger Tag. Zumindest habe ich das Ausleihsystem der Unibib besser kennen gelernt und ich weiß, dass das Philosophikum II meine zweite Heimat wird
Wenn ich also im Oktober ankomme, dann hab’ ich etwas weniger Stress.
Und durch die Kopierarbeiten für Joel einen Tag zuvor weiß ich, wo viel interessante Literatur, z.B. zu
GFS
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